Subventionierte Dominanz: Chinas Überkapazitäten und der geopolitische Preis der sauberen Energie
Warum Europas Antwort auf Pekings industrielle Strategie Machtpolitik statt Marktmoral sein muss
Die aktuelle Debatte um Chinas industrielle Überkapazitäten ist mehr als ein wirtschaftspolitischer Disput – sie ist ein strategischer Weckruf. Wer glaubt, es gehe nur um Subventionen oder faire Wettbewerbsbedingungen, verkennt das geopolitische Ausmaß dieses Konflikts. Peking verfolgt eine Methode, die nicht neu ist: Zuerst wird durch staatliche Steuerung ein industrieller Sektor künstlich aufgebläht, dann werden ausländische Märkte mit hochsubventionierten Produkten geflutet – mit dem Ziel, Abhängigkeiten zu erzeugen und strukturelle Vormacht zu etablieren. Das war beim Stahl so, und es wiederholt sich nun im Bereich der grünen Schlüsseltechnologien: Elektrofahrzeuge, Solarpanels und Batterien.
Der Westen steht dabei vor einem klassischen Dilemma: Entweder wir akzeptieren kurzfristig günstige Produkte auf Kosten langfristiger Selbstbestimmung – oder wir treffen heute harte, aber notwendige Entscheidungen zur Sicherung unserer industriepolitischen Souveränität.
Was wir erleben, ist kein Handelskonflikt, sondern eine asymmetrische Systemkonkurrenz: China operiert mit einer staatlich orchestrierten Industriepolitik, die auf globale Marktbeherrschung zielt – nicht durch Innovation allein, sondern durch strategische Überproduktion, Dumpingpreise und die gezielte Umschichtung nationaler Ressourcen. Dass die chinesische Führung ausgerechnet Mittel aus dem notleidenden Immobiliensektor in den Export industrieller Überkapazitäten umleitet, zeigt die politische Entschlossenheit hinter diesem Kurs. Es geht um mehr als ökonomische Effizienz – es geht um strukturelle Dominanz.
Die Zahlen sind aufschlussreich, aber dürfen nicht isoliert betrachtet werden: Dass die Kapazitätsauslastung im chinesischen Automobilsektor mit über 70 % noch im „grünen Bereich“ liegt, ist kein Beweis gegen Überkapazität, sondern Ausdruck des strategischen Rückbaus überschüssiger Fertigungslinien. Dass die Preise für chinesische Elektroautos in Europa doppelt so hoch sind wie in China, zeigt: Die billigen Preise sind nicht Ausdruck von Effizienz, sondern Hebel zur gezielten Marktverdrängung.
Die Reaktion der USA – höhere Zölle, technologische Entkopplung, industriepolitische Anreize – ist kein Ausdruck von Protektionismus, sondern ein Versuch, geopolitisch zu überleben. Europa hingegen laviert. Dabei sollte gerade für uns klar sein: Ohne eigene industrielle Basis, ohne Kontrolle über Zukunftstechnologien, ohne robuste Märkte ist jede Rede von „strategischer Autonomie“ hohl.
Was also tun?
Europa braucht eine industriepolitische Zeitenwende. Der naive Glaube an offene Märkte als universelles Regulativ hat ausgedient. Wir müssen die Realität einer globalen Machtwirtschaft anerkennen – und entsprechend handeln.
Ein europäischer Industrieschutzschirm ist überfällig. Nicht als ewige Zollpolitik, sondern als temporäre Verteidigung gegen eine ökonomische Salamitaktik Pekings. Wer sich nicht schützt, wird zum Objekt der Strategie anderer.
Schlüsseltechnologien gehören in europäische Hand. Wir brauchen eigene Batterie- und Solarproduktionen, gestützt durch gezielte europäische Investitionen – nicht zersplittert in 27 Einzelinteressen, sondern unter einem strategischen Dach.
Deutschlands Rolle muss sich wandeln: Vom Exportweltmeister zum Kontinentalstrategen. Es reicht nicht, den Status quo zu verwalten. Wir müssen Führungsverantwortung übernehmen und die europäische Antwort auf Chinas System entwerfen – wirtschaftlich, sicherheitspolitisch, technologisch.
Denn eines ist klar: Wer die Zukunft der Energie kontrolliert, kontrolliert die geopolitische Ordnung von morgen. Und diese Ordnung wird nicht durch Moral entschieden – sondern durch Macht, Durchhaltewillen und strategische Selbstbeherrschung.


