Putins Golfreise
Geopolitik im Schatten der Machtverschiebung
Wladimir Putins jüngste Reise in die Vereinigten Arabischen Emirate und nach Saudi-Arabien ist weit mehr als diplomatische Symbolik. Sie markiert einen strategischen Vorstoß Moskaus in ein geopolitisches Machtvakuum, das durch westliche Fehler, Fragmentierung und innenpolitische Schwäche entstanden ist. Inmitten multipler globaler Krisen – Krieg in der Ukraine, eskalierende Gewalt im Nahen Osten, fragile Energiemärkte – nutzt Russland die neue Unordnung, um seine außenpolitische Handlungsfähigkeit zu demonstrieren.
Diese Entwicklung bestätigt eine zentrale Erkenntnis realistischer Machtpolitik: In einer multipolaren Welt gibt es keine moralische Ordnung, sondern nur Akteure mit Interessen, Kapazitäten und Gelegenheiten.
Putins Besuch zeigt dreierlei:
1. Der Bruch im Westen ist real – und strategisch nutzbar.
Während der Krieg in Gaza die westliche Öffentlichkeit spaltet und Regierungen zu widersprüchlichen Reaktionen zwingt, verfolgt Moskau ein narratives Ziel: die Entzauberung des westlich proklamierten „regelbasierten Systems“. Der Vorwurf der Doppelmoral – Sanktionen gegen Russland wegen der Ukraine, aber Schweigen zu Gaza – ist nicht nur propagandistisches Werkzeug, sondern geopolitisches Kapital, das im globalen Süden zunehmend verfängt. Russland und China stoßen hier in einen Raum vor, den der Westen aus moralischem Hochmut heraus verliert.
2. Russland und die Golfstaaten: Interessenallianzen jenseits von Ideologie.
Saudi-Arabien und die VAE sind nicht mehr bloße Klienten Washingtons. Ihre strategische Autonomie wächst – ökonomisch wie außenpolitisch. Dass sie Putin trotz ICC-Haftbefehl empfangen, signalisiert nicht nur das Ende westlicher Hegemonie, sondern auch die Bereitschaft, mit Russland auf Augenhöhe geopolitische Deals zu machen: ob bei Öl, Rüstung oder regionaler Stabilität. Wer in einer neuen Weltordnung relevant sein will, redet mit Moskau – nicht über Moskau.
3. Energie bleibt das Schwert der geopolitischen Ordnung.
OPEC+ steht unter Druck. Die Interessen Russlands (kurzfristige Kriegskasse) und Saudi-Arabiens (langfristige Investitionsziele) divergieren – und dennoch eint sie das Wissen: Nur ein koordinierter Zugriff auf globale Energiemärkte sichert geopolitischen Einfluss. Putins Reise war auch ein Versuch, diesen Schulterschluss zu erhalten. Denn sinkende Ölpreise destabilisieren nicht nur Haushalte, sondern auch Großmachtträume.
Europa muss erkennen: Die bipolare Weltordnung ist vorbei. Der Westen als geschlossener Block ist Fiktion. Und Russland ist nicht isoliert, sondern flexibel, opportunistisch und international vernetzt. Wer glaubt, Moskau sei nur militärisch herauszufordern, unterschätzt seine diplomatische Resilienz und wirtschaftliche Anpassungsfähigkeit.
Europa darf sich nicht länger als moralische Instanz inszenieren, sondern muss ein geopolitischer Akteur werden – mit klaren Interessen, souveräner Handlungsfähigkeit und strategischen Allianzen jenseits amerikanischer Vormundschaft.
Die arabische Welt zeigt: In einer neuen Ordnung zählt nicht, wer Recht hat – sondern wer Macht ausübt. Wer Europa führen will, muss diese Realität akzeptieren. Nicht Empörung, sondern Einfluss ist das Ziel. Nicht moralische Deklaration, sondern machtpolitische Gestaltung.
Putins Reise ist kein Rückzug in die Defensive – sie ist der Entwurf einer neuen Ordnung, in der Europa entscheiden muss, ob es Subjekt oder Objekt der Geschichte sein will.


