Macht, Ordnung, Überleben – Europas Stunde der Entscheidung
Ein Essay über Trumps Rückkehr, den Zerfall der Ordnung im Sudan und die Notwendigkeit strategischer Selbstbehauptung
Der Essay analysiert die Rückkehr Donald Trumps als Symbol eines globalen Machtwandels: weg von normativen Werten, hin zu einer weltweiten Ordnung, die ausschließlich durch Interessen, Machtprojektion und strategischen Egoismus bestimmt wird. Trumps Außenpolitik ist nicht irrational, sondern ein berechenbarer Ausdruck machtzentrierten Denkens. Parallel dazu zeigt der Krieg im Sudan exemplarisch das Ende des postkolonialen Staatsmodells und die zunehmende Fragmentierung globaler Ordnung unter dem Einfluss externer Akteure.
Für Europa ergibt sich daraus eine existenzielle Herausforderung: Ohne strategische Eigenständigkeit droht dem Kontinent geopolitische Marginalisierung. Die Antwort kann nur ein europäischer Bundesstaat mit gemeinsamer Außen-, Sicherheits- und Nuklearpolitik sein. Der Essay schließt mit der These, dass Ordnung kein Naturzustand, sondern ein Produkt von Macht ist – und dass Europas Überleben nur durch entschlossene strategische Selbstbehauptung gesichert werden kann.
I. Zeitenwende ohne Pathos – Der Beginn einer neuen geopolitischen Epoche
Geschichte kennt keine Pause. Sie verläuft nicht linear, sondern in tektonischen Plattenstößen, deren Erschütterungen oft erst Jahre später verstanden werden. Die Rückkehr Donald Trumps an die Spitze der amerikanischen Exekutive ist ein solcher tektonischer Stoß – nicht, weil er ein politisches Novum wäre, sondern weil er der Vollstrecker einer längst begonnenen Zeitenwende ist: dem Übergang von normativem Universalismus zu strategischem Realismus.
Trump ist kein Unfall der Geschichte, sondern Symptom einer tiefen strukturellen Verschiebung in der internationalen Ordnung. Seine Welt ist nicht postliberal, sondern postillusionär. Sie basiert nicht auf gemeinsamen Werten, sondern auf divergierenden Interessen. In dieser Welt gilt nicht mehr: „Wer Recht hat, wird gehört“, sondern: „Wer Macht hat, gestaltet.“ Europa, lange eingenistet im Schutzraum amerikanischer Ordnungspolitik, steht nun vor der Frage: Will es Subjekt oder Objekt dieser neuen Ordnung sein?
Während Europas politische Klasse noch im Diskurs über „regelbasierte Weltordnung“ verharrt, handeln andere längst auf der Grundlage von Machtarithmetik. Der Krieg im Sudan ist ein Paradebeispiel dafür, wie sich in den Peripherien der Welt eine neue Logik etabliert – eine Logik der Fragmentierung, der Söldnerökonomien und der geopolitischen Stellvertreter.
Doch die eigentliche Front verläuft nicht in Khartum oder Donezk – sie verläuft durch Europas Selbstbild. Zwischen der Illusion normativer Gestaltungsmacht und der Realität strategischer Abhängigkeit klafft ein Abgrund. Es ist dieser Abgrund, den Trump schonungslos offenlegt.
II. Trumpismus: Die Kodifizierung machtzentrierter Außenpolitik
Donald Trump verkörpert keinen außenpolitischen Exzess, sondern eine methodische Rückkehr zum Primat der Interessen. Seine Doktrin ist einfach: Wer zahlt, bekommt Schutz – wer nicht zahlt, ist entbehrlich. Allianzen sind keine Bündnisse ewiger Werte, sondern transaktionale Zweckgemeinschaften mit Ablaufdatum.
Für Europa bedeutet das: Die NATO, einst das Bollwerk kollektiver Verteidigung, wird unter Trump zum Sicherheitsdienst nach Preisliste. Der Schutz Europas ist für ihn kein geostrategisches Gebot, sondern ein ökonomischer Posten. Wer glaubt, dies sei Ausdruck von Willkür, verkennt die innere Logik: Trumps Außenpolitik ist berechenbar – gerade weil sie sich radikal von ideologischer Bindung befreit hat.
In der Ukraine-Frage manifestiert sich diese Logik besonders deutlich. Waffenhilfe gegen politische Gegenleistung – das ist kein Tabubruch, sondern die Fortsetzung außenpolitischer Realität mit amerikanischen Interessen an erster Stelle. Ein “Trump-Friedensplan” würde keine gerechte Ordnung bringen, sondern eine machtzentrierte Stabilität: Neutralität der Ukraine, territoriale Konzessionen, amerikanisch dominierte Verhandlungstische. Und Europa? Außen vor, machtlos, irrelevant.
Trump zwingt Europa zur Entscheidung – nicht moralisch, sondern existenziell: Will der Kontinent weiter Bittsteller am Hofe Washingtons sein oder selbst Akteur einer multipolaren Ordnung?
III. Der Sudan – Anatomie eines geopolitischen Vakuums
Während Europa gebannt auf die großen Konflikte der Welt blickt, entwickelt sich im Sudan ein Krieg von historischer Tragweite – nicht trotz, sondern gerade wegen seiner medialen Unsichtbarkeit. Denn was sich hier offenbart, ist der Zusammenbruch eines kolonial geerbten Staatsmodells, das nie auf realer Souveränität, sondern auf externer Patronage und innerer Instabilität basierte.
Der Sudan ist kein gescheiterter Staat – er war nie ein konsistenter Staat. In seinem Zerfall mischen nun jene Mächte mit, die verstanden haben, dass Machtvakuen geopolitische Gelegenheitsräume darstellen: Russland, über die Wagner-Gruppe, zementiert seinen Zugang zum Indischen Ozean. Die Emirate sichern sich Rohstoffe und Handelsrouten. Ägypten verteidigt hydropolitische Interessen. Saudi-Arabien betreibt Risikomanagement entlang seiner Südflanke.
Die UNO? Überfordert. Die EU? Abwesend. Der Westen? Gefangen im Moraldiskurs.
Sudan ist kein Einzelfall, sondern Vorbote eines Zeitalters globaler Refragmentierung. Immer mehr Staaten – vor allem in Afrika und dem Nahen Osten – stehen am Rand des systemischen Kollapses. Und Europa wird die Konsequenzen spüren: nicht als moralisches Problem, sondern als machtpolitische Realität – in Form von Migration, Terrorismus und geopolitischer Verdrängung.
IV. Europa – Zwischen Marginalisierung und Selbstbehauptung
Was Trump in Washington kodifiziert und der Sudan in seiner Auflösung vorführt, ist die neue Formel globaler Ordnung: Nur wer souverän handelt, wird als Macht anerkannt. Für Europa bedeutet das ein radikales Umdenken – nicht als theoretische Option, sondern als historische Notwendigkeit.
Der europäische Bundesstaat ist kein idealistisches Fernziel, sondern eine machtpolitische Antwort auf den Kollaps des alten Systems. Nur ein geeintes Europa kann sich zwischen den amerikanischen, chinesischen und russischen Machtpolen behaupten. Dazu braucht es:
Eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, die nicht in 27 Hauptstädten zerrieben wird, sondern in einem europäischen Machtzentrum strategisch koordiniert wird.
Eine europäische Armee, fähig zur eigenständigen Verteidigung und zur Intervention an den Peripherien der Ordnung – von der Sahelzone bis zum östlichen Mittelmeer.
Die Einbindung französischer Nuklearwaffen in eine europäische Abschreckungsarchitektur – nicht als Geste, sondern als Signal strategischer Ernsthaftigkeit.
Ein geostrategisches Bündnis mit Indien, als Anker einer multipolaren Stabilität und Gegengewicht gegen sino-russische Dominanz.
Europa darf nicht länger „Weltinnenpolitik“ betreiben, wo Realpolitik geboten ist. Der Begriff der „Wertegemeinschaft“ hat ausgedient – nicht weil Werte bedeutungslos wären, sondern weil sie ohne Machtbasis zur Fassade verkommen. Nur wer Ordnung durch Stärke schafft, kann Werte durchsetzen. Alle anderen schreiben Deklarationen – und verschwinden aus der Geschichte.
V. Schlussfolgerung – Ordnung ist kein Naturzustand
Die Geschichte der Welt ist keine Geschichte des Fortschritts, sondern eine Geschichte der Machtverteilung. Wer sie gestalten will, braucht Souveränität, strategische Selbstbeherrschung und die Fähigkeit zur Durchsetzung. Trumps Wiederwahl, der sudanesische Zerfall, die globale Fragmentierung – sie alle erzählen dieselbe Geschichte: Ordnung ist kein gegebenes Gut, sondern eine durch Macht geschaffene Ausnahme.
Europa steht vor der Wahl: entweder selbst Ordnungsmacht zu werden – oder zum Spielball der Ordnungen anderer zu verkommen. Die Illusion, man könne sich durch Institutionen, Appelle oder moralische Überlegenheit absichern, ist zerstoben. Die Zukunft gehört jenen, die handeln – nicht jenen, die hoffen.
Der Trumpismus mag vergehen, seine tektonische Wirkung bleibt. Wer Europa retten will, muss es neu erfinden – nicht als Gemeinschaft, sondern als Machtpol.
Die Stunde der strategischen Selbstbehauptung ist gekommen. Wer sie verpasst, wird nicht untergehen – er wird verschwinden.


