Iran nach Raisi: Machtvakuum im Gottesstaat
Der Tod Ebrahim Raisis offenbart die Risse in Irans autoritärer Machtarchitektur – und beschleunigt den Wettlauf um die Nachfolge Khameneis.
Der plötzliche Tod von Präsident Ebrahim Raisi reißt ein Loch in die politische Architektur der Islamischen Republik Iran – nicht, weil er selbst ein visionärer Führer war, sondern weil er als designierter Erbe des alternden Revolutionsführers Ali Khamenei galt. In einem Staat, der sich weniger durch institutionelle Stabilität als durch personelle Loyalitätsnetzwerke definiert, kann der Verlust einer solchen Schlüsselfigur dramatische Folgen haben.
Raisi war nie eine eigenständige politische Kraft. Er war ein Funktionär der Repression, ein Verwalter der Unfreiheit und ein Erfüllungsgehilfe des Systems. Seine Rolle bestand nicht darin, den Iran zu führen, sondern die unumschränkte Macht des Revolutionsführers zu sichern – sowohl gegen äußere Einflüsse als auch gegen innere Reformkräfte. Dass Khamenei in ihm seinen potenziellen Nachfolger sah, zeugt von der strukturellen Schwäche des iranischen Systems: Ein alternder Diktator kann seine Macht nur durch einen loyalen Technokraten perpetuieren – nicht durch charismatische Führung oder strategische Öffnung.
Doch Raisi ist tot – und mit ihm der Plan eines kontrollierten Machtübergangs. Das öffnet ein gefährliches Vakuum. Der Nachfolgeprozess des Revolutionsführers wird nun zu einem geopolitisch relevanten Machtkampf, in dem unterschiedliche Fraktionen innerhalb des Regimes – Revolutionsgarden, theokratische Eliten, wirtschaftliche Netzwerke – um Einfluss ringen werden. Dass Khameneis Sohn Mojtaba als mögliche Lösung ins Spiel gebracht wird, offenbart die zunehmende Vetternwirtschaft und die monarchischen Tendenzen eines Systems, das einst angetreten war, genau solche Strukturen zu stürzen.
Für Europa und den Westen bedeutet dies zweierlei: Erstens wird es keine Mäßigung in der iranischen Außenpolitik geben – zumindest nicht solange Khamenei lebt. Der Kurs konfrontativer Expansion über schiitische Stellvertreter, Anti-West-Rhetorik und strategische Allianzen mit Russland und China bleibt gesetzt. Zweitens eröffnen sich mittelfristig Chancen zur strategischen Einflussnahme – nicht durch Appelle an Reformkräfte, sondern durch präzise Machtpolitik.
Europa muss aufhören, das iranische Regime als rationalen Verhandlungspartner zu betrachten. Es handelt sich um einen theokratischen Sicherheitsapparat, der seine Stabilität durch Repression und außenpolitische Eskalation aufrechterhält. Die internen Machtverschiebungen – nun verschärft durch den doppelten Verlust von Präsident und Kronprinzenfigur – bieten Hebelpunkte für einen realistischen, machtzentrierten Umgang mit Teheran.
Nicht, wer Präsident wird, ist entscheidend – entscheidend ist, wer Khamenei beerbt. Und Europa sollte sich darauf vorbereiten, dass dieser Übergang keine geregelte Nachfolge, sondern ein machtpolitischer Stresstest wird – mit potenziellen regionalen Erschütterungen von Teheran bis zum Mittelmeer.
In einer Welt multipolarer Unordnung ist Iran ein instabiler Akteur mit expansiver Agenda. Wer künftig das Machtzentrum in Teheran bildet, entscheidet darüber, ob Iran weiterhin Revolution exportiert – oder in sich selbst zerfällt. Beides darf Europa nicht dem Zufall überlassen.


