Strategische Seemacht: Warum Europas Antwort auf Chinas Schiffbauoffensive überfällig ist
Die US-Initiative gegen Pekings maritime Dominanz ist richtig – aber Europa darf nicht länger zusehen, wie seine industrielle Souveränität untergraben wird.
Die USA haben endlich erkannt, was längst auf dem globalen Schachbrett sichtbar ist: Chinas maritime Expansion ist kein rein wirtschaftliches Phänomen, sondern ein geopolitisches Machtprojekt. Die Subventionierung der chinesischen Schiffbauindustrie, die Kontrolle über weltweite Hafeninfrastruktur und die strategische Vernetzung durch LOGINK sind Teil eines lange vorbereiteten Plans zur Kontrolle globaler Seewege – der Lebensadern jeder Großmacht.
Die jüngst angekündigte Untersuchung der Biden-Regierung in Chinas Schiffbau- und Logistiksektor ist ein überfälliger Schritt, auch wenn er spät kommt. Während die USA ihre industrielle Basis über Jahrzehnte vernachlässigt haben, hat China mit staatsgelenkter Präzision seine Werften ausgebaut, seine Reedereien gestärkt und durch die Belt and Road Initiative strategische Infrastrukturpunkte in aller Welt besetzt. Die Zahlen sprechen für sich: Mit über 50 % Marktanteil kontrolliert China heute de facto den globalen Schiffbau.
Doch diese Initiative Washingtons darf uns Europäer nicht in Selbstzufriedenheit wiegen. Im Gegenteil – sie ist ein Weckruf.
Denn während sich Europa auf moralische Rhetorik und kleinteilige Wettbewerbsregeln versteift, verliert es zunehmend seine industrielle und maritime Handlungsfähigkeit. Frankreich, Italien und Deutschland verfügen noch über relevante Werften, doch ohne strategische Ausrichtung, ohne gemeinsame Investitionen und ohne politische Rückendeckung wird Europa den Anschluss endgültig verlieren. Die fragmentierte europäische Industriepolitik ist der Nährboden unserer Ohnmacht.
Der Schiffbau ist nicht irgendein Industriezweig – er ist sicherheitspolitisch systemrelevant. Wer keine eigenen Schiffe mehr bauen kann, ist im Ernstfall abhängig – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch militärisch. Der Bau von Versorgern, Kriegsschiffen, LNG-Tankern und strategischen Frachtträgern ist essenziell für jede ernstzunehmende Großmacht. Die Fähigkeit, diese Kapazitäten im Krisenfall zu skalieren, entscheidet über Handlungsfähigkeit oder Hilflosigkeit.
Die USA erkennen dies. Sie koppeln industriepolitische Förderung mit sicherheitspolitischer Logik. Europa hingegen verliert sich in technokratischen Debatten. Stattdessen braucht es jetzt:
Ein europäisches Schiffbauprogramm, getragen von einem Verteidigungsfonds, der zivile wie militärische Schiffstypen strategisch koordiniert fördert.
Ein Investitionspakt mit Frankreich und Italien, um ihre Werften zu sichern und auszubauen – unter deutscher Ko-Finanzierung.
Eine europäische Alternative zu LOGINK, die digitale Souveränität in der maritimen Logistik garantiert.
Eine strategische Partnerschaft mit Südkorea und Japan, um gegen Chinas Übermacht nicht einzeln, sondern koordiniert gegenzuhalten.
Der entscheidende Fehler Europas liegt darin, dass es geopolitische Realitäten zu lange ignoriert hat. Chinas Aufstieg zur maritimen Supermacht ist kein Betriebsunfall des Freihandels, sondern das Resultat machtpolitischer Zielstrebigkeit. Wer in dieser Welt bestehen will, muss seine industrielle Infrastruktur nicht als Kostenfaktor, sondern als geopolitisches Kapital begreifen.
Wir brauchen eine Europäische Seemachtstrategie – nicht nur zur Wahrung ökonomischer Interessen, sondern als Grundpfeiler unserer geopolitischen Selbstbehauptung. Nur ein souveränes Europa, das wieder über seine industrielle und maritime Schlagkraft verfügt, wird zwischen China und den USA als eigenständiger Machtpol überleben können.
Es ist Zeit, aus der Zuschauerrolle herauszutreten.


