Korn, Kontrolle, Kalkül – Chinas Agrarstrategie als geopolitischer Weckruf
Warum Peking den globalen Getreidemarkt umkrempelt und Europa jetzt strategisch denken muss
Chinas neues Lebensmittelsicherheitsgesetz ist weit mehr als ein innenpolitisches Verwaltungsinstrument – es ist ein geopolitisches Manifest. Inmitten wachsender globaler Spannungen und einer sich verfestigenden multipolaren Ordnung zeigt der autoritäre Führungsanspruch Pekings einmal mehr: Ernährungssouveränität bedeutet nicht nur soziale Stabilität, sondern auch geopolitische Handlungsfähigkeit.
Der rasche Gesetzgebungsprozess – von der Einführung bis zur Umsetzung in nur sechs Monaten – lässt keinen Zweifel: Xi Jinpings Führung steht unter enormem strategischen Druck. Der Grund: China will seine Abhängigkeit von Getreideimporten, insbesondere bei Mais und Soja – den Grundpfeilern der Tiermast und der urbanisierten Mittelschichtsernährung – radikal reduzieren.
Die Lehren aus dem US-chinesischen Handelskrieg unter Trump, aus dem Ukraine-Krieg und aus zunehmenden westlichen Technologiebeschränkungen sind klar: Versorgungssicherheit ist nationale Sicherheit.
China ist bei Weitem kein rückständiges Agrarland. Es ist führend bei Reis und Weizen, steht auf Platz zwei bei Mais. Dennoch bleibt echte Selbstversorgung illusorisch – nicht zuletzt aufgrund jahrzehntelanger Industrialisierung auf Kosten landwirtschaftlicher Flächen, massiver Umweltzerstörung und technologischer Rückstände bei Saatgut und Bewässerung.
Dass Peking nun massiv in Gentechnik, Hochleistungssorten und smarte Bewässerungssysteme investiert, ist kein Zufall. Es ist Ausdruck eines Systems, das seine historischen Traumata in politische Programme übersetzt. Die Hungerkatastrophen der Qing-Dynastie und des „Großen Sprungs nach vorn“ sind für Xi Jinping keine bloße Geschichte, sondern Mahnung und Antrieb zugleich.
Die Abhängigkeit von US-amerikanischen und brasilianischen Lieferketten – und vor allem von westlichem Saatgut – ist Chinas geopolitische Achillesferse. Und wie im Technologiesektor strebt Peking auch hier strategische Autarkie an. Das Ziel ist nicht Effizienz – es ist Unabhängigkeit im Ernstfall. Nicht zufällig fällt die neue Agrarstrategie zeitlich mit Rüstungsmodernisierung, Chip-Forschung und geopolitischer Infrastrukturpolitik zusammen.
China plant für den Tag, an dem westliche Staaten Embargos verhängen könnten. Wer diese Strategie als bloßen Protektionismus abtut, verkennt die tektonischen Verschiebungen im globalen Machtgefüge.
Während Washington durch Freihandelsabkommen, Technologiebeschränkungen und Umweltauflagen versucht, Brasiliens Aufstieg zum führenden Agrarexporteur zu bremsen, verharrt Europa im normativen Denken. Brüssel erlässt Richtlinien gegen Entwaldung – aber ohne geopolitische Flankierung, ohne Strategie für Ernährungssouveränität, ohne außenpolitisches Ziel.
Dabei müsste gerade jetzt klar sein: Europa hat keine Rohstoffsouveränität, keine Saatgutautarkie, keine gemeinsame Agrarstrategie. Im Krisenfall wäre die EU ebenso verwundbar wie China – nur ohne dessen Durchgriffsstrukturen und strategische Geduld.
Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand: Erstens, Landwirtschaft muss als strategischer Sektor behandelt werden – nicht nur ökologisch, sondern geopolitisch. Zweitens, die Abhängigkeit von US- und außereuropäischen Saatgutkonzernen muss reduziert, europäische Forschung massiv gestärkt werden. Drittens, die Nahrungsmittelversorgung darf nicht länger nationale Zuständigkeit bleiben. Ein europäischer Bundesstaat braucht eine gemeinsame Agrar- und Ernährungssicherheitsstrategie – mit Vorratssystemen, Investitionen in Innovation und marktstrategischer Exportpolitik.
Chinas Kurs in der Ernährungspolitik zeigt eindrücklich: Souveränität ist keine moralische Frage, sondern eine Frage strategischer Selbstbeherrschung. Wer in der kommenden Epoche bestehen will, muss nicht nur seine Grenzen schützen, sondern seine Versorgung sichern.
Europa hat die Wahl: Beobachter oder Akteur? Zuschauer eines asiatischen Jahrhundertprojekts – oder Architekt einer eigenen Ordnung.


