Machtvakuum und die neue Geopolitik
Ein Essay über Orbán, Chancay und den Preis strategischer Unentschlossenheit
„Europa“, so schrieb einst Raymond Aron, „ist ein Subjekt der Geschichte, das sich weigert, eine Geschichte zu schreiben.“ Diese Weigerung hat einen Preis. Heute, in einer Welt multipolarer Rivalitäten, in der Macht neu verteilt und Einflusszonen neu gezogen werden, zeigt sich das Vakuum europäischen Gestaltungswillens schmerzhaft deutlich – von Budapest bis Chancay, vom Donbass bis zum Südpazifik. Was sich als chronische Krise der Entscheidungsfähigkeit darstellt, ist in Wahrheit Ausdruck einer tieferliegenden strategischen Unreife: Europa besitzt keine Machtidentität, weil es sich nie für eine entschieden hat.
In Budapest regiert ein Premierminister, der mit kalter Zielstrebigkeit die institutionellen Schwächen der EU nutzt – nicht als Rebell, sondern als Realist im postmoralischen Zeitalter. In Peru errichtet China derweil einen geostrategischen Brückenkopf mitten im vermeintlichen „Hinterhof“ der Vereinigten Staaten – und Europa? Schweigt. Beobachtet. Moralisiert. Doch wer in der neuen Weltordnung nur Zuschauer ist, wird zum Objekt fremder Strategien.
Was fehlt, ist nicht Geld, sondern Richtung. Nicht Technologie, sondern Wille. Europa steht an der geostrategischen Wegscheide: Entweder es wird Subjekt eigener Ordnung – oder es bleibt Spielball fremder Interessen. Die Zeit romantischer Integration ist vorbei. Es beginnt das Zeitalter der strategischen Revolution.
I. Das unvollendete Imperium – Europas strukturelle Schwäche
Die Europäische Union ist heute ein politischer Koloss mit Tonfüßen. Ihre ökonomische Stärke steht in frappierendem Gegensatz zu ihrer außenpolitischen Ohnmacht. Ihre Institutionen sind komplex, doch ihre Handlungsfähigkeit bleibt begrenzt. Nicht militärische Macht, sondern moralische Appelle dominieren die Sprache Brüssels – ein Relikt aus einer Ära, in der der Westen glaubte, Geschichte sei ein Fortschrittsnarrativ.
Doch Geschichte ist kein Gerichtshof. Sie ist ein Kampfplatz. Staaten handeln nicht nach Prinzipien, sondern nach Interessen. Wer auf ein „Europa der Werte“ baut, hat die tektonische Verschiebung der Weltordnung nicht verstanden. Der Aufstieg Chinas, der strategische Zynismus Russlands, die erschöpfte Hegemonie der USA – all dies verlangt nach einem Europa, das nicht nur reguliert, sondern handelt. Nicht nur integriert, sondern führt.
Und doch: Ein Viktor Orbán genügt, um den institutionellen Apparat der EU aus dem Tritt zu bringen. Nicht, weil Ungarn eine Supermacht wäre – sondern weil Europa kein Zentrum besitzt. Keine Exekutive mit strategischer Autorität. Keine gemeinsame Verteidigung. Kein außenpolitisches Narrativ, das über Diplomatenenglisch hinausreicht.
Orbán nutzt diese Leerstelle nicht, weil er sie geschaffen hat – sondern weil sie existiert.
II. Orbán als Symptom – Machtpolitik in einer strukturlosen Ordnung
Die ungarische Ratspräsidentschaft 2024 hat die Bruchlinien der EU mit seltener Deutlichkeit offengelegt. Der mediale Aufschrei über Orbáns außenpolitische Alleingänge – sein Moskau-Besuch, seine Annäherung an China, seine Blockadehaltung gegenüber Kiew – verkennt, dass hier kein unberechenbarer Akteur am Werk ist, sondern ein strategisch kalkulierender Machtpolitiker.
Orbáns Rezept ist simpel: Wer in einer strukturarmen Ordnung Risiken eingeht, diktiert die Agenda. Seine Außenpolitik ist nicht irrational – sie ist Ausdruck eines Europas, das sich nicht entscheiden kann, ob es Imperium oder NGO-Kongress sein will. Die technokratische Reaktion aus Brüssel – Haushaltskürzungen, Rechtsstaatsmechanismus, moralische Appelle – offenbart keine Stärke, sondern Angst vor der eigenen Unzulänglichkeit.
Orbán zeigt: In einem Europa ohne Sicherheitsarchitektur, ohne Souveränität, ohne Machtprojektion zählt nicht Recht, sondern Einfluss. Wer handeln kann, setzt durch. Wer nur reagiert, wird irrelevant.
III. Chancay – der stille Sieg Chinas
Während Europa mit sich selbst beschäftigt ist, verlagern sich die tektonischen Linien der Weltordnung. Im peruanischen Chancay, einem Ort, den in Brüssel kaum jemand kennt, entsteht ein Hafenprojekt, das als Symbol für das neue Zeitalter der Geopolitik verstanden werden muss.
China investiert nicht nur in Infrastruktur, sondern in strategische Vorposten – mit nüchterner Konsequenz und globalem Atem. Der neue Tiefseehafen, verbunden mit Straßenkorridoren, digitalen Netzen und logistischen Drehkreuzen, bedeutet mehr als ökonomische Effizienz: Er ist Hebel geopolitischer Präsenz. Inmitten eines US-dominierten Raumes etabliert sich China als berechenbarer, weil interessengeleiteter Akteur – während Washington sich in moralpolitischen Appellen verliert.
Europa bleibt dabei stumm. Nicht einmal als Akteur dritter Ordnung taucht es in diesem Ringen auf. Die Lehre von Chancay lautet: Wer strategische Räume nicht selbst füllt, dem werden sie gefüllt – von anderen.
IV. Multipolare Welt, zentriertes Europa – das neue strategische Ziel
Die Welt bewegt sich unausweichlich auf eine multipolare Ordnung zu. In ihr bestehen nicht Wertegemeinschaften, sondern Machtzentren. USA, China, Indien – sie alle agieren nicht als Moralpioniere, sondern als Machtarchitekturen mit globalem Selbstverständnis.
Europa hingegen zögert. Und weil es zögert, verliert es.
Die Konsequenz ist klar: Europa braucht ein Zentrum. Einen Bundesstaat mit militärischer und außenpolitischer Souveränität. Eine strategische Identität jenseits von NATO-Treue oder transatlantischer Gefolgschaft. Das bedeutet nicht Abkehr vom Westen – sondern Emanzipation auf Augenhöhe.
Ein solcher europäischer Bundesstaat müsste:
Eine europäische Armee aufbauen, fähig zur Verteidigung wie zur Projektion.
Frankreichs Nukleararsenal europäisieren, als Pfeiler strategischer Abschreckung.
Ein politisches Exekutivzentrum schaffen, das außen- und sicherheitspolitisch durchsetzungsfähig ist.
Indien als strategischen Partner etablieren, um eine multipolare Ordnung abzusichern.
Mit China und den USA aus eigener Stärke verhandeln, nicht aus struktureller Abhängigkeit.
V. Übergangsstrategie: Deutschland als strategischer Katalysator
Bis zu einer europäischen Einigung wird es Übergangslösungen brauchen – und Deutschland muss hierbei vorangehen. Nicht als dominanter Hegemon, sondern als politischer Katalysator.
Das bedeutet:
Ausbau trilateraler Kooperation mit Frankreich, Polen und Italien.
Europäisierung französischer Nuklearwaffen durch sicherheitspolitische Integration.
Schaffung eigener Kommandozentralen im Rahmen von PESCO.
Investitionen in Cybersicherheit, Luftabwehr, Mobilität und Verteidigungsindustrien.
Führungsanspruch in außenpolitischen Fragen, ohne Rückfall in moralischen Idealismus.
Schluss: Die Stunde der Entscheidung
Europa steht am Scheideweg. Es kann sich weiter als moralisches Projekt begreifen – oder endlich zur Macht werden. Die Zeit der Halbheiten ist vorbei. Orbán zeigt, was passiert, wenn das Machtvakuum von der Peripherie gefüllt wird. Chancay zeigt, was geschieht, wenn Europa global verschwindet.
Wer die europäische Idee retten will, muss sie radikal erneuern. Nicht mit neuen Verträgen, sondern mit neuer strategischer Klarheit. Die geopolitische Revolution beginnt dort, wo der Wille zur Ordnung größer ist als die Angst vor Macht. Europa braucht ein Zentrum. Ein Imperium sui generis.
Nicht, um andere zu dominieren – sondern um sich selbst zu behaupten.


