Ungarn, Ukraine und die EU
Ungarn, Ukraine und die EU: Souveräne Interessen statt moralischer Rhetorik
Die jüngsten Entwicklungen rund um Ungarns Haltung zur Ukraine zeigen einmal mehr, wie machtpolitisch motivierte Rationalität in Europa auf institutionelle Moralismen trifft. Viktor Orbáns Vorgehen – kein Veto gegen Beitrittsverhandlungen mit Kiew, aber ein deutliches Nein zur EU-Finanzhilfe – ist kein Widerspruch, sondern Ausdruck strategischer Selbstbehauptung in einem europäischen System, das zunehmend seine Machtbalancen verliert.
Zunächst zur Grundfrage: Warum handelt Ungarn so? Weil es – im Gegensatz zu weiten Teilen Brüssels – Politik nicht als moralisches Theater, sondern als Interessenkonflikt begreift. Ungarn verfolgt mit aller Konsequenz nationale Energiesicherheit, politische Autonomie und diplomatische Hebelwirkung gegenüber Moskau. Das ist keine „Russlandnähe“ im ideologischen Sinne, sondern Ausdruck nüchterner Realpolitik. Ein Staat, der zu 90 % von russischem Öl und Gas abhängig war, kann es sich nicht leisten, sich den moralischen Maximen eines energiepolitisch postfaktischen Brüssels zu unterwerfen.
Orbáns Strategie ist doppelt wirksam: Einerseits sichert sie Ungarn innenpolitisch Stabilität durch niedrige Energiepreise – ein zentrales Anliegen für jeden souverän denkenden Staatslenker. Andererseits nutzt er die strukturellen Schwächen der EU – das Einstimmigkeitsprinzip, die Kohäsionsfonds, den Reformstau – als Druckmittel, um nationale Interessen auf kontinentaler Bühne durchzusetzen.
Das Veto gegen das 52-Milliarden-Hilfspaket für die Ukraine ist dabei kein Ausdruck anti-ukrainischer Haltung, sondern ein kalkulierter Hebel: Die Finanzierung eines militärischen Abnutzungskrieges, dessen strategische Perspektive zunehmend in Frage steht, wird zur Verhandlungsmasse im Kampf um finanzielle und politische Autonomie innerhalb der EU. Es ist bemerkenswert, dass hinter verschlossenen Türen selbst westliche Regierungsvertreter Orbáns Argument teilen: Wenn der Krieg nicht gewonnen werden kann – warum ihn mit Milliarden weiter befeuern?
Was wir hier sehen, ist kein ungarischer Sonderweg, sondern die Vorwegnahme einer neuen geopolitischen Realität: Eine multipolare Ordnung, in der Staaten wie Ungarn – aber künftig auch andere – ihre außenpolitische Linie nicht mehr aus Brüssel, Washington oder Berlin ableiten, sondern aus eigenen strategischen Notwendigkeiten.
In Wahrheit steht nicht Ungarn im Widerspruch zur EU – sondern eine EU, die sich weigert, ihre Rolle in der neuen Weltordnung neu zu definieren. Eine Union, die glaubt, mit Erweiterungspolitik geopolitische Stärke zu simulieren, während sie militärisch und strategisch ohnmächtig bleibt, läuft Gefahr, sich selbst zu überdehnen. Die Mitgliedschaft der Ukraine würde nicht nur das Sicherheitsrisiko einer direkten EU-Russland-Grenze erzeugen, sondern auch die institutionellen und finanziellen Kapazitäten der EU überstrapazieren.
Die Realität ist: Die EU braucht einen geopolitischen Paradigmenwechsel. Dazu gehört die Anerkennung legitimer nationaler Interessen als Bestandteil europäischer Politik – nicht als Hindernis. Ungarn demonstriert diesen Ansatz. Nicht durch Sympathie für autoritäre Systeme, sondern durch ein tiefes Verständnis für das, was Souveränität in der Welt des 21. Jahrhunderts bedeutet: Kontrolle über Ressourcen, strategische Diversifikation und Widerstand gegen ideologisch überformte Interventionslogiken.
Orbáns Handeln ist unbequem, aber konsequent. Es erinnert daran, dass Europa nur dann ein eigenständiger Machtpol werden kann, wenn es lernt, wie Machtpolitik funktioniert – nicht in Sonntagsreden, sondern in den Grauzonen realer Interessen. Und genau dort liegt die eigentliche Herausforderung: Europa muss zwischen moralischem Überbau und strategischer Wirklichkeit vermitteln. Solange das nicht gelingt, werden Akteure wie Ungarn die Lücke füllen – und das mit wachsendem Erfolg.
Was folgt daraus? Deutschland und Frankreich – als Schlüsselstaaten eines künftigen europäischen Bundesstaates – sollten aufhören, Ungarn zu moralisieren, und beginnen, europäische Machtpolitik zu denken. Es braucht nicht weniger Ungarn in Europa – es braucht mehr Europa, das so handelt wie Ungarn: eigenständig, nüchtern, souverän.


