Souveränität im Südchinesischen Meer
Das Ende der Illusion
Die jüngste Entscheidung der Philippinen, eine neue Überwachungsbasis auf Thitu Island zu errichten, ist mehr als ein symbolischer Akt territorialer Behauptung – sie ist ein geopolitisches Menetekel. Während der Westen zögert und Südostasien laviert, schreitet China unbeirrt zur faktischen Kontrolle des Südchinesischen Meeres. Was sich dort abzeichnet, ist kein regionaler Konflikt, sondern ein paradigmatischer Machtkampf um das Prinzip der Souveränität selbst.
Chinas Verhalten ist dabei weder überraschend noch irrational – es ist strategisch konsequent. Peking nutzt eine Mischung aus militärischer Expansion, wirtschaftlicher Einflussnahme und diplomatischer Verzögerungstaktik, um unumkehrbare Realitäten zu schaffen. Die Militarisierung künstlicher Inseln, die Behinderung philippinischer Versorgungsschiffe und die Veröffentlichung eigener Souveränitätskarten folgen einer klaren Logik: Kontrolle durch schleichende Besitznahme.
Dass die Philippinen sich nun wieder dem Westen zuwenden – nach Jahren der chinesischen Einflussnahme unter Duterte – ist keine Rückkehr zur Wertepartnerschaft, sondern eine Notwehrmaßnahme. Präsident Marcos Jr. versteht, was viele seiner regionalen Kollegen noch verdrängen: Die strategische Neutralität, auf die sich viele ASEAN-Staaten stützen, ist eine Illusion in einer Welt, in der Machtkonflikte offen zutage treten. Wer seine Seegrenzen nicht selbst verteidigt, verliert sie – und wer seine strategischen Allianzen nicht klärt, wird zum Spielball der Großmächte.
Die Reaktion der USA, Australiens und Japans – gemeinsame Patrouillen, Ausbau militärischer Präsenz, diplomatische Rückendeckung – sind notwendige Schritte, aber sie kommen spät. Und sie wirken nur, wenn die betroffenen Staaten bereit sind, ihre Souveränität nicht länger mit ökonomischer Erpressbarkeit zu verwechseln. Das philippinische Umdenken – Rückzug aus der Belt and Road Initiative, Annäherung an Japan und Indien – zeigt: Souveränität beginnt mit strategischer Selbstbeherrschung und der Fähigkeit zur Interessendefinition jenseits kurzfristiger Investitionsversprechen.
Europa täte gut daran, aus diesen Entwicklungen zu lernen. Die geopolitische Lage in Südostasien ist ein Spiegel für unsere eigene Zukunft. Auch wir werden entscheiden müssen, ob wir bereit sind, Souveränität durch Machtprojektion zu verteidigen – oder ob wir hoffen, sie durch Diplomatie zu retten, während andere längst handeln. Die Lektion aus dem Südchinesischen Meer ist klar: Wer Sicherheit will, muss Ordnung schaffen – durch Stärke, nicht durch Appelle.
Langfristig steht ganz ASEAN vor einer geopolitischen Weggabelung. Der Mythos des gleichgewichtigen Manövrierens zwischen China und den USA wird zerbrechen. Was bleibt, ist die Entscheidung: Vasall oder souveräner Akteur. Und diese Entscheidung wird auf See getroffen.


