Märkte, Macht und Mittelmeer
Ein Essay über Geoökonomie, Kriege und den notwendigen Aufstieg eines europäischen Machtpols
Der Essay analysiert die tektonischen Verschiebungen der globalen Ordnung, die sich in zwei zentralen Frontlinien manifestieren: dem geoökonomischen Systemkonflikt zwischen den USA und China sowie der geopolitischen Fragmentierung im Nahen Osten am Beispiel Gazas. Beide Entwicklungen markieren das Ende der liberalen Weltordnung und den Beginn einer Ära strategischer Selbstbehauptung. Europa droht in dieser neuen Epoche – geprägt von Machtprojektion über Märkte und Stellvertreterkriege – zwischen den Blöcken zerrieben zu werden. Die einzige Antwort auf diese strukturelle Ohnmacht liegt im Aufbau eines souveränen europäischen Machtpols: politisch geeint, militärisch durchsetzungsfähig, wirtschaftlich autonom. Wer in dieser Welt nicht gestaltet, wird gestaltet – das ist Europas strategisches Dilemma und zugleich historische Chance.
I. Einleitung: Die Rückkehr der Geschichte
In den Jahren nach dem Kalten Krieg herrschte in vielen westlichen Hauptstädten die Illusion, Macht sei durch Märkte gezähmt, Konflikte durch Handel überbrückt, und Geschichte durch Globalisierung abgelöst worden. Diese Epoche ist vorbei. Was nun beginnt, ist kein Rückfall, sondern eine Rückkehr: der Rückkehr der Geschichte, in der Märkte wieder Waffen sind, Diplomatie zum Werkzeug strategischer Erpressung wird und Großmächte ihren Einfluss nicht über Regeln, sondern über Ressourcen sichern.
Wie im 19. Jahrhundert, als das British Empire durch maritime Kontrolle, industrielle Vormacht und koloniale Rohstoffregime seine Ordnung aufrechterhielt, so entsteht heute eine neue globale Auseinandersetzung – nicht mehr in den Schützengräben Europas, sondern in den Versorgungsketten der Halbleiterindustrie, den kritischen Rohstoffminen Afrikas und den Häfen des Indo-Pazifik.
Doch es sind nicht nur ökonomische Linien, die sich verschieben. Auch die geopolitischen Fronten der Gewalt und Ordnung zerreißen die Peripherien der alten Welt: in Gaza, in der Straße von Hormus, in der Sahelzone. Zwischen Washingtons strategischer Selbstbehauptung, Pekings imperialer Wirtschaftsdiplomatie und Moskaus destruktiver Disruption droht Europa – erneut – zum geostrategischen Zuschauer zu verkommen.
Nur wer diese Entwicklungen zusammendenkt, erkennt die tektonische Dimension der gegenwärtigen Weltlage: Es ist ein globaler Systemkonflikt um Ordnung, Kontrolle und Macht. Und Europa steht im Zentrum – nicht aus Stärke, sondern aus Verletzlichkeit.
II. Geoökonomie als neue Weltkriegsform
Was mit Zöllen begann, hat sich zum Kampf der Systeme entwickelt. Die USA und China betreiben heute keine Wirtschaftspolitik mehr, sondern Geoökonomie im Clausewitz’schen Sinn: die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.
Washingtons Antwort auf Chinas techno-industriellen Aufstieg ist kein Freihandelsabkommen, sondern eine Reindustrialisierung unter Vorzeichen strategischer Autarkie. Der „CHIPS and Science Act“ ist kein ökonomisches Gesetzespaket, sondern Teil einer neuen US-Doktrin: Kontrolle statt Kooperation, Abschottung statt Austausch.
China hingegen reagiert mit kalkulierter Härte. Exportkontrollen auf Gallium und Graphit, die Reorganisation der Lieferketten durch Drittstaaten, der Ausbau des Einflusses im Globalen Süden – das ist nicht bloß Handelspolitik, sondern geopolitisches Stellungsspiel mit ökonomischen Hebeln. Die Weltmärkte sind zur Frontlinie geworden, Rohstoffe zu Schlachtfeldern, Lieferketten zu Gräben im neuen Kalten Krieg.
Beide Supermächte handeln rational – aus der Logik imperialer Selbsterhaltung heraus. Die USA wollen ihre globale Führungsrolle durch technologische Vorherrschaft behaupten, China seinen Anspruch auf Weltgeltung durch ökonomische Dominanz untermauern. Die liberale Wirtschaftsordnung, wie sie einst in Bretton Woods begann, ist zur Kulisse geworden für ein Spiel, dessen Regeln nicht mehr vom Markt, sondern von Macht bestimmt werden.
III. Gaza: Die Illusion des Friedens und die Wirklichkeit der Macht
Parallel zum ökonomischen Systemkrieg erleben wir die Rückkehr eines geopolitischen Musters, das einst das Nahost-Dreieck aus Öl, Ordnung und Ohnmacht bestimmte. Der jüngste Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas ist kein Zeichen des Friedens, sondern ein Symptom strategischer Erschöpfung.
Der sogenannte „iranische Widerstandsbogen“ – über Jahre als asymmetrische Bedrohung orchestriert – ist zerfasert. Hisbollah geschwächt, Assad isoliert, iranische Knotenpunkte zerschlagen. Doch der Kollaps eines Systems bedeutet nicht das Ende des Konflikts – im Gegenteil: Wo die Frontlinien verschwimmen, entstehen neue hybride Ordnungen aus Milizen, Versorgungspolitik und geopolitischer Zweckkoalition.
Der Nahostkonflikt hat sich damit zu einer multipolaren Konfliktzone gewandelt – in der regionale Mittelmächte (Ägypten, Katar), internationale Ordnungsmächte (USA, mit Blick auf Saudi-Arabien) und nicht-staatliche Akteure (Hamas, Houthis) gleichzeitig agieren. Israel hat zwar militärisch gesiegt, aber politisch nichts gewonnen: Gaza bleibt unregierbar, der Wiederaufbau ungeplant, die Hamas strukturell adaptiv.
Die zentrale geostrategische Variable ist jedoch Washington – und dessen künftige Administration. Mit der wahrscheinlichen Rückkehr Trumps ins Weiße Haus verschiebt sich das Gleichgewicht von diplomatischer Einhegung zu transaktionaler Dominanz. Der Druck auf Israel wie auf arabische Staaten wird steigen – nicht im Namen von Frieden, sondern im Interesse amerikanischer Ordnungspolitik.
Doch wo bleibt Europa?
IV. Europas Verwundbarkeit – und letzte Chance zur Souveränität
Europa steht an der Peripherie beider Großkonflikte – und doch im Zentrum ihrer Konsequenzen. Es ist sowohl ökonomisch verwundbar durch asiatische Lieferketten als auch sicherheitspolitisch abhängig von der US-Nukleargarantie.
Die europäischen Staaten haben lange geglaubt, man könne geopolitische Ohnmacht durch wirtschaftliche Integration kompensieren. Doch wer sich auf fremde Sicherheitsgarantien, auf außereuropäische Rohstoffzuflüsse und auf globale Märkte verlässt, ohne strategische Kontrolle zu gewinnen, wird im neuen Zeitalter nicht bestehen.
Weder die USA noch China haben ein Interesse an einem souveränen Europa – beide betrachten den Kontinent als Ressource, nicht als Rivalen. Washington erwartet Gefolgschaft, Peking kalkuliert mit wirtschaftlicher Durchdringung.
Die Antwort kann nur in strategischer Selbstermächtigung liegen:
Eine europäische Industriepolitik, die nicht nur „Green Deal“, sondern geopolitische Resilienz meint.
Eine europäische Rohstoffstrategie, verknüpft mit diplomatischer Aktivität im globalen Süden.
Eine europäische Sicherheitsarchitektur, gestützt auf französische Nuklearwaffen, deutsche Industrie und osteuropäische Frontstaaten.
Was fehlt, ist kein Geld, sondern Wille. Was fehlt, ist kein Wissen, sondern Führung.
V. Schlussfolgerung: Ordnung oder Ohnmacht – Europas strategisches Dilemma
In der Spätphase Roms zerfiel die imperiale Ordnung nicht aus Mangel an Macht, sondern aus Mangel an strategischer Klarheit. Die Provinzen blieben stark, aber uneinig, die Bedrohungen diffus, aber tödlich. Europa steht heute an einem ähnlichen Punkt.
Der ökonomische Schlagabtausch zwischen den USA und China ist nur der Auftakt eines globalen Ordnungsumbruchs. Der Waffenstillstand in Gaza ist nur ein Intervall in einem größeren Spiel, das nicht auf Frieden, sondern auf Neuordnung zielt.
Europa kann sich nicht länger erlauben, Zuschauer zu sein. Wer in dieser neuen Welt bestehen will, muss nicht nur Werte haben, sondern Macht. Nicht nur Ideen, sondern Mittel. Und nicht nur Appelle, sondern eine Strategie.
Ein europäischer Bundesstaat mit militärischer Schlagkraft, wirtschaftlicher Selbstständigkeit und diplomatischer Präsenz ist keine utopische Option mehr – er ist die letzte Möglichkeit, Europas Bedeutung im 21. Jahrhundert zu sichern.
Denn die Geschichte kehrt nicht zurück – sie war nie weg.
Und sie fragt nicht nach guten Absichten. Sondern nach Stärke, Ordnung und Entschlossenheit.


