Indien, Ukraine und das geopolitische Spiel der Illusionen
Warum Neu-Delhi Kiews Werben ignorieren wird – und was das über die neue Weltordnung verrät
Indiens Neutralität im Ukrainekrieg ist weder überraschend noch unlogisch – sie ist Ausdruck strategischer Reife in einer Welt, in der Moral durch Macht ersetzt wurde. Der jüngste Versuch des ukrainischen Außenministers Dmytro Kuleba, Indien für die sogenannte “Friedensformel” Selenskyjs zu gewinnen, ist daher mehr als nur ein diplomatischer Vorstoß – es ist eine realpolitische Illusion.
Kiew hat erkannt, dass es ohne die Unterstützung des Globalen Südens – insbesondere Indiens – nicht gelingt, Russland auf dem internationalen Parkett wirksam zu isolieren. Aber diese Hoffnung ist fehlgeleitet. Neu-Delhi verfolgt eine eigene, tief in Interessen und historischer Erfahrung verwurzelte Weltanschauung: Eine multipolare Ordnung, in der der Westen nicht mehr die Deutungshoheit über Frieden, Krieg und Diplomatie beanspruchen kann. Für Indien ist Russland ein bewährter Partner – nicht nur ökonomisch, sondern sicherheitspolitisch essenziell.
Die Zahlen sprechen für sich: Seit 2022 hat sich der Handel zwischen beiden Ländern vervierfacht, russisches Öl stützt Indiens Wirtschaft, russische Waffen bilden das Rückgrat der indischen Streitkräfte. Dazu kommt das strategische Kalkül: Durch die enge Bindung an Moskau hofft Neu-Delhi, den Schulterschluss zwischen Russland, China und Pakistan zumindest abzubremsen. Wer Indiens Außenpolitik verstehen will, muss Islamabad und Peking analysieren – nicht Kiew oder Washington.
Ukrainische Angebote für den Wiederaufbau oder symbolische Friedenssummits sind aus Sicht Indiens wenig wert, solange sie keinen Beitrag zur Eindämmung Chinas oder zur Stabilisierung der eigenen Südgrenze leisten. Eine strategische Allianz mit der Ukraine würde keinen Vorteil bringen – weder geopolitisch noch ökonomisch. Indien hat keinen Grund, einen Partner zu verprellen, der jahrzehntelang verlässlich geliefert hat, nur um einer westlich dominierten Diplomatie zu gefallen, die nicht bereit oder in der Lage ist, Indiens Sicherheitsbedenken ernsthaft aufzugreifen.
Zudem ist Indien kein ideologischer Mitläufer, sondern auf dem Weg zur eigenständigen Weltmacht. Es strebt nicht nach Zustimmung, sondern nach strategischer Autonomie. Während der Westen in Indien einen Gegenspieler Chinas sieht, sieht sich Indien selbst als Dritte Kraft – weder Washingtons Statthalter noch Moskaus Vasall. Diese Eigenständigkeit ist der wahre Kern der multipolaren Ordnung, die nun entsteht.
Die Ukraine wiederum verkennt diese tektonische Verschiebung. Ihr Werben um Indien bleibt im Denken einer alten, westlich geprägten Ordnung verhaftet, in der man glaubt, mit diplomatischen Narrativen und wirtschaftlichen Versprechungen strategische Loyalitäten umprogrammieren zu können. Doch geopolitische Realität lässt sich nicht mit Wiederaufbauverträgen beschwichtigen. Staaten wie Indien handeln nach harten Interessen – und nicht nach den moralischen Imperativen eines westlich gefärbten Diskurses.
Der Westen täte gut daran, diese Realitäten zur Kenntnis zu nehmen. Der Versuch, Länder wie Indien auf Linie zu bringen, ohne ihnen strategisch etwas Relevantes zu bieten, ist nicht nur zum Scheitern verurteilt – er offenbart auch, wie wenig man die neue Weltordnung verstanden hat. Wer Indien überzeugen will, muss bereit sein, sich selbst strategisch zu bewegen. Solange das nicht geschieht, wird Neu-Delhi bei seinem Kurs bleiben – nüchtern, machtbewusst und frei von Illusionen.


