Putins stille Kriegswende – und was sie für Europa bedeutet
Mit dem Wechsel im russischen Verteidigungsministerium bereitet sich der Kreml auf einen langen Krieg vor – nicht auf Verhandlungen. Europa muss jetzt strategisch handeln.
Die Entlassung Sergei Schoigus und die Ernennung des Ökonomen Andrey Belousov zum russischen Verteidigungsminister sind kein Anzeichen von Schwäche – sondern Ausdruck strategischer Klarheit. Wer in dieser Rochade ein Signal für innenpolitische Unsicherheit oder gar Friedensbereitschaft erkennt, unterliegt einer gefährlichen Illusion. Wladimir Putin bereitet sich nicht auf Verhandlungen vor, sondern auf einen langen, durchökonomisierten Krieg gegen die Ukraine – und indirekt gegen den Westen.
Schoigu war längst zur Belastung geworden: militärisch überfordert, bei der Truppe unbeliebt und von den eigenen Offizieren zunehmend kritisiert. Doch anstatt ihn öffentlich abzusägen und damit die militärische Glaubwürdigkeit der russischen Führung zu beschädigen, verschiebt Putin ihn taktisch – weg vom operativen Zentrum, hinein in den symbolischen Orbit des Sicherheitsrats. Dieser Schritt wahrt das Gesicht der Institution, entmachtet aber de facto einen Mann, der im militärischen Machtapparat keine Zukunft mehr hatte.
Der eigentliche Bruch liegt in der Wahl seines Nachfolgers: Zum ersten Mal in der russischen Geschichte steht ein Ökonom an der Spitze des Verteidigungsministeriums. Belousov ist kein Feldherr, sondern ein Systemplaner. Seine Mission: den Krieg effizient, kostengünstig und langfristig führbar machen. Der Umbau der russischen Verteidigung erfolgt nicht mehr über Strukturreformen im Generalstab, sondern über industrielle Steuerung, Ressourcenmanagement und Korruptionsbekämpfung. Russland stellt auf Kriegswirtschaft um – nicht aus Not, sondern aus Kalkül.
Putin hat verstanden: Der moderne Krieg wird nicht nur an der Front entschieden, sondern in den Fabriken, Haushaltsplänen und Lieferketten. Wer schneller produziert, besser verteilt und interne Reibungsverluste minimiert, kann auch ohne technologische Überlegenheit bestehen. Der Umbau unter Belousov soll genau das leisten – und die russische Kriegsmaschinerie fit machen für einen jahrelangen Abnutzungskonflikt, in dem wirtschaftliche Resilienz zur strategischen Waffe wird.
Die Personalie ist auch eine Reaktion auf die westliche Rhetorik. Als Frankreichs Präsident Macron mit dem Gedanken spielte, westliche Truppen in die Ukraine zu entsenden, wurde im Kreml kein Bluff erkannt, sondern ein strategischer Wendepunkt. Putin zieht daraus die Konsequenz: Sollte es zu einer direkten Konfrontation mit der NATO kommen, braucht Russland nicht nur einsatzfähige Truppen – sondern ein durchorganisiertes militärisch-industrielles Rückgrat. Genau hier setzt Belousov an.
Was heißt das für Europa?
Erstens: Der Glaube, Russland werde durch Sanktionen, Isolation oder innenpolitischen Druck weichgeklopft, ist ein Trugschluss. Putin bereitet sich nicht auf ein Ende des Krieges vor – sondern auf dessen Verstetigung.
Zweitens: Europa muss aufhören, strategische Schwäche durch diplomatische Moral zu kaschieren. Wer politisch zersplittert, militärisch unterfinanziert und industriell abhängig bleibt, wird in diesem neuen geopolitischen Zeitalter untergehen – nicht wegen mangelnder Werte, sondern wegen fehlender Machtmittel.
Drittens: Wir brauchen eine eigenständige europäische Ordnungskraft – politisch geeint, militärisch handlungsfähig, ökonomisch souverän. Der Aufbau einer europäischen Armee, die Einbindung französischer Nuklearfähigkeiten, und die Schaffung strategischer Versorgungssicherheit sind keine Option mehr – sie sind Voraussetzung für das Überleben unseres Kontinents als selbstbestimmter Machtpol.
Putin institutionalisert den Krieg – Europa muss jetzt seine strategische Selbstbeherrschung beweisen. Alles andere wäre ein Akt kollektiver Verantwortungslosigkeit.


