Putins Reise nach Peking: Der Pakt der Realisten
Russland und China vertiefen ihre strategische Allianz – ein Weckruf für Europas geopolitisches Erwachen
Wladimir Putins jüngste Reise nach China war weit mehr als ein diplomatischer Höflichkeitsbesuch. Sie war ein strategisches Signal – ein öffentlich inszeniertes Bündnis zweier Großmächte, die dem westlichen Machtanspruch nicht nur trotzen, sondern ihm ein alternatives Ordnungsmodell entgegensetzen wollen. Was sich zwischen Moskau und Peking formiert, ist keine bloße Zweckgemeinschaft. Es ist eine systemische Allianz. Und Europa hat dieser Realität bislang nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen.
Der Schulterschluss zwischen Putin und Xi Jinping ist nicht primär taktisch motiviert, sondern Ausdruck einer gemeinsamen geopolitischen Weltanschauung: Beide Regime sehen sich durch den Westen umzingelt und streben die Etablierung einer multipolaren Ordnung an – nicht durch Konferenzen und Werteappelle, sondern durch Machtprojektion, technologische Kooperation und ökonomische Resilienz. Die westlichen Sanktionen, etwa gegen chinesische Firmen und Banken, mögen kurzfristig ökonomisch schmerzen, verfehlen jedoch politisch ihr Ziel. Sie fördern sogar paradoxerweise die strukturelle Autonomie der russisch-chinesischen Achse: Abkopplung vom Dollar, Diversifizierung von Lieferketten, Aufbau eines eigenen militärisch-industriellen Komplexes.
China liefert keine Panzer, aber Maschinen für russische Panzerwerke. Keine Raketen, aber Technologien für Raketensysteme. Putins Besuch im Harbin-Institut – dem Zentrum für Chinas Raketen- und Raumfahrttechnologie – war daher kein Zufall. Er war eine bewusste Provokation gegenüber Washington. Und die medienwirksam inszenierte Umarmung zwischen Putin und Xi am Ende des Treffens war kein spontaner Ausdruck persönlicher Nähe, sondern ein choreografiertes geopolitisches Statement: Die russisch-chinesische Partnerschaft steht – und sie steht gegen die westliche Dominanzordnung.
Für Europa ergeben sich daraus zwei zentrale Erkenntnisse:
Erstens:
Wer glaubt, die russisch-chinesische Allianz durch wirtschaftlichen Druck oder diplomatische Isolation aufweichen zu können, verkennt die tektonischen Verschiebungen in der internationalen Ordnung. Diese Partnerschaft ist Ausdruck eines machtpolitischen Realismus, der sich nicht durch moralische Appelle erschüttern lässt. Der Westen hat das globale Machtmonopol verloren. Die Vorstellung, China werde aus Rücksicht auf westliche Sanktionen seine Unterstützung für Russland beenden, ist nichts als illusionärer Wunschglaube.
Zweitens:
Die sicherheitspolitische Abhängigkeit Europas von den USA ist zur strategischen Schwäche geworden. Die amerikanische Eindämmungspolitik gegenüber China folgt ausschließlich US-Interessen – nicht europäischen. Wer blind der amerikanischen Linie folgt, läuft Gefahr, zwischen die Fronten eines neuen Systemkonflikts zu geraten, ohne selbst Handlungsmacht zu besitzen. Die einzige Antwort kann nur lauten: Aufbau eines souveränen Europas. Ein europäischer Bundesstaat mit eigener Verteidigung, eigenständiger Außenpolitik und strategischer Führungsfähigkeit ist die Voraussetzung, um Europa von einem Objekt zurück in ein handelndes Subjekt globaler Politik zu verwandeln.
Putin und Xi haben erkannt, dass Stabilität nicht durch Normen, sondern durch Machtbalance entsteht. Europa muss endlich begreifen: Nur wer selbst zur Macht wird, kann im Spiel der Mächte bestehen.
Die russisch-chinesische Allianz ist keine Episode, sondern Struktur. Ihre Grundlage ist kein gemeinsames Wertesystem, sondern strategische Komplementarität. Wer sie unterschätzt, riskiert geopolitische Marginalisierung. Europa muss aufhören, sich mit moralischer Empörung zu trösten – und beginnen, seine eigene Machtbasis zu schaffen. Der Preis der Passivität ist der Verlust strategischer Handlungsfähigkeit.


