Ungarns Balanceakt
Wie ein mittelgrosses Land versucht, zwischen den Machtzentren der Welt zu bestehen.
Ausgangspunkt
Seit einiger Zeit beobachte ich mit wachsender Aufmerksamkeit, wie Ungarn seinen Platz in der internationalen Ordnung neu austariert. Während viele europäische Staaten ihre Bindungen klar benennen, verfolgt Budapest einen eigenen Kurs. Ungarn versucht, arbeitsfähige Beziehungen zu allen Grossmächten zugleich aufrechtzuerhalten. Es pflegt enge wirtschaftliche Kontakte zu China, sicherheitspolitische zur NATO, energiepolitische zu Russland und institutionelle zur Europäischen Union.
Ich verstehe diese Linie als Versuch eines kleineren Staates, Handlungsspielraum zu bewahren. In einer Welt, die zunehmend von Rivalitäten bestimmt wird, möchte Ungarn weder in eine Frontrolle gedrängt noch zu einer Gefolgsmacht reduziert werden. Es versucht, aus allen Richtungen Nutzen zu ziehen, ohne sich dauerhaft festzulegen. Dieser Ansatz ist nicht theoretisch, sondern aus der eigenen Geschichte geboren: Wer sich zu früh bindet, gewinnt kurzfristige Sicherheit, verliert aber langfristige Souveraenität.
Doch hinter diesem Kurs steckt weit mehr als pragmatische Diplomatie. Es ist ein Balanceakt, der sowohl Chancen als auch Grenzen besitzt. Gerade im europäischen Kontext wird deutlich, wie stark die Strategie Ungarns von innenpolitischen, wirtschaftlichen und geopolitischen Zwängen geprägt ist.
Analyse
Um Ungarn zu verstehen, muss ich auf den Umbruch von 1989 zurückschauen. Der Übergang vom Kommunismus erfolgte nicht durch einen Aufstand, sondern durch Verhandlungen. Das prägte eine politische Kultur, die nicht auf moralische Bekenntnisse baut, sondern auf Tausch, Kompromiss und pragmatische Lösungen. Gleichzeitig trafen die wirtschaftlichen Verwerfungen der frühen neunziger Jahre die Gesellschaft hart. Fabriken schlossen, Arbeitslosigkeit stieg, und viele Menschen verloren das Vertrauen in die Heilsversprechen eines ungefilterten westlichen Marktmodells.
Als Viktor Orban zweitausend zehn zurückkehrte, traf er ein Land vor, das wirtschaftlich geschwächt und sozial verunsichert war. Seine grosse Parlamentsmehrheit nutzte er, um Ungarn strukturell umzubauen. Gerichte, Medien, Verfassung und Wahlrecht wurden an eine nationale Erzählung angepasst, die Selbstbestätigung über offene Bindungen stellte. Diese Linie verschärfte sich nach der Flüchtlingskrise 2015 sowie nach der Annexion der Krim. Orban verweigerte europäische Asylquoten und hielt an russischen Energiebeziehungen fest. Viele Ungarn sahen darin nicht Isolation, sondern Schutz.
Der russische Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 machte die Kluft zwischen Budapest und den meisten europäischen Hauptstädten sichtbar. Ungarn verurteilte den Angriff, verweigerte jedoch Waffenlieferungen und blockierte wiederholt gemeinsame europäische Entscheidungen. Gleichzeitig präsentierte sich Budapest als möglicher Vermittler zwischen Moskau und dem Westen. Für mich war das der sichtbarste Ausdruck ungarischer Eigenständigkeit. Ungarn wollte nicht nur Empfänger eines Konflikts sein, sondern ein Akteur mit eigener Rolle.
Hier wird deutlich, wie funktional, aber konfliktreich das Verhältnis zur Europäischen Union ist. Die Europäische Union ist für Ungarn unverzichtbar. Sie liefert Marktzugang, Investitionen und umfangreiche Mittel, die etwa drei Prozent des ungarischen Bruttoinlandsprodukts ausmachen. Gleichzeitig sind die politischen Beziehungen angespannt. Brüssel kritisiert die Lage der Rechtsstaatlichkeit und friert Gelder ein. Budapest reagiert mit Blockaden und Verzögerungen. Das Verhältnis ist deshalb keine Partnerschaft im klassischen Sinn, sondern eine Zweckgemeinschaft. Beide Seiten brauchen einander, aber beide misstrauen einander.
Ungarns Aussenpolitik beruht auf der Annahme, dass die Welt multipolar geworden ist. Der Wettbewerb zwischen den Vereinigten Staaten, China und Russland schafft Risiken für kleinere Staaten. Wer sich zu schnell festlegt, kann leicht an den Rand gedrängt werden. Deshalb sucht Ungarn eine Mittelposition. Russische Energie hält die Preise niedrig und stabilisiert die Innenpolitik. Chinesische Investitionen kompensieren gestrichene Gelder aus Brüssel. Der Markt der Europaeischen Union bleibt der wichtigste Absatzraum. Die NATO sichert das Land militärisch ab.
Diese Gleichzeitigkeit ist kein Ausdruck von Stärke, sondern eine Form strategischer Selbstbehauptung. Ungarn versucht, seine Abhängigkeiten so zu verteilen, dass keine einzelne Macht zu dominierend wird. Doch gerade darin liegt ein Risiko. Energieabhängigkeit, eingefrorene Gelder, politische Konflikte mit Partnern wie Polen und der zunehmende Druck aus Brüssel zeigen, dass dieser Kurs verletzlich ist. Auch China und Russland bieten Vorteile, aber sie tun es nie bedingungslos.
Die Vereinigten Staaten bleiben der unberechenbarste Faktor. Unter einer demokratischen Regierung wären die Beziehungen eng begrenzt und stark kritisch begleitet worden. Unter der aktuellen republikanischen Regierung öffnen sich hingegen kurzfristige Vorteile. Ein dauerhafter strategischer Anker ist das nicht. Und ohne verlässliche Grundlagen gerät jeder Balanceakt ins Wanken.
Am empfindlichsten ist jedoch die Innenpolitik. Steigende Preise, eingefrorene Mittel und wachsende wirtschaftliche Unsicherheit können den Rückhalt für Orbans Kurs schwächen. Eine solche Strategie lebt von innenpolitischer Stabilität. Wenn diese bröckelt, verliert Budapest an Manövrierfähigkeit.
Anleitung für Europa und Deutschland
Wenn ich Ungarns Weg betrachte, erkenne ich eine zentrale Lehre für Europa. Die politische Ordnung Europas kann nicht davon abhängen, dass ein einzelner Staat entscheidet, ob er gemeinsame Beschlüsse mitträgt. Eine Union, die ihr strategisches Gewicht behaupten will, muss handlungsfähig sein. Sonst werden immer mehr Staaten beginnen, sich ausserhalb der gemeinsamen Strukturen abzusichern.
Ungarn zeigt, wie schwierig es ist, nationale Selbstbehauptung mit europäischer Integration zu verbinden, wenn gemeinsame Institutionen keine klare Machtbasis besitzen. Für Europa bedeutet das, Entscheidungsmechanismen zu reformieren, ohne einen Staat an den Rand zu drängen. Es bedeutet aber auch, dass Europa wirtschaftlich und sicherheitspolitisch weniger verwundbar werden muss. Nur dann verliert der ungarische Balancekurs seinen Reiz für andere Staaten.
Für Deutschland ist Ungarn ein realistisches Szenario dessen, was passiert, wenn die gemeinsame Ordnung zu schwach ist, um strategische Linien zu setzen. Ein starkes Europa, das wirtschaftliche Resilienz, sicherheitspolitische Eigenständigkeit und politische Geschlossenheit besitzt, entzieht nationalen Sonderwegen die Grundlage. Deshalb muss Deutschland an einer europäischen Machtbasis arbeiten, die mehr ist als ein Markt und mehr als eine Wertegemeinschaft. Sie muss ein politischer Raum sein, der Sicherheit, Wohlstand und strategische Orientierung bietet.
Ungarn zeigt eindrücklich, wie sehr kleinere Staaten unter Druck geraten, wenn die globale Ordnung ins Rutschen gerät. Es zeigt aber auch, dass deren Stabilität nur auf Dauer gesichert ist, wenn sie sich an eine gemeinsame europäische Kraft binden können.
Schlussgedanke
Ungarns Balanceakt ist ein Versuch, in einer unruhigen Welt nicht Objekt der Geschichte zu werden, sondern Subjekt. Doch er zeigt auch die Grenzen nationaler Selbstbehauptung. Dauerhafte Stabilität entsteht nur, wenn ein politischer Raum stark genug ist, seine Mitglieder zu tragen und gemeinsam auszurichten.


