Ukraine: Was will China wirklich
Ich schreibe diese Zeilen am Morgen meines letzten Urlaubstages. Zehn Tage lang war ich unterwegs, fern von Terminen und fern von der ständigen Nachrichtenflut. Erst heute früh, als die Sonne langsam über dem Wasser aufstieg und die Welt für einen Moment vollkommen ruhig war, fand ich wieder die Konzentration, um mich einem geopolitischen Thema zuzuwenden, das in den letzten Wochen an Dringlichkeit gewonnen hat.
Ein möglicher Weg zu einem Ende des Ukrainekriegs zeichnet sich immer deutlicher ab. Washington drängt so stark wie lange nicht mehr. Die Vereinigten Staaten wollen diesen Konflikt beenden und investieren dafür enorme diplomatische Energie. Barack Obama sagte einmal, dass Außenpolitik in ihrer Essenz bedeutet, die Welt so zu betrachten, wie sie ist, nicht wie man sie gern hätte. Dieser Gedanke hilft, wenn man verstehen will, wie China auf diesen Krieg schaut. Denn Pekings Haltung ist nüchtern, strategisch und geprägt von langfristigen Interessen.
Das große Bild
Will China wirklich, dass der Krieg endet. Die Antwort ist nicht einfach. Es hängt vom Zeitpunkt ab, von den Bedingungen und davon, welche Vorteile Peking am Ende sieht. Für China ist dieser Krieg kein moralisches Drama, sondern ein geopolitischer Prüfstein. Chinesische Entscheidungsträger denken in Jahrzehnten. Sie wollen Stabilität im eigenen politischen System, wirtschaftliche Stärke, technologische Eigenständigkeit und eine geringere Verwundbarkeit gegenüber amerikanischem Druck. Und sie wollen eine Weltordnung, in der mehrere Machtzentren existieren.
Diese Ziele bestimmen jede chinesische Entscheidung. Peking beobachtet genau, ob die USA in der Lage sind, Unterstützung für die Ukraine, Abschreckung im Pazifik, Bündnispflege in Europa und den strategischen Wettbewerb in Asien gleichzeitig zu managen. Jeder Monat Krieg liefert dafür neue Daten.
Russland bleibt für China in diesem Kontext ein strategisch nützlicher Partner. Der Krieg hat Moskau tiefer in die Abhängigkeit von China gedrängt. Sanktionen, Isolation und wirtschaftliche Schwäche machen Russland empfänglicher für chinesische Preisforderungen und Infrastrukturprojekte. Gleichzeitig will China jedoch, dass Russland militärisch stabil genug bleibt, um die NATO und die USA weiter zu binden. Ein russischer Zusammenbruch wäre für Peking ein geopolitischer Albtraum.
Wirtschaftliche Interessen
Ökonomisch schafft der Krieg neue Räume. Russland liefert immer mehr Energie nach Asien, vor allem nach China. Die Preise sind niedrig, die Mengen stabil. Der bilaterale Handel erreichte Rekordwerte. Für eine chinesische Wirtschaft, die sich auf mögliche westliche Sanktionen vorbereiten muss, ist dies ein strategischer Vorteil. Günstige Energie und Rohstoffe geben Peking zusätzliche Luft.
Doch es gibt auch Kosten. Europa wird zunehmend misstrauischer. Chinas wachsende Geschäfte mit Russland belasten die Beziehungen. Der Verdacht, dass chinesische Firmen dual nutzbare Technologie an Russland liefern, führt zu Debatten über neue Kontrollen und mögliche Sanktionen. Jede Verschlechterung des Verhältnisses zu Europa trifft China an einer empfindlichen Stelle, denn Europa bleibt ein wichtiger Exportmarkt und technologischer Partner.
Sicherheitspolitische Perspektive
China sieht die Risiken eines unkontrollierten Kriegsverlaufs mit großer Sorge. Jeder Funke, der in Richtung NATO überspringt, könnte die globale Wirtschaft ins Chaos stürzen. Ein nuklearer Zwischenfall wäre ein Schock für Märkte und Handelswege. Peking ist daher kein Freund eines unendlichen Krieges.
Gleichzeitig nutzt China den Konflikt diplomatisch. Das Zwölfpunktepapier von 2023 war weniger ein konkreter Vorschlag als eine globale Selbstdarstellung. China wollte zeigen, dass es nicht automatisch hinter Russland steht, ohne Russland tatsächlich zu verprellen. Diese Linie verschaffte Peking im Globalen Süden das Image einer ausgleichenden Macht, die Verantwortung zeigt, ohne Verantwortung übernehmen zu müssen.
Was China wirklich will
Wenn chinesische Politiker von Frieden sprechen, meinen sie meist einen Waffenstillstand, der die Frontlinien einfriert und Russland nicht schwächt. Sie hoffen auf eine Lockerung westlicher Sanktionen und die Rückkehr kalkulierbarer Energielieferungen. Pekings größte Sorgen sind ein russischer Staatszerfall oder ein politischer Machtwechsel, der Russland stärker an den Westen bindet. Der Aufstand der Wagnergruppe im Jahr 2023 war für China ein Warnsignal.
Chinas Einfluss
Der chinesische Einfluss auf Russland existiert, aber er ist begrenzt. Peking kann wirtschaftlichen Druck ausüben, doch zu viel davon würde die strategische Partnerschaft beschädigen. Zu wenig Druck wiederum würde Washington zeigen, dass Chinas Hebel kleiner sind als oft behauptet. Es ist eine schwierige Balance.
Die Ukraine hingegen kann China kaum beeinflussen. Der einzige echte Hebel liegt im Westen, vor allem in Europa und Washington, wo chinesische Diplomaten die wirtschaftlichen Kosten des Konflikts betonen.
Abschließende Gedanken
Chinas Haltung bleibt strukturell ambivalent. So lange der Krieg andauert, profitiert Peking von der Abhängigkeit Russlands und der Belastung der USA und Europas. Gleichzeitig verschlechtern sich die Beziehungen zu Europa weiter und damit wächst die Gefahr neuer Handelshemmnisse.
Sollte die Ukraine die Pläne der Trump Administration akzeptieren und Russland ebenfalls zustimmen, wäre dies ein großer Gewinn für China. Peking müsste kaum etwas tun und könnte sich dennoch als konstruktive Weltmacht darstellen. Doch Washington erwartet nun chinesische Einflussnahme auf Moskau. China muss zeigen, ob seine Macht tatsächlich ausreicht oder ob die Grenzen früher erreicht sind als gedacht.
Wahre Macht besteht darin, die eigenen Positionen so zu gestalten, dass andere sich freiwillig in die gewünschte Richtung bewegen. Genau das versucht China im Ukrainekrieg. Es will gewinnen, indem es möglichst wenig tut, und zugleich bereitstehen, wenn die Welt eine neue Ordnung sucht.



