Iran – Pakistan
Eskalation als Machtprojektion in der multipolaren Peripherie
Die jüngsten wechselseitigen Militärschläge zwischen Iran und Pakistan markieren nicht nur einen historischen Bruch in den bislang indirekten, proxygeprägten Konfrontationen beider Staaten – sie sind Ausdruck eines tieferliegenden, strategisch motivierten Strukturkonflikts am Rand des globalen Systems. Was vordergründig wie eine Reaktion auf terroristische Gewalt aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als kalkulierte Machtdemonstration zweier Regionalmächte, die versuchen, sich in einer sich wandelnden Weltordnung neu zu positionieren.
Aus Sicht eines souveränitätsorientierten Machtrealismus lässt sich das Verhalten Irans klar einordnen: Teheran agiert nicht irrational oder ausschließlich ideologisch motiviert, sondern betreibt klassische Abschreckungspolitik. Der Schlag gegen Jaish al-Adl auf pakistanischem Boden ist Teil einer umfassenderen Antwort auf die Schwächung iranischer Abschreckungsmechanismen durch westliche (und israelische) Operationen – von der Liquidierung des Hamas-Vermittlers al-Arouri bis zum Anschlag auf die Soleimani-Gedenkfeier.
In einem Moment, in dem der Iran Gefahr läuft, als machtpolitisch paralysiert wahrgenommen zu werden, greift das Regime zum klassischen Instrumentarium der Machtprojektion: präzise, symbolisch aufgeladene, aber politisch kalkulierte Militäraktionen. Dass der Schlag gegen Pakistan gleichzeitig mit Angriffen in Syrien und Irak erfolgte, macht deutlich: Es ging nicht um Grenzsicherung – es ging um die Wiederherstellung von Glaubwürdigkeit und regionaler Abschreckungswirkung.
Pakistan seinerseits reagierte mit bemerkenswerter strategischer Kühle. Der Gegenschlag – gezielt gegen Separatisten und nicht gegen iranische Militärstrukturen – war symbolisch stark genug, um innenpolitisch Stärke zu zeigen und international das Gesicht zu wahren, aber nicht provokativ genug, um eine Eskalationsspirale auszulösen. Beide Seiten operierten auf dem schmalen Grat zwischen Krieg und Kalkül – ein Zeugnis pragmatischer Staatsräson in einer instabilen Region.
Was sich hier abzeichnet, ist mehr als ein bilateraler Disput: Es ist das Ringen zweier sekundärer Regionalmächte um Einfluss in einem geopolitischen Vakuum, das die US-Rückzugsstrategien im Nahen Osten und Südasien hinterlassen haben. Beide Staaten nutzen Stellvertretergruppen als außenpolitisches Werkzeug – nicht aus ideologischer Verblendung, sondern als kosteneffizientes Mittel asymmetrischer Machtentfaltung.
Dabei offenbart sich ein typisches Muster postwestlicher Ordnung: Nicht Staaten kollabieren, sondern Ordnungsrahmen. Die internationale Gemeinschaft – unfähig, klare Regeln durchzusetzen – wird zur Kulisse eines regionalen Machtspiels, in dem Stellvertreterkämpfe als strategische Kommunikation dienen. Weder Iran noch Pakistan wollen den offenen Krieg. Aber beide wollen beweisen, dass sie dazu in der Lage wären – ein klassisches Machtspiel im Schatten westlicher Desorientierung.
Für Europa und insbesondere Deutschland ergibt sich daraus eine klare Lehre: Wer Sicherheit nur durch Diplomatie ohne Machtunterbau denkt, wird in einer Welt des systemischen Wettbewerbs an den Rand gedrängt. Die neue globale Peripherie – von der Sahelzone über den Iran bis Pakistan – wird nicht durch Resolutionen stabilisiert, sondern durch robuste Interessendurchsetzung.
Europa braucht eine strategische Außenpolitik, die solche Konflikte nicht als moralisches Versagen versteht, sondern als Ausdruck systemischer Konkurrenz. Das heißt: Aufbau eigener strategischer Fähigkeiten, Analyse regionaler Machtlogiken, und kluge Partnerschaften – insbesondere mit Schlüsselstaaten wie Indien, das im Iran-Pakistan-Konflikt still profitiert hat.
Denn wer die Peripherie nicht versteht, wird auch das Zentrum der kommenden Weltordnung nicht gestalten können.


