Ukraine, Russland und das Ende westlicher Illusionen
Ein Essay über einen epochalen Konflikt
Die Kriege unserer Zeit sind keine bloßen Abfolgen militärischer Operationen. Sie sind tektonische Verschiebungen im globalen Machtgefüge. Wer in der Ukraine nur ein regionales Schlachtfeld sieht, verkennt die wahren Triebkräfte dieser Epoche. Hinter den Bildern von Schützengärten und brennenden Panzern verbirgt sich ein größeres Drama: das Ringen um eine neue Weltordnung. Inmitten dieses Dramas steht die Ukraine wie ein geopolitisches Seismograph. Ihr Schicksal entscheidet darüber, ob Europa ein Subjekt internationaler Politik bleibt oder zum bloßen Objekt fremder Interessen verkommt.
Die Geschichte kennt keine Gnade für die Schwachen. Zwischen Imperien gibt es keinen moralischen Raum. Nur Macht, Furcht und Selbsterhaltung regieren das Verhalten der Staaten. Die Ukraine ist in diesen Strudel geraten, weil sie zu lange an der Illusion glaubte, Souveränität sei durch Bekenntnisse, Partnerschaftsabkommen und die Sprache gemeinsamer Werte gesichert. Tatsächlich aber war die Geografie erbarmungslos: Ein riesiges, durch ethnische Spannungen innerlich fragiles Land zwischen zwei Machtblöcken konnte nicht auf ewig neutral bleiben. Spätestens seit 2014 ist klar: Wer zwischen Russland und dem Westen liegt, lebt entweder unter Schutz oder unter Druck.
Die Entscheidung Kiews, nach dem Zerfall der Sowjetunion auf nukleare Abschreckung zu verzichten, war eine geopolitische Selbstentwaffnung. Das Budapester Memorandum von 1994 versprach viel, lieferte aber nichts. Mit der Annexion der Krim zerbrach das Kartenhaus kollektiver Sicherheitsgarantien. Seither wächst in der Ukraine der Glaube, dass nur die NATO ein echtes Bollwerk gegen Moskaus Revanchismus bietet. Doch dieser Glaube verkennt, dass Allianzen keine metaphysischen Entitäten sind. Sie sind Machtinstrumente ihrer Führungsmächte – und in diesem Fall primär ein Werkzeug amerikanischer Hegemonialstrategie. Das Problem: Die USA selbst haben kein einheitliches Interesse an einer ukrainischen NATO-Mitgliedschaft.
In Washington konkurrieren zwei Denkschulen. Die eine sieht in Kiew einen Frontstaat gegen eine überalterte, aber immer noch nuklear bewaffnete Großmacht. Die andere erkennt die strategische Erschöpfung Amerikas und strebt einen Rückzug an – auch um sich ganz dem strukturellen Gegner China zu widmen. In dieser Konstellation ist die NATO kein Garant, sondern ein Risiko. Jeder Schritt in Richtung ukrainischer Mitgliedschaft birgt das Potenzial eines Flächenbrands. Es ist ein Pokerspiel mit der nuklearen Schwelle.
Die Europäer ihrerseits sind keine geschlossene Macht. Während Polen und die baltischen Staaten in der NATO-Erweiterung eine Lebensversicherung sehen, warnen Frankreich und Deutschland vor einer offenen Konfrontation mit Russland. Der Widerstand Berlins und Pariser Zögern im Jahr 2008, als in Bukarest der Membership Action Plan diskutiert wurde, ist keine historische Fußnote, sondern Ausdruck einer strukturellen Realität: Europa besitzt keine einheitliche Strategie. Es ist fragmentiert, sicherheitspolitisch abhängig, und ohne eigenes militärisches Rückgrat.
Das gegenwärtige Kriegsbild in der Ukraine hat zudem die Militärdoktrin Europas und der Welt erschüttert. Der Mythos von der Unbrauchbarkeit großer Bodenoffensiven wurde durch kilometerlange russische Panzerkolonnen zerstört. Der Glaube an die Unverletzlichkeit von Kampfpanzerverbänden wurde in den Schützengärten von Bachmut begraben. Und die Annahme, Cyberkrieg könne klassische Konflikte vermeiden, hat sich als technokratische Wunschvorstellung entlarvt. Was bleibt, ist die Rückkehr zur klassischen Lehre der Geopolitik: Nur wer die Peripherie kontrolliert, kontrolliert das Zentrum.
In diesem Sinn ist die Ukraine heute nicht nur ein Schlachtfeld, sondern ein strategischer Spiegel. Ihr Beitritt zur NATO würde nicht Frieden stiften, sondern bestehende Fronten einzementieren. Moskau würde jede Erweiterung als symbolische Kapitulationserklärung des Westens deuten – und in einen permanenten Modus der Destabilisierung übergehen. Die Allianz wäre dann kein Abschreckungsinstrument mehr, sondern ein permanenter Krisenherd. Eine Mitgliedschaft Kiews wäre daher nicht Ausdruck strategischer Klugheit, sondern Beleg für das Versagen einer europäischen Ordnungspolitik.
Was nötig wäre, ist ein europäischer Ordnungsentwurf, der nicht in transatlantischer Gefolgschaft verharrt, sondern eigene strategische Interessen formuliert. Dazu gehört eine Rückbesinnung auf das Prinzip des Gleichgewichts. Eine neutrale Ukraine – garantiert durch eine europäische Sicherheitsarchitektur, militärisch untermauert und politisch souverän – wäre stabiler als ein NATO-Mitglied, das als Katalysator für einen europäischen Dauerkrieg taugt. Doch dazu müsste Europa aufhören, Bittsteller in Washington zu sein, und beginnen, als strategischer Akteur zu denken.
Die kommende Epoche wird keine der Wertegemeinschaften sein. Sie wird bestimmt durch Großmächte, die sich nicht mehr an Normen, sondern an Interessen orientieren. In dieser Welt überleben nicht jene, die moralisch im Recht sind, sondern jene, die Ordnung schaffen können. Europa hat die Wahl: Entweder es konstruiert eine eigene Ordnungsmacht, mit militärischer Tiefenstaffelung und politischer Geschlossenheit – oder es wird zum Spielball zwischen Amerika, China und Russland. Die Ukraine ist dabei der Testfall. Nicht, weil sie allein über das Schicksal des Kontinents entscheidet, sondern weil an ihr offenbar wird, wie wenig strategische Selbstbeherrschung Europa besitzt.
Der Krieg mag enden. Doch der Kampf um Ordnung hat gerade erst begonnen.


