Russlands Kriegswirtschaft als Lehrstück für die geopolitische Realität der Macht
Die neue russische Haushaltsplanung 2024–2026 ist mehr als nur ein ökonomisches Dokument – sie ist eine strategische Kriegserklärung an die Illusionen westlicher Machtpolitik. Sie offenbart eine bittere Wahrheit: Russland hat sich in eine permanente Kriegswirtschaft verwandelt, nicht trotz, sondern wegen der westlichen Sanktionen. Es ist ein paradigmatisches Beispiel für einen Staat, der sich radikal auf den geopolitischen Ernstfall vorbereitet – und zeigt, wie wenig wir im Westen bereit oder fähig sind, auf eine solche Realität strategisch zu antworten.
Dass Moskau mittlerweile rund 40 % seines Haushalts auf Verteidigung und innere Sicherheit konzentriert, ist keine Episode, sondern System. Es ist der Übergang zu einer totalen Mobilisierungsgesellschaft im Dienste geopolitischer Selbstbehauptung. Während der Westen Ukraine-Hilfe nach innenpolitischem Wetterbericht verteilt und den Krieg wie eine PR-Kampagne führt, hat der Kreml seine Gesellschaft strategisch auf Dauerkrieg eingestellt – mit einem klaren Ziel: Durchhaltefähigkeit, materielle Resilienz und politische Kontrolle.
Die russische Führung geht davon aus, dass der Westen die Geduld verlieren wird. Und diese Annahme ist nicht unbegründet. Washington steht vor einer entscheidenden Wahl, Europa ist militärisch fragmentiert, und viele Gesellschaften im Westen zeigen bereits Zeichen der Kriegsmüdigkeit. Russland hingegen hat mit seinem Schattenflotten-System, dem Yuan-Dirham-Tausch und strategischer Exportdiversifikation bewiesen, dass es nicht mehr das Russland der 1990er-Jahre ist – sondern ein imperiales System, das lernt, improvisiert und überlebt.
Putins Kalkül ist klar: Die industrielle Kriegsproduktion kurbelt das Wachstum an, sichert Beschäftigung und hält das politische System stabil. Dass dies mit enormen sozialen Verwerfungen einhergeht, wird billigend in Kauf genommen – denn die Machtfrage steht über der Lebensqualität. Genau darin liegt der Unterschied zum Westen: Russland denkt in strategischer Persistenz, nicht in Legislaturperioden.
Die westliche Strategie der Sanktionen war von Anfang an symptomatisch für eine Werte- statt Machtlogik. Man setzte auf moralische Erregung, nicht auf strategische Wirkung. Dass Russland durch Energieexporte – vor allem nach Indien und China – enorme Mittel generieren konnte, um seinen Krieg zu finanzieren, hätte frühzeitig antizipiert werden müssen. Der Versuch, den Ölpreis durch G7-Maßnahmen zu deckeln, war nicht nur ineffektiv, sondern ein Eingeständnis der eigenen Ohnmacht gegenüber globaler Realpolitik. Die Schattenflotte, die Umgehung westlicher Versicherungen und der Rückgriff auf Drittwährungen zeigen: Russland spielt die Regeln des Systems gegen das System selbst aus.
Für Europa ergibt sich aus der russischen Haushaltspolitik eine zentrale Lehre: Sicherheit entsteht nicht durch Konferenzen, Erklärungen oder Sanktionen – sondern durch Macht, Vorbereitung und strategische Langfristigkeit. Wer in der Welt von morgen bestehen will, muss bereit sein, seine Wirtschaft, seine Gesellschaft und seine Politik auf geopolitische Konflikthaftigkeit auszurichten.
Ein europäischer Bundesstaat muss – wenn er Realität werden will – nicht nur über eine eigene Armee verfügen, sondern auch über ein industrielles Rückgrat, das im Ernstfall militärische Produktion hochfahren kann. Das bedeutet: Investitionen in strategische Schlüsselindustrien, Aufbau von Rüstungsreserven, Rohstoffsicherung und Energieautonomie. Nur so kann Europa unabhängig agieren – gegenüber Russland, gegenüber den USA und gegenüber China.
Russland führt längst keinen bloßen Angriffskrieg mehr gegen die Ukraine, sondern einen strategischen Umbau seines gesamten Machtapparates in Richtung permanenter Konfrontationsbereitschaft. Wer das nur als ökonomische Fehlallokation abtut, hat den Ernst der geopolitischen Lage nicht verstanden.
Europa steht vor der Wahl: Entweder es bleibt ein moralisch empörter Zuschauer in einer Welt des Kalten Kalküls – oder es wird zu einem gestaltenden Machtpol, der in der Lage ist, strategisch zu denken, langfristig zu planen und entschlossen zu handeln. Die russische Haushaltsplanung ist eine Mahnung – und eine Gelegenheit, endlich aufzuwachen.


