Macht statt Moral
Was das Scheitern der Gegenoffensive für Europas Sicherheitsarchitektur bedeutet
Die ukrainische Gegenoffensive war militärisch gesehen ein Desaster – politisch, strategisch und psychologisch eine Zäsur. Sie markiert das Ende einer Illusion: Der Westen, insbesondere Europa, kann den Krieg gegen Russland nicht länger als bloßes Unterstützungsprojekt delegieren. Die Realität auf dem Schlachtfeld hat die geopolitische Wunschvorstellung eingeholt.
Die Analyse des ukrainischen Vorgehens offenbart gravierende strukturelle Schwächen, die längst bekannt waren, aber ignoriert wurden – auf ukrainischer wie westlicher Seite. Dazu zählen: massive Defizite in der Ausbildung für den kombinierten Waffenverbund, politische Einflussnahme auf taktische Entscheidungen (Stichwort Bakhmut), mangelhafte Logistik und der naive Glaube an technologische Wunderwaffen westlicher Herkunft, die ohne tiefgreifende Doktrinanpassung wirkungslos verpuffen.
Gleichzeitig hat Russland aus seinen anfänglichen Fehlern gelernt: Der „Surovikin-Plan“ zur Verteidigung hat gegriffen, die elektronische Kriegführung wurde hochskaliert, Nachschublinien gesichert und die Anpassungsfähigkeit der russischen Streitkräfte deutlich unterschätzt. In einer multipolaren Welt wird nicht mehr derjenige siegen, der die besseren Prinzipien predigt, sondern der, der schneller lernt, effizient organisiert und seine Interessen mit militärischer Disziplin absichert.
Was bedeutet das für Europa?
Zunächst: Die NATO hat sich als strategisches Missverständnis offenbart. Weder besitzt sie ein einheitliches Ziel in diesem Konflikt, noch kann sie eine kohärente Strategie durchsetzen. Die Vereinigten Staaten verfolgen ihre Interessen – und zwar zu Recht. Aber Europa kann sich nicht länger auf amerikanisches Leadership verlassen. Es muss endlich anerkennen, dass seine sicherheitspolitische Existenz auf dem Spiel steht. Die Ukraine war das Schlachtfeld, auf dem sich die strukturelle Machtlosigkeit Europas manifestierte.
Zweitens: Die europäische Unterstützung der Ukraine war von Anfang an nicht strategisch, sondern moralisch motiviert – ein schwerer Fehler. Militärische Hilfe ersetzt keine Strategie. PR ersetzt keine Operationsführung. Und Empörung ersetzt keine Realpolitik. Die ukrainische Führung hat die westliche Unterstützung zu oft als automatischen Blankoscheck betrachtet – ohne die notwendige operative Reform im Innern. Die Konsequenz: verlorene Zeit, verlorenes Territorium, verlorenes Vertrauen.
Drittens: Es braucht ein Umdenken – nicht in Washington, sondern in Berlin, Paris und Warschau. Die Zeit der moralischen Außenpolitik ist vorbei. Wenn Europa seinen Einfluss behaupten will, muss es sich zur strategischen Selbstbehauptung bekennen. Das heißt konkret: Aufbau einer eigenen europäischen Armee, Koordinierung militärischer Industrien, Nutzung französischer Nuklearwaffen für eine europäische Abschreckung, und die Entwicklung einer operativen Kriegsführung, die auf strategische Wirkung – nicht auf mediale Symbolik – ausgelegt ist.
Die ukrainische Gegenoffensive ist gescheitert, weil sie ein Krieg der Bilder war – geführt gegen eine Macht, die nur auf Realität setzt. Europa darf diesen Fehler nicht wiederholen. Der Übergang von Illusion zur Machtpolitik ist schmerzhaft – aber notwendig. Wer nicht zur strategischen Ordnung findet, wird in der Unordnung untergehen.
Der Winter ist nicht nur klimatisch, sondern geopolitisch angebrochen. Für die Ukraine. Für den Westen. Und besonders für Europa. Doch jede Eiszeit birgt auch die Möglichkeit einer neuen tektonischen Bewegung. Europa muss sie selbst erzeugen – oder verschwindet als eigenständiger Akteur.


