Europa am Scheideweg: Machtpolitik in einer multipolaren Welt
Ein Essay über die Notwendigkeit einer europäischen Großmachtstrategie
Die Weltordnung steht an einem Wendepunkt. Die jüngsten Ereignisse – von den überraschenden Gesprächen zwischen den USA und Russland in Riad bis hin zur strategischen Annäherung zwischen Washington und Neu-Delhi – zeigen, dass die geopolitischen Platten sich verschieben. Europa, einst ein zentraler Akteur in der Weltpolitik, droht in einer multipolaren Ära zum Spielball fremder Mächte zu werden. Während Großmächte wie die USA, China und Indien ihre Interessen mit klarem Machtbewusstsein verfolgen, steht Europa vor einer existenziellen Frage: Kann es sich als eigenständige Kraft behaupten, oder wird es in den Strudeln globaler Machtkämpfe zerrieben? Dieser Essay argumentiert, dass nur ein politisch und militärisch geeintes Europa, das auf strategischer Selbstbeherrschung und einer realistischen Machtpolitik basiert, seine Souveränität in einer Welt sichern kann, in der Angst, Machtstreben und Selbsterhaltung die Handlungen der Staaten bestimmen.
Die Geschichte der internationalen Beziehungen ist ein zyklisches Drama von Aufstieg und Fall. Großmächte kommen und gehen, getrieben von ihrem Streben nach Sicherheit und Dominanz. Thukydides beschrieb bereits im 5. Jahrhundert v. Chr., wie Angst und Machtstreben die peloponnesischen Kriege auslösten. Ähnlich prägt heute die Furcht vor dem Verlust von Einfluss die Strategien der Großmächte. Die USA, obwohl militärisch dominant, sehen ihre globale Vorherrschaft durch Chinas wirtschaftliche und geopolitische Expansion bedroht. Russland, geschwächt, aber militärisch potent, klammert sich an seine Rolle als Juniorpartner Chinas. Indien erhebt sich als Ausgleichsmacht, die zwischen Ost und West balanciert. Europa hingegen steht fragmentiert da – ein Kontinent, der einst die Welt beherrschte, aber heute in seiner Zersplitterung schwächelt.
Die jüngsten Ereignisse in Riad und Paris unterstreichen diese Dynamik. Die bilateralen Gespräche zwischen den USA und Russland über die Ukraine, ohne europäische oder ukrainische Beteiligung, offenbaren die Schwäche der europäischen Position. Während Washington und Moskau über die Zukunft der Ukraine verhandeln, ringen europäische Staaten in Paris um eine einheitliche Strategie – ein Sinnbild für die Abhängigkeit Europas von amerikanischer Führung. Gleichzeitig zeigt die strategische Annäherung zwischen den USA und Indien, dass Washington seine Allianzen neu ausrichtet, um China einzudämmen. Europa, das weder in Riad noch in Washington am Tisch sitzt, riskiert, zum Zuschauer globaler Machtpolitik zu werden.
Die bestehenden internationalen Institutionen, die Europa Sicherheit und Einfluss garantieren sollten, haben ihre Wirksamkeit verloren. Die NATO, einst ein Bollwerk gegen die Sowjetunion, dient heute primär amerikanischen Interessen. Sie hat als Sicherheitsgarant für Europa versagt, da ihre Strategie von Washington dominiert wird, das seine Prioritäten zunehmend im Indopazifik sieht. Die Gespräche in Riad zeigen, dass die USA bereit sind, bilaterale Deals mit Russland zu schließen, ohne ihre europäischen Verbündeten einzubeziehen. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, dass Europa seine eigene Verteidigungsfähigkeit aufbaut. Die Vereinten Nationen wiederum sind in einer multipolaren Welt politisch und faktisch wirkungslos. Ihre Struktur, geprägt von den Machtverhältnissen des Jahres 1945, kann weder Großmachtkonflikte lösen noch globale Krisen eindämmen. Die UN ist kein Instrument zur Friedenssicherung, sondern ein Forum für symbolische Gesten, das von den Vetomächten blockiert wird.
Die Welt bewegt sich auf eine multipolare Ordnung zu, in der mehrere Großmächte um Einfluss ringen. Die USA bleiben die dominierende westliche Macht, handeln jedoch strikt interessengeleitet. Ihre Gespräche mit Russland in Riad und die verstärkte Partnerschaft mit Indien zeigen, dass Washington seine Prioritäten neu setzt: die Eindämmung Chinas steht über allem. China selbst expandiert wirtschaftlich und geopolitisch, von der Belt-and-Road-Initiative bis zur Marinepräsenz im Indopazifik. Russland, trotz wirtschaftlicher Schwächen, bleibt ein militärischer Akteur, der als strategischer Partner Chinas agiert. Indien erweist sich als zentrale Ausgleichsmacht, die zwischen westlicher und östlicher Dominanz balanciert, wie die jüngsten Verhandlungen mit den USA und die Teilnahme am IMEC-Projekt zeigen.
Europa steht in dieser Konstellation vor einer existenziellen Herausforderung. Ohne politische und militärische Einigung wird es zwischen den Großmächten zerrieben. Ein fragmentiertes Europa, das auf die USA angewiesen bleibt, wird weder seine Interessen verteidigen noch globale Krisen gestalten können. Die Pariser Beratungen nach den Riad-Gesprächen zeigen, dass Europa ohne US-Unterstützung keine einheitliche Sicherheitsstrategie für die Ukraine formulieren kann. Gleichzeitig bleibt die NATO, wie die britischen und französischen Vorschläge für Truppen in der Ukraine zeigen, von amerikanischer Führung abhängig.
Die Abhängigkeit von den USA ist Europas Achillesferse. Die Diskussionen in Paris über eine europäische Truppenpräsenz in der Ukraine offenbaren die operativen Schwächen: Ohne US-Unterstützung fehlen Europa die Luftverteidigungssysteme und die strategische Tiefe, um Russland effektiv abzuschrecken. Die Idee einer „Tripwire“-Truppe, wie sie in Paris diskutiert wurde, ist ein Eingeständnis der Schwäche: Kleine Einheiten mögen symbolisch wirken, aber sie sind militärisch irrelevant, wenn sie nicht von einer glaubwürdigen Großmacht unterstützt werden. Die einzige Lösung für Europas prekäre Lage ist die Schaffung eines europäischen Bundesstaats. Nur durch politische und militärische Einigung kann Europa seine Souveränität sichern. Deutschland, als ökonomische Führungsmacht und geographische Mitte, muss zusammen mit Frankreich, dem Träger nuklearer und militärischer Macht, die treibende Kraft sein. Italien bringt Sensibilität für den Mittelmeerraum ein, während Polen als Frontstaat gegenüber Russland Stabilität im Osten garantiert. Diese Schlüsselstaaten müssen die Grundlage für eine europäische Armee bilden, die unabhängig von der NATO operieren kann und französische Nuklearwaffen in eine europäische Abschreckungsstrategie einbindet.
Europa steht am Scheideweg. Die Geschichte lehrt uns, dass nur diejenigen bestehen, die Macht, Ordnung und strategische Selbstbeherrschung miteinander verbinden. Die Riad-Gespräche und die strategische Annäherung zwischen den USA und Indien zeigen, dass die Großmächte ihre Interessen mit kaltem Kalkül verfolgen. Europa kann sich nicht länger auf die USA verlassen, die ihre Prioritäten im Indopazifik setzen, noch auf eine NATO, die amerikanischen Interessen dient. Die Schaffung eines europäischen Bundesstaats ist keine Utopie, sondern eine geopolitische Notwendigkeit.
Die Übergangsstrategie für Deutschland, als zentrale Macht Europas, muss klar sein: Alle außenpolitischen Handlungen müssen auf die europäische Einigung ausgerichtet sein. Dies bedeutet den Ausbau bilateraler und trilateraler Militärkooperationen mit Frankreich, Polen und Italien, die Einbindung französischer Nuklearwaffen in eine europäische Sicherheitsarchitektur und massive Investitionen in Verteidigungsfähigkeit, von Luftabwehr bis Cybersicherheit. Die Stärkung der deutsch-französisch-polnischen Achse, die Integration Italiens in eine Mittelmeerpolitik und die Intensivierung der Partnerschaft mit Indien als Ausgleichsmacht sind entscheidende Schritte.
Indien spielt in dieser Vision eine zentrale Rolle. Als Partner in einer multipolaren Ordnung kann Indien Europa helfen, die Balance zwischen westlicher und östlicher Dominanz zu wahren. Die Wiederbelebung des India-Middle East-Europe Economic Corridor (IMEC) bietet eine Gelegenheit, wirtschaftliche und strategische Interessen zu verbinden, die China entgegenwirken und Europa einen Zugang zum Indopazifik sichern.
Die Geschichte zeigt, dass Großmächte entstehen, wenn sie ihre Angst in strategisches Handeln ummünzen. Europa muss diese Lektion lernen. Ein geeintes Europa, das seine militärische und politische Macht konzentriert, wird nicht nur seine Existenz sichern, sondern auch als eigenständiger Pol in einer multipolaren Welt agieren. Die Alternative ist der Verlust an Relevanz – ein Schicksal, das Europa sich nicht leisten kann.


