Taiwans Wahl
Ein Fanal geopolitischer Realität
Die jüngsten Wahlen in Taiwan markieren keinen bloßen Regierungswechsel, sondern einen Wendepunkt im geopolitischen Ringen um Vorherrschaft im indo-pazifischen Raum – und damit in der künftigen Weltordnung. Mit Lai Ching-te übernimmt ein Politiker die Präsidentschaft, dessen politisches Selbstverständnis auf der klaren Trennung zwischen Taiwan und der Volksrepublik China basiert. Dass er trotz massiven chinesischen Drucks gewählt wurde, belegt eine tieferliegende Dynamik: Der Versuch Pekings, den taiwanesischen Nationalwillen durch wirtschaftliche Sanktionen, militärische Einschüchterung und diplomatische Isolation zu brechen, ist gescheitert.
Chinas jahrzehntelange Strategie – Kombination aus ökonomischer Verlockung und militärischer Drohung – hat ihre politische Wirksamkeit verloren. Die taiwanesische Bevölkerung erkennt instinktiv, dass Pekings Ziel keine „friedliche Wiedervereinigung“, sondern strategische Kontrolle ist. Diese Realität ist Ausdruck eines grundlegenden Gesetzes der Geopolitik: Völker, die eine eigene Identität und politische Handlungsfähigkeit entwickelt haben, lassen sich auf Dauer nicht durch Imperative einer benachbarten Großmacht unterwerfen – es sei denn mit Gewalt.
Die Wahl von Lai ist deshalb nicht Eskalation, sondern Konsequenz. Sie zwingt nicht Taiwan zur Entscheidung, sondern China. Xi Jinping steht nun vor einem Dilemma: Jeder Versuch, die neue taiwanesische Regierung unmittelbar zu destabilisieren oder durch Eskalation zu unterwerfen, birgt das Risiko, nicht nur Taiwan zu verlieren, sondern auch die regionale Stabilität und die globale Wahrnehmung chinesischer Machtfähigkeit schwer zu beschädigen. Ein Abwarten und Druckausüben über wirtschaftliche Hebel, asymmetrische Mittel und die pro-chinesische Kuomintang ist wahrscheinlicher – aber keine langfristige Lösung.
Auch Washingtons Rolle bleibt ambivalent. Die „Strategische Ambiguität“ der USA – lange ein Instrument zur Balance zwischen Taiwan und China – wirkt zunehmend wie ein Relikt aus der unipolaren Nachkriegsordnung. Bidens widersprüchliche Aussagen – erst Verteidigung Taiwans zusichern, dann die Unabhängigkeit ablehnen – sind Ausdruck geopolitischer Ratlosigkeit. Amerika versucht, sowohl Abschreckung als auch Deeskalation zu betreiben, und verliert dabei an Glaubwürdigkeit in beiden Richtungen.
Europa sollte aus dieser Entwicklung eine zentrale Lehre ziehen: Die geopolitischen Spannungen im Pazifik sind keine regionalen Konflikte, sondern Symptome eines systemischen Wandels. Die Ära strategischer Eindeutigkeit ist vorbei – die neue Ordnung wird durch Machtkonkurrenz, regionale Allianzen und technologische Souveränität geprägt sein. Wer in dieser Ordnung bestehen will, muss geopolitisch handeln, nicht moralisieren.
Für Europa bedeutet das: Wir dürfen unsere strategische Handlungsfähigkeit nicht weiter an Washington delegieren. Ein europäischer Bundesstaat mit eigener militärischer und diplomatischer Machtprojektion ist keine akademische Idee, sondern sicherheitspolitische Notwendigkeit. Taiwan zeigt, wie schnell die Realität Mächte prüft – und wie gefährlich es ist, unvorbereitet zu sein.
Taiwan verteidigt keine abstrakten „westlichen Werte“, sondern sein Recht auf Selbstbestimmung im Angesicht eines übermächtigen Nachbarn. Europa muss sich fragen: Wären wir – zersplittert, verteidigungsunfähig, wirtschaftlich erpressbar – in der Lage, das Gleiche zu tun?


