Iran in Venezuela
Wie Teheran in Amerikas Hinterhof Macht projiziert
Ausgangspunkt
Seit dem Herbst dieses Jahres dreht sich die geopolitische Spannungsschraube in der Karibik so schnell wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die USA unter Präsident Trump haben ein massives militärisches Signal gesetzt. Über zwanzig maritime Schläge gegen mutmaßliche Drogentransporte. Tausende US Soldaten vor der venezolanischen Küste. Ein geschlossener Luftraum. Ein Ultimatum an Nicolás Maduro.
Doch das eigentliche Beben kam aus Washingtons politischen Rängen. US Außenminister Marco Rubio erklärte öffentlich, Venezuela sei längst nicht mehr bloß ein Zentrum des Drogenhandels. Es sei ein iranischer Vorposten im westlichen Hemisphärenraum. Ein logistischer Knotenpunkt für Teheran und möglicherweise für die Hisbollah. Eine Bedrohung in Amerikas unmittelbarer Nachbarschaft.
Was ist also Irans strategisches Projekt in Venezuela. Wie tief reicht die Partnerschaft. Und was bedeutet das für die globale Machtbalance.
Analyse
Eine Allianz aus Notwendigkeit
Die Beziehung zwischen Caracas und Teheran begann nicht als ideologisches Großprojekt. Sie entstand aus einem gemeinsamen Interesse an politischer Selbstbehauptung. Hugo Chávez suchte seit 1999 Schutz vor amerikanischem Druck. Iran suchte Partner, Handelskanäle, geopolitische Hebel. Staaten handeln aus Angst, Machtstreben und Selbsterhaltung – nicht aus Moral .
Zwischen 1999 und 2005 entstanden über zwanzig Abkommen, gemeinsame Handelsstrukturen und erste industrielle Kooperationen. Ahmadinejad und Chávez verstärkten später diese Achse. Die beiden verstanden einander politisch und persönlich. Sie wollten ein Netzwerk jenseits westlicher Systeme schaffen. Doch das meiste scheiterte an Realität. Mangelnde Technik. Mangelndes Kapital. Mangelnde Verwaltung.
Mit Rouhanis Blick nach Westen brach die Dynamik ein. Bis die USA 2018 aus dem Nuklearabkommen ausstiegen. Plötzlich brauchte Iran wieder Umgehungsräume. Und Maduro brauchte alles, was sein kollabierender Staat noch tragen konnte. Der Moment war geschaffen für eine strategische Zweckgemeinschaft.
Wirtschaftliche Lebensadern außerhalb des Dollars
Nach 2018 ging es beiden Regierungen ums Überleben. Venezuela brauchte Benzin und technische Hilfe. Iran brauchte neue Exportkanäle. Die Antwort war eine still wachsende Schattenökonomie.
Der iranische Treibstoffkonvoi nach Venezuela im Mai 2020 war mehr als ein wirtschaftlicher Akt. Es war die Botschaft, dass Teheran trotz Sanktionen operieren kann. Dass der Westen seine Bewegungsfreiheit nicht vollständig kontrolliert. Die Gegenseitigkeit zeigte sich schnell. Iran lieferte Kondensate für Venezuelas Schweröl. Venezuela lieferte dafür Treibstoff zurück.
Zwischen 2021 und 2024 entstanden raffinierte Zahlungskanäle. Goldtransfers. Tauschgeschäfte. Lebensmittel gegen Kerosin. Eine eigene kleine Welt wirtschaftlicher Autarkie, die sich bewusst außerhalb der Dollarordnung bewegte.
Das Rückgrat dieser Kooperation war die Shadow Fleet. Über sie liefen iranisches und venezolanisches Öl, oft unter ausgeschalteten Transpondern, mit wechselnden Flaggen, im offenen Meer umgeladen. Über sie hielt Teheran sein globales Netzwerk am Leben.
Militärische Tiefe und Irans globale Projektion
Parallel entstand etwas, das Washington heute besonders beunruhigt. Iran baute in Venezuela militärische Präsenz auf, nicht durch Truppen, sondern durch Technologie.
Bereits Chavez ließ iranische Mohajer Drohnen in Venezuela montieren. Doch nach dem Auslaufen des UN Waffenembargos 2020 beschleunigte sich alles. Mohajer 6 und Shahed 131 Varianten. Beides lokale venezolanische Modellreihen. Eine neue Fähigkeit Lateinamerikas entstand: bewaffnete Drohnenproduktion.
Das eigentlich Entscheidende aber ist die Kontrolle. Iranische Experten führen viele dieser Anlagen. Venezolaner haben oft nur begrenzten Zugang. Aus iranischer Sicht ist Venezuela ein Offshore Standort. Ein Ort, weit weg von den Gefahren der eigenen Region, an dem man Systeme entwickeln, lagern und exportieren kann.
Hinzu kommen Trainingsprogramme für die Nationalgarde und Milizen, Beratungsstrukturen für innere Repression und Hinweise auf IRGC Netzwerke. Für Teheran ist dies ein Labor. Für Washington eine Warnung.
Die amerikanische Gegenbewegung
Die Reaktion der USA ist folgerichtig. Wer die westliche Hemisphäre dominiert, definiert Amerikas strategischen Spielraum. Und Washington betrachtet die iranische Präsenz in Venezuela längst als direkten Test seines Machtanspruchs.
Die Biden Regierung versuchte noch die Milderung. Die Trump Regierung von 2025 setzt auf Druck. Sanktionen gegen hunderte Firmen und Schiffe. Eine regionale Truppenkonzentration in einem Ausmaß, wie man es seit der Kuba Krise nicht mehr kannte.
Das Signal ist eindeutig. Die USA wollen zeigen, dass sie den westlichen Raum verteidigen können. Und dass Irans globale Reichweite Grenzen hat. In Trumps Welt ist soft balancing passé. Jetzt geht es um Durchsetzung.
Was auf dem Spiel steht
Für Maduro steht das Regime selbst auf dem Spiel. Für Iran steht ein seltener Außenposten in einem geostrategischen Raum, den Teheran ohne Venezuela nie erreichen würde. Für die USA steht die Glaubwürdigkeit ihrer Sicherheitsgarantie für den gesamten amerikanischen Doppelkontinent auf dem Spiel.
Anleitung für Europa und Deutschland
Europa hat in dieser Krise wieder einen vertrauten Reflex gezeigt: moralische Appelle, diplomatische Formeln, Zurückhaltung. Doch geopolitische Architektur lässt sich nicht durch moralische Rhetorik gestalten. Staaten handeln aus Angst, Macht und Selbsterhaltung und nicht aus internationalen Normen.
Für Europa bedeutet der Konflikt etwas Grundsätzliches. Erstens, die Rückkehr klassischer Einflusssphären. Die USA agieren in ihrer Region wie eine kontinentale Macht, nicht wie ein multilateraler Akteur. Zweitens, die Relevanz globaler Projektion. Iran kann trotz Isolation operative Präsenz in der Karibik aufbauen. Europa nicht. Das ist die strategische Diagnose. Drittens, dass Energie, maritime Kontrolle und industrielle Kapazität die neuen Hebel geopolitischer Macht sind.
Deshalb lautet die europäische Konsequenz. Militarische Autonomie vertiefen. Energieabhängigkeiten abbauen. Marinekapazitäten ausbauen. Diplomatische Präsenz im globalen Süden stärken. Und die Beziehungen zu Indien vertiefen – dem entscheidenden Partner einer multipolaren Ordnung .
Europa darf in dieser Weltordnung nicht Beobachter sein. Es muss handlungsfähig werden. Strategische Souveränität ist kein Projekt für Sonntagsreden, sondern die Voraussetzung, um in Momenten wie diesen nicht am Rand der Geschichte zu stehen.
Schlussgedanke
Die Geschichte der Beziehung zwischen Iran, Venezuela und den USA erinnert uns daran, dass Ordnung nicht aus Abstraktion entsteht. Sie entsteht aus Macht, Berechenbarkeit und dem Willen zur Selbstbehauptung.


