Syrien und der Irak
Machtpolitik in einem fragilen regionalen Gleichgewicht
Die jüngsten Luftschläge der Türkei gegen Stellungen der PKK in Nordirak und Syrien markieren keinen Ausnahmefall, sondern sind Ausdruck einer strategischen Kontinuität in der türkischen Sicherheitspolitik – allerdings in einem Umfeld, das sich strukturell verändert hat. Ankara handelt nicht aus einer emotionalisierten Vergeltungslogik, sondern folgt einer klaren Machtlogik, die territorialen Einfluss sichern, ökonomische Hebel ausbauen und regionale Konkurrenten schwächen soll. Das Vorgehen der Türkei ist nicht nur ein innerstaatlicher „Kampf gegen Terror“, sondern Teil einer geopolitischen Ordnungspolitik im Zwischenraum zerfallender Staaten und schwacher Autoritäten.
Die kurdische Frage – in ihrer komplexen Struktur aus PKK, YPG/SDF und KRG – ist längst nicht mehr ein rein nationales Sicherheitsproblem der Türkei. Sie ist zu einem geopolitischen Instrument geworden, das Ankara flexibel einsetzt, um Einfluss in Nordirak und Nordostsyrien zu nehmen, die eigene Rolle als Regionalmacht zu behaupten und zugleich gegenüber den USA, Russland und dem Iran Verhandlungsmasse zu gewinnen. Dass die türkische Armee inzwischen tief im irakischen Raum operiert – bis zu 70 Kilometer hinter der Grenze – zeigt, dass Ankara de facto exterritoriale Sicherheitszonen etabliert hat. Dies ist ein klassisches Beispiel für die strategische Nutzung des Machtvakuums in gescheiterten Ordnungsräumen.
Gleichzeitig nutzt die Türkei wirtschaftliche Hebel – etwa über den Ölexportkorridor vom Nordirak zum Hafen Ceyhan – und ökologische Kontrolle über die Wasserflüsse von Euphrat und Tigris, um Bagdad und Erbil gleichermaßen unter Druck zu setzen. Es ist eine Form hybrider Einflussnahme, die militärische Präsenz mit wirtschaftlicher Erpressung und ökologischer Kontrolle verbindet. Hier zeigt sich: In der postsouveränen Peripherie des Nahen Ostens ersetzt Machtprojektion zunehmend diplomatische Koordination.
Für Europa bedeutet das eine doppelte Herausforderung: Erstens wird deutlich, dass staatliche Fragmentierung – wie im Irak und Syrien – immer häufiger zum Einfallstor für ausgreifende Nachbarmächte wird. Wer seine Peripherie nicht absichert, wird zum Spielball externer Ordnungsakteure. Zweitens offenbart der Konflikt, wie wenig kohärent und machtbewusst westliche Politik operiert. Während die USA die SDF militärisch unterstützen, agiert NATO-Mitglied Türkei gegen dieselben Kräfte – inklusive riskanter Konfrontation mit US-Truppen. Der Westen ist strategisch gespalten und operativ uneinheitlich.
Ein europäischer Bundesstaat mit eigenständiger Sicherheitsarchitektur muss lernen, solche Konflikte nicht nur moralisch zu bewerten, sondern machtpolitisch zu verstehen. Die Lektion aus dem türkisch-kurdischen Dauerkonflikt ist klar: Wer nicht selbst Ordnungsmacht ist, wird zum Zuschauer fremder Durchsetzungsstrategien. Europa muss eigene Interessen definieren – und die Fähigkeit entwickeln, sie in einer Welt multipler Machtzentren zu sichern.
Die Türkei handelt rational im Sinne ihrer strategischen Selbstbehauptung. Ihre Vorgehensweise mag aggressiv erscheinen, ist aber eingebettet in ein regionales Umfeld, das von Ordnungsverlust, Machtfragmentierung und geopolitischer Konkurrenz geprägt ist. Wer in solchen Räumen Stabilität erwartet, ohne Ordnung zu schaffen, der verkennt die Grundlogik der internationalen Politik: Nur wer bereit ist, Verantwortung durch Macht auszuüben, kann auch Ordnung garantieren. Europa muss aus dieser Realität lernen – und handeln.


