Südkorea, Russland und die neue Weltordnung
Ein Essay über Resilienz, strategische Selbstbehauptung und die Illusion westlicher Allmacht
In einer Welt, in der Macht wieder vor Moral tritt, stehen Südkorea und Russland exemplarisch für zwei strategische Grundmodelle des 21. Jahrhunderts: das Dilemma mittlerer Mächte im Spannungsfeld globaler Rivalitäten und die zähe Resilienz autoritärer Systeme gegen westliche Isolationsversuche. Südkorea ringt zwischen sicherheitspolitischer Abhängigkeit von den USA und wirtschaftlicher Verflechtung mit China – ein Balanceakt, der zunehmend unhaltbar wird. Russland hingegen trotzt westlichen Sanktionen mit einer Militarisierung seiner Ökonomie und strategischer Anpassung. Beide Fälle offenbaren eine zentrale Lehre für Europa: Ohne politische Einheit, militärische Selbstbehauptung und ökonomische Steuerung wird der Kontinent im neuen Machtgefüge zerrieben – nicht durch Schwäche, sondern durch Untätigkeit.
I. Die Welt als Schachbrett: Zwischen Imperium und Improvisation
Seit Thukydides’ Bericht über den Peloponnesischen Krieg ist bekannt: Die Geschichte der internationalen Politik ist nicht das Produkt moralischer Erweckung, sondern das Ergebnis von Angst, Ehrgeiz und Kalkül. In der Gegenwart, in der sich die tektonischen Platten der Weltordnung neu verschieben, zeigt sich dies eindrücklicher denn je. Die vermeintlichen Gewissheiten der liberalen Hegemonie erodieren, während neue Machtpole sich etablieren – mit Methoden, die im Westen als anachronistisch galten: Abschottung, Selbstbehauptung, Militarisierung. Zwei Staaten – Südkorea und Russland – stehen exemplarisch für die beiden Gesichter dieser Epoche: das fragile Dilemma der mittleren Mächte und die zähe Widerstandskraft revisionistischer Großmächte.
Wer die kommenden Dekaden verstehen will, muss nicht nur die Flottenbewegungen im Südchinesischen Meer beobachten oder die Panzermobilität in der Ostukraine analysieren. Er muss in die seismischen Tiefen blicken, in denen Macht neu verteilt und Resilienz geformt wird. Südkorea und Russland sind nicht bloße Fallstudien – sie sind Wegweiser einer multipolaren Zukunft, in der die klassische Machtpolitik zurückgekehrt ist, ohne je wirklich verschwunden zu sein.
II. Südkorea: Das Dilemma des mittleren Akteurs
Die politische Krise in Seoul – ausgelöst durch den gescheiterten Versuch von Präsident Yoon, mit autoritären Mitteln innenpolitische Kontrolle zu wahren – war mehr als ein innenpolitischer Zwischenfall. Sie war ein geopolitisches Symptom. Denn Südkorea befindet sich an einer strategischen Schnittlinie, an der sich die Verwerfungen des 21. Jahrhunderts verdichten: Die Auseinandersetzung zwischen USA und China, die Re-Militarisierung Ostasiens, die Erosion multilateraler Sicherheitsgarantien.
Seoul versuchte lange, das Unvereinbare zu vereinbaren: wirtschaftliche Nähe zu China und sicherheitspolitische Abhängigkeit von den USA. Diese Doppelstrategie war rational in der Ära globalisierter Märkte. Doch mit der Systemkonkurrenz zwischen Washington und Beijing zerfällt dieses Gleichgewicht – und Südkorea wird gezwungen, Position zu beziehen. Yoons außenpolitischer Schwenk hin zu einer trilateralen Sicherheitsarchitektur mit den USA und Japan war der Versuch, diese strategische Notwendigkeit in politisches Handeln zu überführen. Es war zugleich ein Bruch mit dem südkoreanischen Selbstverständnis als semi-neutraler Brückenstaat.
Doch dieser Kurswechsel ist nicht unumkehrbar. Eine mögliche Machtübernahme der Demokratischen Partei könnte eine erneute Annäherung an China einleiten – motiviert durch historischen Pragmatismus und ökonomische Zwänge. Pekings Interesse liegt dabei auf der Hand: Nicht ein Vasall, sondern ein ambivalenter Akteur, der amerikanischen Einfluss in der Region relativiert. Die Volksrepublik operiert dabei mit der Präzision eines Weichenstellers: kleine Kurskorrekturen, keine Erschütterung, maximaler Einfluss.
Ökonomisch wird die Lage prekärer. Die lange komplementäre Beziehung zwischen China und Südkorea transformiert sich in eine Rivalität um Schlüsseltechnologien. Halbleiter, Batterien, künstliche Intelligenz – was früher Austausch war, ist heute Konkurrenz. Südkoreas Strategie des „De-Risking“ ist daher keine ideologische Kampfansage, sondern wirtschaftliche Selbstverteidigung. In dieser Hinsicht ähnelt Südkorea zunehmend der EU: bemüht, wirtschaftliche Souveränität zu bewahren, aber gefangen in globalen Verflechtungen, die keine raschen Trennungen erlauben.
Hinzu tritt eine weitere Unwägbarkeit: Die Rückkehr Donald Trumps ins Zentrum amerikanischer Macht. Ein Präsident, der Allianzen als bilaterale Transaktionen versteht, der sicherheitspolitische Garantien mit wirtschaftlichen Tributen verknüpft, wird Seoul vor neue Zerreißproben stellen. Besonders gefährlich: Trumps Bereitschaft zur direkten Verhandlung mit Nordkorea. Eine solche Politik untergräbt die strategische Kohärenz des amerikanischen Bündnissystems und zwingt Südkorea zur eigenständigen Sicherheitsarchitektur – ob gewollt oder nicht.
Die militärische Kooperation zwischen Russland und Nordkorea bringt ein zusätzliches Risiko ins Spiel: Pjöngjang wird zur geopolitischen Störgröße, flankiert von russischer Technologie und chinesischer Toleranz. Seoul steht damit vor einer geopolitischen Triangulation, in der das Land schnell vom Akteur zum Objekt werden kann.
III. Russland: Die Kunst des Durchhaltens
Während Südkorea am eigenen Gleichgewicht arbeitet, hat Russland längst einen klaren strategischen Kurs eingeschlagen: ökonomische Autarkie, militärische Mobilisierung und systemische Abschottung. Der Westen sah im Ukrainekrieg die Chance, Moskau wirtschaftlich in die Knie zu zwingen. Doch was folgte, war kein Kollaps, sondern eine Transformation – von der Rohstoffwirtschaft zur Kriegsökonomie.
Mit über 7 % des BIP fließen enorme Ressourcen in den Verteidigungssektor. Moskau hat eine neue Form des „Military Keynesianism“ etabliert: industrielle Nachfrage durch Aufrüstung, Arbeitsplatzsicherung durch Militärproduktion. Die Rüstungsindustrie wird zum wirtschaftlichen Motor – nicht trotz, sondern wegen des Krieges. Mehr als 3,5 Millionen Menschen arbeiten im militärisch-industriellen Komplex – ein ökonomischer Umbau, der tief in Gesellschaft und Regionalstruktur greift.
Fiskalisch agiert der Kreml mit bemerkenswerter Disziplin. Geringe Verschuldung, kontrollierte Inflation, kreative Steuerpolitik – das Bild eines rational steuernden Staates, der seine wirtschaftliche Souveränität gegen globale Marktgesetze verteidigt. Hinzu kommen neue Handelsachsen mit China, Indien, Iran und der Türkei. Der Westen hoffte auf Isolierung – doch Russland hat sich in ein Netzwerk alternativer Abhängigkeiten eingebettet.
Diese Strategie ist nicht nachhaltig im westlichen Sinne – aber robust im machtpolitischen Sinne. Sie basiert auf dem Prinzip strategischer Improvisation: Technologietransfers über Drittstaaten, ideologische Disziplinierung der Bevölkerung, gezielte Lenkung knapper Ressourcen. Russland hat aus den Sanktionen nicht nur gelernt – es hat sie als Training begriffen.
Natürlich gibt es Grenzen: der technologische Rückstand wächst, die Inflation bleibt hoch, die Abhängigkeit von China wird zur strukturellen Asymmetrie. Doch Moskaus Ziel ist nicht Prosperität, sondern Durchhaltefähigkeit. Es genügt, den Krieg nicht zu verlieren – und das gelingt bislang.
IV. Europa: Zwischen Beobachtung und Konsequenz
Europa steht vor einem doppelten Spiegel: In Südkorea erkennt es seine strategischen Zwänge, in Russland seine Illusionen. Die Annahme, ökonomische Macht könne geopolitische Realität allein formen, erweist sich als Trugschluss. Sanktionen ohne Machtstrategie, Bündnisse ohne Autonomie, Wirtschaftsbeziehungen ohne sicherheitspolitisches Rückgrat – all das führt in eine strategische Sackgasse.
Was tun?
Erstens: Europa muss seine Verteidigungsfähigkeit unabhängig organisieren. Nicht gegen die USA, aber jenseits der Illusion dauerhafter amerikanischer Schutzgarantie. Wer sein Schicksal an Wahlen in Washington knüpft, verliert es.
Zweitens: Die wirtschaftliche Ordnung Europas bedarf einer strategischen Steuerung. Es genügt nicht, Märkte zu öffnen und Lieferketten zu diversifizieren. Europa braucht eine Industriepolitik im Dienst machtpolitischer Souveränität – mit klaren Prioritäten: Technologie, Energie, Verteidigung.
Drittens: Multipolarität ist kein Zukunftsszenario, sondern gelebte Realität. Russland hat sich eingerichtet, China expandiert, Indien balanciert – nur Europa laviert. Wer in dieser Welt Ordnungsmacht sein will, braucht ein Zentrum politischer Entscheidungsgewalt. Ein europäischer Bundesstaat ist keine Utopie – er ist die logische Konsequenz strategischer Notwendigkeit.
V. Schluss: Die Stunde der Selbstbehauptung
Südkorea zeigt, was passiert, wenn eine Mittelmacht strategisch handeln will, aber strukturell abhängig bleibt. Russland zeigt, was möglich ist, wenn ein Staat bereit ist, geopolitische Realität über ökonomische Orthodoxie zu stellen. Europa steht zwischen diesen beiden Polen – technologisch entwickelt, sicherheitspolitisch abhängig, politisch fragmentiert.
Die Epoche der moralischen Außenpolitik, der wirtschaftlichen Illusionen und der transatlantischen Selbstverständlichkeit ist vorbei. Was folgt, ist das Zeitalter strategischer Selbstbehauptung. Es wird von jenen geprägt, die bereit sind, Macht zu organisieren – nicht nur zu verwalten.
Europa hat noch die Wahl. Doch die Zeit läuft. Wer zu lange wartet, wird nicht mehr gestalten, sondern gestaltet werden. Südkorea mahnt zur Entschlossenheit. Russland warnt vor Illusionen. Und die Welt wartet nicht.


