Hisbollahs Kalkül
Eskalation unter Vorbehalt
Die jüngste Rede von Hassan Nasrallah ist kein Aufruf zur Eskalation, sondern ein kalkulierter Balanceakt. Sie ist ein typisches Beispiel für das strategische Verhalten substaatlicher Akteure, die als geopolitische Werkzeuge einer Großmacht fungieren – in diesem Fall Iran. Seine Worte müssen nicht als Ausdruck libanesischer Interessen verstanden werden, sondern als Spiegelbild iranischer Sicherheitsdoktrin: Konflikte weit weg von der eigenen Grenze halten, gegnerische Kräfte binden, aber die Überlebensfähigkeit des eigenen Systems sichern.
Was wir derzeit erleben, ist kein revolutionäres Aufbäumen gegen Israel, sondern ein Spiel mit Grenzen – ein Test, wie weit man gehen kann, ohne die US-amerikanische Antwort zu provozieren. Der entscheidende Satz in Nasrallahs Rede ist nicht der über mögliche künftige Angriffe, sondern die verdeckte Botschaft: „Wir eskalieren nur, wenn ihr es zuerst tut.“Diese Form der Eskalationssteuerung ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck strategischer Selbstbeherrschung – ein Wert, der im künftigen Zeitalter multipolarer Konfrontation überlebenswichtig ist.
Die Hisbollah ist nicht „nur“ ein libanesischer Akteur, sondern der effektivste Proxy Irans. Für Teheran ist sie zu wertvoll, um sie im Namen einer letztlich verlorenen Sache wie Hamas zu opfern. Hier zeigt sich der fundamentale Unterschied zwischen ideologischer Rhetorik und geopolitischer Realität. Die sogenannten „Achsen des Widerstands“ sind keine revolutionären Bewegungen, sondern machtstrategische Werkzeuge.
Auch die geopolitischen Rahmenbedingungen sprechen gegen eine Eskalation. Weder Russland noch die Türkei, beides imperiale Akteure mit eigenen Ambitionen im Nahen Osten, haben ein Interesse daran, durch eine Destabilisierung ihrer Energiepartner – etwa Aserbaidschan oder Kasachstan – ihren Einfluss aufs Spiel zu setzen. Und selbst der iranisch befreundete BRICS-Kreis übt offenbar Druck auf Teheran aus, Eskalation zu vermeiden – eine neue Realität multipolarer Ordnung, in der auch antiwestliche Mächte auf Stabilität setzen, um ihre eigenen strategischen Ziele zu verfolgen.
Die Rede Nasrallahs muss also als Element einer asymmetrischen Abschreckungslogik gelesen werden: Sie zielt nicht auf militärischen Sieg, sondern auf narrative Dominanz. Der wahre Kampf findet nicht auf dem Schlachtfeld statt, sondern im Raum der Wahrnehmung – bei arabischen Massen, westlichen Medien und diplomatischen Kanälen.
Was bedeutet das für Europa?
Europa muss aufhören, diesen Konflikt als moralisches Drama zu betrachten. Es ist ein strategisches Kräftemessen. Wer in einer solchen Welt bestehen will, braucht eigene Fähigkeiten zur Lageeinschätzung, zum Schutz eigener Interessen und – vor allem – zur strategischen Autonomie. Weder Washingtons Interessen noch Teherans Drohkulissen dürfen Europas Kurs bestimmen. Stattdessen gilt es, eine eigenständige Analysefähigkeit und militärische Handlungsfreiheit aufzubauen – notfalls unabhängig von amerikanischer Gefallenslogik.
Die Bühne des Nahen Ostens zeigt erneut: Ordnung entsteht nicht durch Appelle, sondern durch Machtprojektion, Abschreckung und strategisches Kalkül. Europa muss lernen, darin mitzuspielen – oder wird zur bloßen Beobachtermacht degradiert.


