Kann Hamas noch handeln?
Die Frage, ob Hamas Frieden will, ist zweitrangig. Entscheidend ist, ob sie überhaupt noch handlungsfähig ist.
Strategisches Problem
Nach zwei Jahren Krieg ist der Konflikt zwischen Israel und Hamas an einem Punkt angelangt, den viele als Chance begreifen – und wenige als Illusion. Washington spricht von Fortschritt, die Vermittler in Kairo und Doha zeigen sich optimistisch, und selbst Israel hat das Wort „Verhandlungen“ wieder in den Mund genommen. Doch die entscheidende Frage lautet nicht, ob es einen politischen Willen gibt, sondern ob es auf der Gegenseite überhaupt noch eine strukturierte Macht gibt, die liefern kann.
Hamas hat auf den amerikanischen Friedensvorschlag reagiert, ohne ihn abzulehnen. Sie hat Zustimmung signalisiert – aber in der Sprache der Unverbindlichkeit. Das wirkt auf den ersten Blick taktisch. In Wahrheit ist es Ausdruck eines tieferen Problems: Die Organisation ist nicht mehr das, was sie war. Der politische Flügel im Ausland verhandelt, der militärische Flügel im Gazastreifen kämpft, und die Basis folgt längst eigenen Impulsen. Was wie eine Verhandlung aussieht, ist in Wahrheit eine Auflösung von Befehl und Kontrolle.
Die Frage, ob Hamas Frieden schließen kann, ist damit zur Frage geworden, ob eine zersplitterte Organisation überhaupt noch politisch agiert – oder nur reagiert.
Analyse
Der Machtkern ist implodiert
In meiner Denkweise beginnt jede Analyse mit der Frage: Wo liegt der Machtkern eines Akteurs – und existiert er noch? Bei Hamas war dieser Machtkern über Jahrzehnte eindeutig: militärische Kontrolle im Gazastreifen, politische Autorität gegenüber der Bevölkerung und ideologische Mobilisierung durch Widerstand. Heute ist von dieser Dreifaltigkeit kaum etwas übrig. Der militärische Apparat ist fragmentiert, der politische Flügel gespalten, die ideologische Bindung durch Erschöpfung und Elend erodiert.
Die Tötung vieler Kommandeure hat eine zweite Generation an die Front gebracht, die keine Disziplin, aber viel Wut kennt. Ihre Handlungen sind taktisch, nicht strategisch – sie entstehen aus Rache, nicht aus Kalkül. Eine Organisation, deren Gefechte von isolierten Zellen getragen werden, kann keine kohärente politische Entscheidung mehr durchsetzen.
Das strategische Umfeld ist ungeordnet
Hamas agiert in einem Umfeld, das von struktureller Unordnung geprägt ist. Israel führt einen Krieg, der längst zwischen militärischer Operation und politischem Zermürbungskrieg oszilliert. Die arabischen Vermittler – Ägypten, Katar, Türkei – suchen keine Gerechtigkeit, sondern Stabilität. Und Washington will vor allem einen geordneten Abzug, um den Konflikt von der globalen Agenda zu nehmen.
In einem solchen Umfeld ist Hamas nicht mehr Subjekt, sondern Objekt. Ihre Reaktionsmuster sind durch äußeren Druck bestimmt. Wenn sie verhandelt, dann, weil sie muss; wenn sie zögert, dann, weil sie fürchtet, intern auseinanderzubrechen. Ihre Zustimmung zu einzelnen Punkten des US-Plans ist kein politischer Schritt, sondern ein Versuch, Zeit zu kaufen, um interne Brüche zu überdecken.
Die Abhängigkeitsmatrix ist zerstörerisch
Keine Machtstruktur kann handeln, wenn sie zugleich von Gegnern und Verbündeten abhängig ist. Hamas lebt heute von der Schirmherrschaft anderer. Katar finanziert, Ägypten vermittelt, die Türkei spricht, der Iran liefert Waffen und Einfluss – aber keiner dieser Akteure investiert in eine stabile Wiedergeburt der Organisation. Jeder sieht in Hamas ein Werkzeug, nicht einen Partner.
Diese Abhängigkeit schränkt die Bewegungsfreiheit doppelt ein. Einerseits kann Hamas keine Entscheidung treffen, die den Interessen ihrer externen Unterstützer widerspricht. Andererseits fehlt ihr die materielle Autonomie, um selbstständig zu handeln. Das Ergebnis ist eine strategische Paralyse: keine Macht, aber auch kein Ausweg.
Das zivilisatorische Selbstverständnis ist erodiert
Früher definierte sich Hamas als Speerspitze eines religiös-nationalen Projekts. Widerstand war Identität, nicht nur Strategie. Diese ideologische Kohärenz verlieh ihr eine erstaunliche Resilienz – sie überstand militärische Rückschläge, internationale Isolierung und ökonomische Blockaden. Doch die Zerstörung Gazas hat diese Selbstdeutung entkernt.
Ein Teil der Bevölkerung sieht in Hamas keine Befreiungsbewegung mehr, sondern eine Ursache der Katastrophe. Der religiöse Mythos trägt nur noch, wo keine Alternative sichtbar ist. Damit verliert Hamas ihre zivilisatorische Energie – die Fähigkeit, sich als legitime Autorität zu inszenieren. Ohne dieses Selbstbild bleibt nur nackte Gewalt, die keine politische Ordnung mehr begründen kann.
Das Machtverhältnis zu Israel bleibt asymmetrisch
Israel hat im militärischen Sinn gewonnen, aber im strategischen noch nicht. Die Vernichtung der militärischen Infrastruktur hat Hamas geschwächt, aber auch die zentrale Voraussetzung für eine geregelte Übergangsordnung zerstört. Ein Gegner, der zu schwach ist, um zu handeln, ist auch zu schwach, um Verantwortung zu übernehmen.
Das erklärt das paradoxe Dilemma Israels: Der Krieg hat die Struktur zerschlagen, mit der man nun verhandeln müsste. Eine Kapitulation kann Hamas nicht vollziehen, ein Kompromiss kann sie nicht durchsetzen. Die Machtasymmetrie ist so groß, dass sie den politischen Prozess blockiert.
Fragmentierung als Struktur, nicht als Zustand
Die Spaltung von Hamas ist kein temporäres Chaos, sondern ein strukturelles Endstadium. Jede Organisation, die über Jahre in einem Belagerungszustand lebt, verliert Zentralität. Logistik, Finanzen, militärische Kommandoketten werden lokalisiert, bis Autonomie zum Selbstzweck wird. Das Resultat ist eine strategische Entropie, die sich nicht mehr rückgängig machen lässt.
Selbst wenn ein Führer wie Ezzedin al-Haddad heute erklären würde, er akzeptiere den Friedensplan, könnte er die Umsetzung nicht garantieren. Lokale Kommandeure würden weiterkämpfen, einzelne Zellen würden Geiseln zurückhalten, externe Akteure würden divergierende Botschaften senden. Das System zerfällt, ohne dass jemand es stoppen kann.
Strategische Schlussfolgerung
Aus meiner Sicht steht Hamas an einem Punkt, an dem sie weder Frieden noch Krieg kontrollieren kann. Sie ist zu schwach, um zu siegen, und zu zersplittert, um zu kapitulieren. Damit verliert sie die elementare Eigenschaft einer Macht: die Fähigkeit, das eigene Handeln in eine konsistente Richtung zu lenken.
Für Israel bedeutet das ein strategisches Dilemma. Der Gegner ist geschlagen, aber nicht verschwunden. Eine Organisation ohne Zentrum kann nicht unterzeichnen, aber auch nicht vollständig eliminiert werden. Der Krieg verwandelt sich in einen Zustand – nicht von Entscheidung, sondern von Dauer.
Für die arabischen Vermittler ist Hamas damit kein Partner mehr, sondern ein Problem, das verwaltet werden muss. Katar, Ägypten und die Türkei wollen Stabilität, nicht Gerechtigkeit. Ihre Strategie zielt darauf, Gaza in ein kontrolliertes Protektorat zu verwandeln: regierbar, aber machtlos.
Die USA wiederum sehen im Teilkompromiss eine Gelegenheit, die Front zu schließen, bevor die Aufmerksamkeit nach Asien wandert. Doch ihre Logik bleibt technokratisch – sie verhandeln Listen und Fristen, während die eigentliche Variable die Erosion der Macht selbst ist.
Am Ende steht ein nüchternes Fazit: Die Frage, ob Hamas liefern kann, ist nicht moralisch, sondern strukturell. Eine Macht, deren Befehlskette zerfallen, deren Ressourcen abhängig und deren Selbstverständnis erloschen ist, kann nichts mehr liefern – weder Krieg noch Frieden, nur Leere.
Für die Region heißt das: Das strategische Vakuum, das Hamas hinterlässt, wird nicht mit Versöhnung gefüllt, sondern mit neuen Akteuren, die ihre Rolle übernehmen wollen – lokale Milizen, religiöse Fraktionen, externe Patronatsmächte. Gaza bleibt ein Raum ohne Ordnung, aber mit vielen Interessen.
Wer die Ordnung des Nahen Ostens künftig gestalten will, muss deshalb über Hamas hinausdenken. Nicht weil sie besiegt ist, sondern weil sie keine Funktion mehr erfüllt. Die Macht hat sich aus ihr zurückgezogen – und wo Macht geht, folgt bald auch Bedeutung.
Strategische Einsichten
Zersplitterung ersetzt Ideologie – ohne strukturellen Machtkern verliert jeder Akteur Handlungsfähigkeit.
Abhängigkeit ist keine Kooperation – externe Patronage zerstört Autonomie.
Friedensprozesse scheitern nicht an bösem Willen, sondern an fehlender Struktur, die den Willen tragen kann.


