Pakistan und die Taliban
Der Preis asymmetrischer Allianzen
Die sich zuspitzende Konfrontation zwischen Pakistan und den Taliban offenbart mit brutaler Klarheit ein Grundprinzip jeder geopolitischen Analyse: Wer glaubt, terroristische Bewegungen als strategisches Werkzeug kontrollieren zu können, wird früher oder später von der inneren Logik des Chaos überholt.
Pakistans jahrzehntelange Unterstützung der Taliban – ob zur Eindämmung paschtunischer Sezessionstendenzen oder zur Schaffung strategischer Tiefe gegen Indien – war kein moralisches, sondern ein machtpolitisches Kalkül. Es basierte auf der Annahme, dass sich radikale Kräfte dauerhaft instrumentalisieren ließen. Doch die Realität ist komplexer: Jede nichtstaatliche Gewaltstruktur folgt einer eigenen Dynamik, die sich spätestens dann gegen ihren Patron richtet, wenn dessen Schwäche sichtbar wird.
Die Eskalation mit dem TTP, dem pakistanischen Ableger der Taliban, ist ein Produkt dieser fatalen Strategie. Islamabad hat ein Monster gezüchtet, das sich längst der Kontrolle entzogen hat. Die Vertreibung von über einer Million afghanischer Flüchtlinge – darunter Zehntausende, die vor genau jenen Taliban geflohen sind, die Islamabad einst protegierte – ist weniger sicherheitspolitisch begründet als vielmehr ein innenpolitischer Verzweiflungsakt angesichts wirtschaftlicher und institutioneller Zerreißproben.
Noch schwerwiegender aber ist die strategische Implosion Pakistans in seiner traditionellen Einflusszone. Dass die Taliban offen mit Indien und Russland kokettieren, zeigt: Islamabad hat die alleinige Verfügungsgewalt über das geopolitische Spielfeld Afghanistan verloren. Die Taliban spielen inzwischen ein eigenes Spiel – eines, das von wirtschaftlicher Not, ideologischer Hybris und multipolaren Opportunitäten geprägt ist.
Was folgt daraus für Europa?
Erstens: Der Mythos vom „guten Dschihadisten“, der sich lenken lasse, ist endgültig zerbrochen. Wer als Staat Stabilität will, darf sich nicht in asymmetrische Abhängigkeiten zu nichtstaatlichen Gewaltakteuren begeben.
Zweitens: Europas Sicherheit beginnt nicht an der deutschen Grenze, sondern in den instabilen Peripherien – insbesondere dort, wo dysfunktionale Staaten mit atomarer Bewaffnung wie Pakistan den inneren Zerfall kaschieren, indem sie externe Stellvertreterkriege führen.
Drittens: Die strategische Autonomie Europas muss darin bestehen, nicht zwischen islamistischen Fraktionen oder fragilen Regionalmächten zu wählen, sondern eine klare Ordnungsmacht zu etablieren – durch politisch einheitliches Handeln, wirtschaftliche Hebelwirkung und eigene sicherheitspolitische Kapazitäten.
Was in Pakistan geschieht, ist mehr als eine regionale Krise – es ist eine Fallstudie über die Folgen strategischer Kurzsichtigkeit. Wer Ordnung durch Gewaltmonopol ersetzen will, wer Einfluss durch Terrorgruppen auslagert, riskiert, selbst zur Geisel seiner vermeintlichen Partner zu werden. Für Europa bedeutet das: Zeit, sich von Illusionen zu verabschieden – und endlich eine souveräne Sicherheitsarchitektur zu bauen.


