Macht oder Museum
Ein Essay über strategische Selbstverleugnung in einer Welt neuer Imperien
Wenn ein Kontinent inmitten tektonischer Verschiebungen der Weltordnung zögert, sich zu seiner eigenen Macht zu bekennen, dann wird nicht nur sein Einfluss schwinden – sondern seine Existenzform zur Disposition stehen. Europa, einst Zentrum der Weltpolitik, steht heute wie ein erleuchtetes Museum in einer brennenden Welt. Während die multipolare Ära an Fahrt gewinnt, während Imperien alten Stils zurückkehren – China mit seiner wirtschaftlich-technologischen Hegemonie, die USA mit globaler Flexibilität, Russland mit imperialem Zwang – kreist Europa um sich selbst, in einer Mischung aus regulatorischem Eifer und strategischer Sprachlosigkeit.
Die Wahl ist klar: Entweder Europa wird zum machtfähigen Akteur mit eigener geopolitischer Handschrift. Oder es wird zum wohlmeinenden Beobachter – ausgestellt in der Vitrine historischer Bedeutungsverluste.
I. Die Erschöpfung der alten Ordnung: Zwischen Werte-Rhetorik und Wirklichkeitsverweigerung
Lange hat sich Europa als zivilisatorisches Gewissen der Welt verstanden – als moralischer Korrektivposten in einer unordentlichen Welt. Doch Geschichte ist kein Tribunal. Sie ist ein Feld von Interessen, Bewegungen und Machtasymmetrien. Wer nur Werte exportieren will, aber keine Machtmittel organisiert, wird bestenfalls ignoriert – schlimmstenfalls überrollt.
Ein Blick auf die wirtschaftliche Realität genügt, um diese Diagnose zu bestätigen. Die Europäische Union ist technologisch ins Hintertreffen geraten – nicht aus Mangel an Intelligenz, sondern aus Überfluss an institutioneller Trägheit. Während China seine nationalen Champions systematisch stärkt und die USA auf geopolitisch fundierte Industriepolitik setzen, scheitert Europa an sich selbst. Der Fall Siemens-Alstom steht exemplarisch für ein Europa, das Wettbewerbsfähigkeit predigt, aber strategische Handlungsfähigkeit verhindert.
Die ideologische Bürokratie in Brüssel, flankiert von nationalstaatlichem Kleinmut, bildet ein strukturelles Vakuum, das der geopolitischen Realität nicht mehr gewachsen ist. Es fehlt eine politische Klammer, die ökonomische Potenziale strategisch bündelt – ein europäischer Staat, der gestaltet, nicht nur verwaltet.
II. Der Krieg als Spiegel: Türkei, Russland und die Wiederkehr der Machtpolitik
Nirgendwo zeigt sich die Ohnmacht Europas deutlicher als im Umgang mit dem Ukrainekrieg. Die Rolle der Türkei als vermeintlicher Friedensstifter wird in Brüssel und Berlin mit einer Mischung aus Hoffnung und Hilflosigkeit betrachtet – dabei offenbart sie das Grundgesetz der neuen Weltpolitik: Vermittlung ist kein moralischer Akt, sondern das Resultat relativer Stärke und geostrategischer Unverzichtbarkeit.
Die Türkei manövriert nicht aus Idealismus, sondern aus imperialem Kalkül. Sie will keine Ordnung schaffen, sondern verhindern, dass eine fremde Ordnung sie marginalisiert – sei es russisch, amerikanisch oder europäisch. Ihr Ziel: ein strategisches Niemandsland im Schwarzen Meer, das ihr ökonomische Hebel und sicherheitspolitischen Spielraum bietet. Dass Europa in diesem Spiel keine Rolle spielt, liegt nicht an Ankara – sondern an Europas Abwesenheit als strategischer Faktor.
Denn wer keine militärische Präsenz zeigt, keine geopolitischen Interessen formuliert, keine Souveränität lebt, der wird auch in Verhandlungen nicht gebraucht.
III. Wirtschaft ist Krieg mit anderen Mitteln: Die unterschätzte Dimension der Macht
Europa verkennt, dass Wirtschaft und Geopolitik längst untrennbar verschmolzen sind. Digitalisierung, Lieferketten, Energieversorgung – all das sind keine technischen Fragen, sondern Schlachtfelder strategischer Vorherrschaft. In einer Welt, in der China Rohstoffmärkte organisiert, die USA ihre Industriepolitik an sicherheitspolitischen Zielen ausrichten und Russland Energie als Waffe einsetzt, erscheint das europäische Modell wie aus der Zeit gefallen.
Ohne eigene Verteidigungsfähigkeit wird jede ökonomische Stärke zur Geisel fremder Interessen. Ohne politische Einheit wird jede Investitionsoffensive zur regionalen Rivalität. Und ohne strategische Führung wird jede technologische Innovation zum Fragment, das im globalen Wettbewerb untergeht.
Die Debatte über Kapitalmarktunion, Green Deal oder Digitalpolitik bleibt sinnlos, solange sie nicht in einen machtpolitischen Rahmen eingebettet wird. Es braucht Institutionen, die nicht nur regulieren, sondern lenken. Es braucht Standards, die nicht nur harmonisieren, sondern projizieren. Und es braucht eine Armee, die nicht nur abschreckt, sondern schützt.
IV. Der Bundesstaat als Antwort: Machtkonzentration oder Marginalität
Die strukturelle Schwäche Europas ist das Fehlen eines Zentrums. Ein Raum ohne Machtkonzentration bleibt Spielball. Ein Bündnis ohne politische Führung bleibt Fragment. Wer die Zukunft sichern will, muss die Institutionen schaffen, die eine gemeinsame strategische Linie ermöglichen: ein europäisches Finanzministerium, ein Verteidigungsrat, ein digitaler Souveränitätskommissar – eingebettet in eine europäische Verfassung, die nicht nur Rechte verteilt, sondern Verantwortung bündelt.
Dabei kann der Weg zur Souveränität nur über eine strategische Führungsachse Berlin–Paris–Warschau führen. Deutschland als wirtschaftliche Lokomotive, Frankreich als nukleare Absicherung, Polen als Frontstaat gegen den Osten – diese drei müssen den politischen Willen formulieren, der aus der Union einen Bundesstaat macht. Nicht als Ideal, sondern als Notwendigkeit.
Denn in der kommenden Ordnung wird nicht mehr gefragt, wer moralisch im Recht ist, sondern wer strategisch überlebt.
V. Die Welt wartet nicht – und Europa kann sich keine Pause leisten
Die multipolare Welt ist kein Ort des Gleichgewichts, sondern ein System unvollkommener Stabilitäten – geprägt durch wechselnde Allianzen, asymmetrische Machtprojektion und strategische Zonen der Ambivalenz. Wer in dieser Welt überleben will, braucht mehr als Regeln. Er braucht den Willen, Macht zu organisieren – und den Mut, sie einzusetzen.
Die iranische Diplomatie in Kurdistan, die israelischen Präventivschläge gegen die Hisbollah, die türkischen Verhandlungen mit Moskau – all das sind Symptome einer Welt, in der das strategische Denken wieder dominiert. Der Westen, insbesondere Europa, hat sich dagegen in einer narzisstischen Pause eingerichtet – als ginge es darum, das eigene Modell moralisch zu rechtfertigen, statt es machtpolitisch zu behaupten.
Doch wer nicht zur Ordnungsmacht wird, wird zur Ordnungsmasse. Und wer nicht bereit ist, geopolitische Verantwortung zu übernehmen, wird zum Objekt fremder Ordnungen.
Schluss: Die europäische Renaissance – oder der Rückzug in die Bedeutungslosigkeit
Die Wahl, vor der Europa steht, ist historisch. Es geht nicht um Details technokratischer Reformen oder neue Koordinierungsmechanismen. Es geht um Sein oder Nichtsein in einer Welt, die von neuen Imperien geprägt ist.
Henry Kissinger sagte einst, Macht sei „die Fähigkeit, nicht nur auf Ereignisse zu reagieren, sondern sie zu gestalten“. Genau das fehlt Europa. Nicht Intelligenz. Nicht Mittel. Sondern der Wille zur Gestaltung – und die Bereitschaft zur Macht.
Die europäische Renaissance wird nicht durch Gipfel entstehen, sondern durch Institutionen. Nicht durch Appelle, sondern durch Entschlossenheit. Nicht durch noch mehr „Europa“ – sondern durch ein anderes Europa: souverän, strategisch, selbstbeherrscht.
Wenn Europa nicht handelt, wird es zum Museum. Wenn es handelt, kann es wieder Imperium sein – nicht als Herrschaft über andere, sondern als Ordnungsform für sich selbst. Die Geschichte hat Europa eine letzte Frist eingeräumt. Es ist an der Zeit, sie zu nutzen.


