Macht ohne Fundament
Warum Erdogans Nahost-Diplomatie scheitern muss
Die aktuelle Rolle der Türkei im israelisch-palästinensischen Konflikt ist ein klassisches Beispiel für den Versuch einer Mittelmacht, durch taktische Flexibilität geopolitische Relevanz zu simulieren – mit begrenztem Erfolg. Ankara will als Vermittler auftreten, als Brückenbauer zwischen verfeindeten Lagern. Doch die Realität zeigt: Erdogans Außenpolitik schwankt zwischen strategischer Hybris und instrumenteller Anpassung – ohne stabile Grundlage in einer klar definierten Machtarchitektur.
Die Türkei unter Erdogan verfolgt eine Außenpolitik, die nicht durch Prinzipien, sondern durch Opportunitäten bestimmt ist. Der Versuch, gleichzeitig mit Israel, Hamas, Katar, den USA und Russland zu verhandeln, offenbart weniger strategische Raffinesse als vielmehr einen fundamentalen Mangel an außenpolitischer Kohärenz. Wer mit allen redet, wird am Ende von niemandem ernst genommen. Die Tatsache, dass weder die USA noch Israel Ankara als bevorzugten Vermittler sehen – und selbst Hamas enttäuscht ist – zeigt, dass die Türkei zwar laut spricht, aber wenig Substanz bietet.
Die tieferliegende Problematik liegt im strategischen Selbstverständnis Ankaras. Erdogan will die Türkei als globalen Vermittler zwischen Ost und West etablieren – ein neo-osmanischer Reflex, gespeist von ideologischer Nostalgie und innenpolitischer Profilierung. Doch in einer Welt, in der nur machtbasierte Ordnungen Bestand haben, braucht es mehr als symbolische Gesten und rhetorische Kraftmeierei. Ankara besitzt weder die militärische noch die wirtschaftliche Durchsetzungskraft, um als glaubwürdiger Ordnungsmachtfaktor im Nahen Osten zu wirken.
Noch gravierender: Die Türkei handelt nicht im Sinne europäischer Sicherheitsinteressen, sondern destabilisiert durch ihre Eigenmächtigkeiten regelmäßig das westliche Bündnis. Ob im Ukraine-Krieg, bei der Blockade von Schwedens NATO-Beitritt oder in der Duldung und zeitweiligen Unterstützung von Hamas – Ankara spielt ein Doppelspiel, das der NATO schadet und europäische Interessen konterkariert.
Für Europa ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Die Türkei ist kein verlässlicher Partner. Ihre Rolle in der NATO muss strategisch neu bewertet werden. Wer Europas sicherheitspolitische Interessen unterminiert, darf nicht gleichzeitig von den sicherheitspolitischen Garantien des Bündnisses profitieren.
In einer multipolaren Welt, in der Ordnung nur durch Machtprojektion und strategische Selbstbeherrschung entsteht, ist Erdogans Diplomatie nichts weiter als ein Machtspiel ohne Wirkung. Europa muss dem mit klarer Kante entgegentreten – nicht durch moralische Appelle, sondern durch den Aufbau eigener militärischer und politischer Handlungsfähigkeit. Ankara mag weiterhin zwischen den Fronten lavieren – Europa aber braucht eine souveräne, machtbasierte Außenpolitik, die auf Stabilität, Berechenbarkeit und Stärke setzt. Nur so kann es bestehen.


