Langstreckenraketen auf russischem Boden: Strategisch notwendig oder Spiel mit dem Feuer?
Macrons Vorstoß zur Ausweitung ukrainischer Angriffe offenbart die Ratlosigkeit der westlichen Ukraine-Strategie – und die strategische Schwäche Europas.
Die aktuelle Debatte über den Einsatz westlicher Langstreckenraketen gegen Ziele auf russischem Staatsgebiet offenbart nicht nur die eskalative Dynamik des Ukraine-Krieges, sondern auch ein besorgniserregendes strategisches Vakuum innerhalb Europas. Wenn Frankreichs Präsident Emmanuel Macron öffentlich fordert, die Ukraine solle mit westlichen Waffen russische Militärbasen angreifen dürfen, dann ist das kein Zeichen von Stärke, sondern Ausdruck wachsender Verzweiflung über den Verlust der militärischen Initiative.
Machen wir uns nichts vor: Diese Diskussion entspringt keinem kohärenten Plan zur Beendigung des Krieges, sondern ist das indirekte Eingeständnis, dass die bisherige Strategie gescheitert ist. Seit der gescheiterten ukrainischen Gegenoffensive im Sommer 2023 verzeichnen russische Truppen nahezu täglich Geländegewinne – nicht allein aufgrund numerischer Überlegenheit, sondern durch eine systematisch verbesserte Logistik, elektronische Kriegsführung und operative Anpassung an die realen Gegebenheiten des Gefechtsfelds.
Die Ukraine versucht mit Drohnenangriffen auf russisches Territorium gegenzuhalten – teils aus militärischem Kalkül, teils als symbolische Machtdemonstration. Präsident Selenskyj setzt gezielt auf psychologische Wirkung: Das Bild eines verletzlichen Russlands soll Putins innenpolitische Autorität untergraben. Doch diese Strategie ersetzt keine operative Wende. Sie ist Ausdruck politischer Ohnmacht – kein strategisches Konzept.
Frankreich und Großbritannien, die nun vehement den Einsatz westlicher Langstreckenwaffen für Angriffe auf russische Ziele fordern, verfolgen eine klare geopolitische Agenda: Sie wollen die Kosten für Moskau erhöhen, um sich in künftigen Verhandlungen bessere Ausgangsbedingungen zu verschaffen. Doch das ist eine riskante Wette mit zweifelhaftem Nutzen. Wer glaubt, punktuelle Angriffe auf logistische Knotenpunkte könnten Russland zu substanziellen Zugeständnissen zwingen, verkennt die strategische Tiefe, Resilienz und Eskalationsbereitschaft des russischen Staates – gestützt durch China.
Die USA und Deutschland zögern nicht grundlos. Ihre Zurückhaltung beruht auf einem realistischen Blick auf die Risiken. Die Sorge vor russischer Vergeltung – sei es durch konventionelle Gegenschläge oder durch den Einsatz taktischer Nuklearwaffen – ist nicht unbegründet. Zwar erscheint ein Nukleareinsatz derzeit unwahrscheinlich, doch laut russischer Doktrin wäre er unter bestimmten Bedingungen denkbar. Ein westlich unterstützter Angriff auf russisches Kernland könnte – insbesondere bei empfindlichen Treffern auf kritische Infrastruktur – genau jene Schwelle überschreiten, ab der Moskau einen demonstrativen Atomschlag für gerechtfertigt hält.
Ein weiterer Aspekt bleibt häufig unbeachtet: Angriffe auf russische Energieinfrastruktur beeinflussen die globalen Energiemärkte. Steigende Ölpreise destabilisieren nicht nur die Weltwirtschaft, sondern untergraben auch die innenpolitische Stabilität westlicher Demokratien – besonders in einem US-Wahljahr. Was kurzfristig als taktischer Gewinn erscheint, könnte sich langfristig als strategischer Bumerang erweisen.
Die eigentliche Schwäche liegt jedoch nicht in der Reichweite ukrainischer Raketen, sondern in der politischen Kurzsichtigkeit Europas. Während Russland Fakten schafft, bleibt Europa strategisch gelähmt, unfähig zu kohärenter Machtprojektion. Die Abhängigkeit von amerikanischer Führung, kombiniert mit symbolpolitischen Reflexen aus Paris und London, ersetzt keine eigenständige Sicherheitsarchitektur.
Was Europa jetzt braucht, ist keine symbolische Eskalation, sondern die Entschlossenheit, endlich eigene strategische Kapazitäten aufzubauen. Eine einheitliche europäische Außen- und Sicherheitspolitik, getragen von realer militärischer Macht, ist überfällig. Nur ein souveräner europäischer Machtpol kann in der entstehenden multipolaren Weltordnung bestehen – und glaubwürdig Einfluss auf Konflikte wie den Krieg in der Ukraine nehmen.
Raketenangriffe auf russisches Territorium sind kein strategischer Befreiungsschlag, sondern Ausdruck westlicher Orientierungslosigkeit. Wer Putins Eskalationsdominanz durchbrechen will, braucht mehr als technische Reichweite – er braucht geopolitische Substanz, militärische Eigenständigkeit und die Fähigkeit zur strategischen Selbstbeherrschung.


