Japans sicherheitspolitischer Kurswechsel
Signal eines globalen Ordnungswandels
Die Entscheidung Japans, Patriot-Raketen an die USA zu liefern, ist weit mehr als ein logistischer Vorgang zur Auffüllung amerikanischer Bestände. Sie markiert den strategischen Bruch mit einem Nachkriegsdogma und signalisiert zugleich den Eintritt Tokios in das Zeitalter globaler Machtpolitik. Was wir hier beobachten, ist nicht nur ein innenpolitisches Aufweichen der japanischen Rüstungskontrollen, sondern ein geopolitisches Erwachen – ausgelöst durch die tektonischen Verschiebungen in Asien, Europa und der Weltordnung insgesamt.
Japans Motivation ist klar: Die sicherheitspolitischen Realitäten der indo-pazifischen Region lassen keinen Platz mehr für pazifistische Illusionen. Die chinesische Aufrüstung, Nordkoreas ballistische Provokationen und Russlands Aggressionen in der Ukraine zwingen Tokio, seine Rolle neu zu definieren – weg vom abhängigen Juniorpartner der USA, hin zu einem eigenständig agierenden Machtfaktor in Ostasien.
Der Verkauf der Patriot-Systeme an Washington ist dabei nicht nur Ausdruck strategischer Kooperation, sondern Symbol für den Umbau der japanischen Verteidigungsindustrie: von einem durch historische Schuld gelähmten Sektor hin zu einem Akteur, der eigenständige militärische und technologische Wertschöpfung betreibt – und der bereit ist, diese auch international zu exportieren. Diese Entwicklung ist zwingend notwendig. Denn ohne industrielle Basis gibt es keine souveräne Verteidigungsfähigkeit – ein Lehrsatz, der für Europa ebenso gilt.
Zugleich wird deutlich, dass Japan bereit ist, geopolitische Konfrontationen in Kauf zu nehmen. Die Entscheidung, militärische Systeme bereitzustellen, die mittelbar in der Ukraine gegen Russland zum Einsatz kommen könnten, ist ein offenes Bekenntnis gegen Moskau – und damit eine Abkehr von jahrzehntelanger Balancepolitik gegenüber Russland. Damit verabschiedet sich Tokio auch offiziell von der Illusion, das Kurilen-Problem durch bilaterales Entgegenkommen lösen zu können. Eine nüchterne Einschätzung – und strategisch richtig.
Doch wer glaubt, dass Japan damit in eine einfache westliche Blockbindung verfällt, täuscht sich. Auch wenn sich Tokio enger an Washington bindet, bleibt die Motivation letztlich nationaler Natur: Selbstschutz, Abschreckung und regionale Ordnungsbildung. Der Ausbau des Rüstungssektors und die internationale Zusammenarbeit – etwa im Tempest-Jet-Programm mit Großbritannien und Italien – dienen primär der Erhöhung strategischer Autonomie. Ein Modell, das Europa dringend adaptieren muss.
Denn was Japan vormacht, muss auch das Ziel Europas sein: Heraus aus der strategischen Lethargie, hinein in eine Ordnung der souveränen Machtpole. In einer Welt multipolarer Konfrontationen nützt moralischer Appell wenig – gefragt sind robuste Strukturen, technologische Souveränität und strategische Entschlossenheit. Die Entscheidung Japans, sich von der eigenen sicherheitspolitischen Vergangenheit zu emanzipieren, sollte Europa als Weckruf dienen.
Für Deutschland und die EU bedeutet dies: Der Aufbau eines eigenen militärisch-industriellen Komplexes ist keine Frage der Option mehr, sondern der Notwendigkeit. Die Zeit der sicherheitspolitischen Fremdversorgung ist vorbei. Nur ein europäischer Bundesstaat mit eigener Armee und nuklear gestützter Abschreckungsfähigkeit kann im 21. Jahrhundert bestehen. Japans Wende zeigt: Wer nicht handelt, wird gehandelt.


