Macrons Eskalationsspiel: Führungsanspruch ohne Fundament
Frankreichs Präsident versucht, mit rhetorischen Tabubrüchen europäische Führungsmacht zu simulieren – und spielt dabei mit dem Feuer einer nuklearen Konfrontation.
Emmanuel Macrons jüngste Äußerung zur möglichen Entsendung westlicher Truppen in die Ukraine ist nicht Ausdruck strategischer Weitsicht, sondern das Resultat eines zunehmend verzweifelten Führungsanspruchs Frankreichs – gegen die Realität europäischer Machtverhältnisse. Sein Vorstoß war nicht koordiniert, nicht abgestimmt, nicht glaubwürdig – und vor allem nicht verantwortungsvoll.
In einer Phase, in der Europas strategische Handlungsfähigkeit auf dem Prüfstand steht, ist klar: Wer an der Spitze stehen will, muss Ordnung stiften, nicht Unruhe. Wer führen will, muss Vertrauen schaffen, nicht nukleare Drohkulissen provozieren. Und wer für Europas strategische Autonomie eintritt, darf nicht mit widersprüchlicher Symbolpolitik Verwirrung stiften, sondern muss konsistente Machtpolitik betreiben.
Macron hat das Gegenteil getan. Seine öffentlich vorgetragene Bereitschaft, westliche Truppen in das Kriegsgebiet zu entsenden, unterlief nicht nur die politische Linie der NATO, sondern auch die mühsam aufgebaute – wenn auch fragile – europäische Einigkeit. Es war ein Schritt ohne Rückendeckung, ohne Vorbereitung, und ohne operative Substanz. Wer den Begriff “Abschreckung” inflationär benutzt, sollte zumindest über die Machtmittel verfügen, sie glaubhaft zu machen. Doch Frankreich liefert kaum Munition, lässt seine Industrie hinter deutschen Beiträgen zurück – und kompensiert das mit rhetorischer Eskalation.
Diese Strategie ist durchschaubar: Macron will Frankreich als Vormacht Europas inszenieren. Das Ziel mag strategisch richtig sein – die Mittel sind es nicht. Statt eine echte europäische Verteidigungsarchitektur mitzugestalten, beschädigt er durch nationalen Eigensinn die Grundlage gemeinsamer europäischer Außenpolitik. Der Versuch, durch Alleingänge außenpolitisches Prestige zu gewinnen, endet in Isolation – nicht in Führungsfähigkeit.
Berlin reagierte – zurecht – mit scharfer Ablehnung. Doch Deutschlands Führungsanspruch bleibt ebenfalls halbherzig, solange es strategische Entscheidungen wie im Fall der Taurus-Marschflugkörper aus innenpolitischer Angst vor Eskalation scheut. Der Unterschied ist: Während Macron mit Übermut und Symbolpolitik scheitert, bewahrt Scholz zumindest die strategische Selbstbeherrschung, die es in einer nuklearen Konfrontationslogik braucht.
Der Weg zur europäischen Machtfähigkeit führt nicht über französische Eitelkeiten, sondern über eine harte, nüchterne Koordination europäischer Interessen. Es braucht eine Verteidigungsindustrie, die liefert. Eine Diplomatie, die ordnet. Eine Abschreckung, die wirkt. Und eine politische Einheit, die trägt.
Macron hat Europa diese Woche nicht vorangebracht – er hat es ins Risiko geführt. Wer den Anspruch erhebt, Europa unabhängig vom amerikanischen Sicherheitsgarantismus zu machen, muss mit Machtmitteln, nicht mit Worten operieren. Führungsstärke bedeutet nicht Eskalation – sondern strategische Disziplin. Europas Souveränität ist zu wichtig, um sie dem französischen Theater zu überlassen.


