Taiwan, Teheran und das Erbe der Macht
Ein Essay über Chinas neue Weltordnung und Europas geopolitische Bewährungsprobe
Seit dem Ende des Kalten Krieges lebte Europa in einer geopolitischen Zwischenzeit – sicher unter dem amerikanischen Schutzschirm, eingelullt vom Versprechen der Globalisierung, dass Handel Frieden bringe und Regeln Ordnung schüfen. Doch diese Epoche geht zu Ende. An ihren Rändern – in der Straße von Taiwan, in den Ruinen der Levante, in den Schatten diplomatischer Ambiguität – formieren sich neue Machtzentren. China tritt nicht mehr als „Werkbank der Welt“ auf, sondern als Architekt einer Gegenordnung. Die multipolare Welt ist keine Zukunft – sie ist Realität. Und Europa, lange Zaungast dieser Entwicklung, muss entscheiden: Zuschauer bleiben oder gestaltende Macht werden. Dieses Essay untersucht anhand zweier Schauplätze – Taiwan und dem Nahen Osten – das Kalkül Pekings und die daraus resultierende machtpolitische Herausforderung für Europa.
I. Die Rückkehr der Geschichte
Als 1971 Henry Kissinger im Geheimen nach Peking reiste, öffnete er nicht nur das Tor zur Normalisierung der sino-amerikanischen Beziehungen – er markierte auch einen Wendepunkt in der globalen Machtarchitektur. China, das jahrzehntelang in revolutionärer Selbstisolation verharrt hatte, betrat die Bühne der Realpolitik. Heute, mehr als ein halbes Jahrhundert später, hat sich das Verhältnis umgekehrt: Nicht mehr China sucht den Zugang zur Welt, sondern die Welt muss sich dem geopolitischen Gewicht Chinas stellen. Der „Friedensnarrativ“ der Globalisierung ist erschöpft. Wir betreten eine Epoche strategischer Rivalität – in Asien, im Nahen Osten, und bald auf europäischem Boden.
Diese neue Epoche ist keine lineare Fortschreibung der Vergangenheit, sondern die Rückkehr zyklischer Grundmuster: der Aufstieg neuer Großmächte, das Austesten regionaler Ordnungen, die Erosion alter Sicherheitsgarantien. Im Zentrum dieses tektonischen Wandels steht China – eine Macht, die nicht nur ökonomisch expandiert, sondern systematisch Ordnung neu definiert. Die Probenräume dieser neuen Ordnung liegen nicht nur im Südchinesischen Meer, sondern auch in der Straße von Hormus, im Gazastreifen – und im Unterbewusstsein der europäischen Hauptstädte.
II. Taiwan: Der geopolitische Spiegel
Wer das Taiwan-Dossier als regionalen Konflikt abtut, verkennt seine strukturelle Bedeutung. Taiwan ist kein bloßer Zankapfel zwischen China und den USA, sondern ein geopolitisches Scharnier. Es trennt die offene See von Chinas Küste, blockiert Pekings Zugang zum Pazifik und verkörpert den symbolischen Bruch mit der Nachkriegsordnung. Die chinesischen Militärmanöver, die westliche Kommentatoren als „Provokation“ bezeichnen, sind längst integraler Bestandteil eines kalkulierten Zermürbungskriegs. Der Gegner ist nicht nur Taiwan – es ist das westliche Konzept von Stabilität durch Regeln, nicht durch Macht.
Peking agiert strategisch geduldig. Die sogenannte „graue Zone“ – das systematische Unterlaufen der Kriegsgrenze – ist keine Anomalie, sondern Methode. Taiwan soll nicht durch Eroberung, sondern durch Erschöpfung unterworfen werden: psychologisch, wirtschaftlich, technologisch. Das Modell erinnert an das, was Clausewitz einst als „Krieg durch andere Mittel“ beschrieb – nur dass heute Drohnen, Cyberoperationen und maritime Quarantänen die Rolle einstiger Kavallerie übernehmen.
Das bevorzugte Szenario Chinas ist keine Invasion, sondern eine „sanfte Einkreisung“ – eine Quarantäne Taiwans, die ohne formalen Kriegsgrund dennoch Fakten schafft. In dieser geopolitischen Schattenzone liegt Europas größte Illusion offen: die Hoffnung, sich durch Distanz aus der Verantwortung stehlen zu können. Doch Taiwan ist keine ferne Insel – es ist ein Spiegel. Wer hineinblickt, erkennt nicht nur die Ambitionen Chinas, sondern auch die Schwäche Europas.
III. Nahost: Chinas zweite Front
Während China im Fernen Osten als aktive Gestaltungs- und Bedrohungsmacht auftritt, agiert es im Nahen Osten als asymmetrischer Opportunist. Die Region, die über Jahrzehnte vom amerikanischen Imperium durchzogen war, gleicht heute einem geopolitischen Vakuum: Washingtons Rückzug ist real, seine Sicherheitsgarantien brüchig. Peking wittert Chancen – wirtschaftlich, diplomatisch, technologisch. Doch auch hier zeigt sich eine fundamentale Schwäche: China will Einfluss ohne Risiko, Ordnung ohne Machtprojektion.
Diese Strategie hat Grenzen. Pekings gleichzeitige Annäherung an Israel (aus technologischem Kalkül), den Iran (aus geopolitischem Pragmatismus) und die Golfmonarchien (aus energiewirtschaftlichem Interesse) funktioniert nur in einer stabilen Grauzone. Doch der Nahe Osten ist kein Raum der Stabilität. Er ist ein Dauerlabor strategischer Spannungen. In dem Maße, wie sich die Konfrontation zwischen Teheran und Jerusalem zuspitzt, wird Chinas außenpolitische Doktrin der Nichteinmischung zum strategischen Handicap. Ohne militärische Präsenz, ohne Sicherheitsgarantien, ohne glaubwürdige Abschreckung bleibt Peking in dieser Region ein Akteur zweiter Ordnung – beobachtend, nicht gestaltend.
Was in Taiwan Methode ist, wird im Nahen Osten zur strukturellen Schwäche: China ist nicht bereit – und vielleicht auch nicht fähig – die Rolle einer Ordnungsmacht zu übernehmen. Der Kontrast zur amerikanischen Phase imperialer Präsenz ist frappierend. Nicht weil Washington heute stärker wäre, sondern weil es einst bereit war, Risiken einzugehen. Ordnung entsteht nicht aus Wohlverhalten – sie entsteht aus Machtprojektion, gepaart mit strategischer Kohärenz. Genau hier liegt die Leerstelle, die Europa füllen könnte – und müsste.
IV. Europas Rolle: Zwischen Ohnmacht und Ordnung
Europa ist in beiden Szenarien – Taiwan und Nahost – formal unbeteiligt, aber strategisch betroffen. Es ist weder willens noch fähig, sich als geopolitischer Akteur zu definieren. Die Illusion, wirtschaftliche Verflechtung ersetze militärische Präsenz, wirkt in der neuen Weltlage wie ein Anachronismus. Wer sich aus Konflikten heraushält, wird nicht neutral – er wird irrelevant.
Wenn Taiwan fällt – durch Erosion, nicht Invasion –, wird dies ein globales Signal sein: Der Westen ist nicht mehr bereit, seine Ordnungsvorstellungen durchzusetzen. Der nächste Prüfstein wird nicht im Pazifik liegen, sondern an den Südgrenzen Europas, im östlichen Mittelmeer, in der Sahelzone oder an der östlichen Flanke der EU. Die autoritären Mächte dieser Welt testen nicht nur den Willen Amerikas – sie taxieren die Handlungsfähigkeit Europas.
Die Antwort kann nicht in diplomatischen Appellen oder moralischen Verurteilungen liegen. Europa muss ein eigenständiger Machtpol werden – mit einer klaren strategischen Vision, militärischer Handlungsfähigkeit und geopolitischer Präsenz. Dies bedeutet:
Die Einbindung französischer Nuklearkapazitäten in eine europäische Abschreckung.
Die Stärkung der frontstaatlichen Rolle Polens als militärischer Schutzwall.
Die maritime Ausrichtung Italiens als südlicher Sicherheitsanker.
Die Führung Deutschlands als ökonomisch-strategischer Motor.
Nur in dieser Kombination kann Europa aus seiner Zuschauerrolle heraustreten. Taiwan und Teheran sind keine entfernten Krisenherde – sie sind Prüfsteine einer kommenden Weltordnung, in der Macht nicht geteilt, sondern erkämpft wird.
V. Schlussfolgerung: Vom Zuschauer zum Akteur
Der französische Stratege Raymond Aron schrieb einst, dass Geschichte die Bühne sei, auf der die Staaten ihre Rolle entweder gestalten – oder über sich ergehen lassen. Europa steht am Scheideweg. Entweder es bleibt Zaungast einer Welt, die sich entlang anderer Machtzentren ordnet. Oder es erkennt, dass strategische Verantwortung nicht delegierbar ist.
China hat seine Lektion aus der Geschichte gezogen: Macht entsteht durch Beharrlichkeit, Präsenz und Unerschrockenheit. Europa hingegen verharrt im Diskurs – in der Hoffnung, dass Worte Ordnung schaffen können. Doch Geschichte belohnt nicht die, die kommentieren – sondern jene, die gestalten.
Taiwan ist kein fernöstliches Problem, der Nahe Osten kein begrenzter Krisenraum. Beide sind Frontlinien einer kommenden Epoche, in der Macht wieder das Primat über Moral gewinnt. Wenn Europa bestehen will, muss es mehr sein als ein Wertegemeinschaft – es muss Ordnungsmacht werden. Nicht als Imperium, sondern als souveräne Kraft der Selbstbehauptung in einer multipolaren Welt.
Die Zeit der geopolitischen Unschuld ist vorbei. Wer sich der Verantwortung entzieht, wird zum Getriebenen der Geschichte. Wer sich ihr stellt, kann sie vielleicht noch schreiben.


