Warum der Kontinent zur Macht werden muss
Ein Essay über Chinas autoritäres Dilemma, die Schwäche der NATO und Europas letzte strategische Chance
Am Beginn jeder neuen Epoche steht eine Illusion, die zerbricht. Im 19. Jahrhundert war es der Glaube an das ewige Gleichgewicht der europäischen Großmächte, das 1914 in den Schützengräben zerschellte. Im 20. Jahrhundert glaubte man an die finale Ordnung der Nachkriegsinstitutionen – bis der Kalte Krieg das System in zwei Blöcke zerschnitt. Heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, bricht eine neue Illusion in sich zusammen: die Hoffnung, dass wirtschaftliche Verflechtung automatisch Frieden schafft.
Der globale Moment ist gekommen, in dem sich Macht erneut vom Markt emanzipiert, Ordnung nicht aus Werten, sondern aus Stärke erwächst und Realismus wieder das Denken der strategischen Eliten bestimmt. Die Welt driftet in eine neue Bipolarität – oder gar Tripolarität – in der sich China, die USA und ein noch unvollendetes Europa gegenüberstehen. Wer bestehen will, muss handeln. Wer zögert, wird gestaltet.
I. Chinas autoritäres Dilemma: Kontrolle statt Reform
Das dritte Plenum der Kommunistischen Partei Chinas im Jahr 2024 offenbarte keine Aufbruchsstimmung, sondern die Sackgasse eines Systems, das politische Kontrolle über wirtschaftliche Vernunft stellt. Xi Jinpings Machtmonopol hat einen Preis: Die Innovationskraft lahmt, das Vertrauen ausländischer Investoren schwindet, die Binnenwirtschaft stagniert.
Statt marktwirtschaftlicher Liberalisierung setzt Peking auf dirigistische Repression. Industriepolitik ersetzt Unternehmertum, nationale Sicherheit ersetzt globales Vertrauen. Diese Entwicklung ist mehr als ökonomische Dysfunktion – sie ist strategische Ankündigung. Denn ein innerlich erstarrtes Regime wird sich nach außen nicht öffnen, sondern abschotten und projizieren. Schon heute lässt sich beobachten, wie China – außenpolitisch aggressiver, innenpolitisch autoritärer, wirtschaftlich riskanter – auf Druck mit Macht reagiert.
Europa darf daraus keine falschen Schlüsse ziehen. Die Zeit der wohlkalkulierten Partnerschaft ist vorbei. Ein stagnierendes China ist nicht ungefährlicher als ein aufstrebendes – sondern unberechenbarer. Ein autoritärer Staat im wirtschaftlichen Rückstand wird eher zur außenpolitischen Eskalation neigen, um seine innere Legitimität zu behaupten. Die Geschichte kennt dieses Muster: Vom Deutschen Kaiserreich bis zur Sowjetunion – Systeme, die Reformen durch Repression ersetzten, endeten stets im Konflikt mit ihrer Umwelt.
Für Europa ergibt sich daraus ein strategischer Imperativ: die systematische Entkopplung kritischer Abhängigkeiten – insbesondere in Technologie, Infrastruktur und Rohstoffen. Doch das allein reicht nicht. Was fehlt, ist die politische Konsequenz: Nur ein geeinter europäischer Bundesstaat kann die Souveränität sichern, die in einer Epoche des Blockdenkens überlebensnotwendig wird. Zwischen einem ideologisch verhärteten China und einem potenziell isolationistischen Amerika kann Europa nur bestehen, wenn es selbst zur Macht wird.
II. Die NATO im Nebel: Allianz ohne Richtung
Während sich China abschottet, demonstrierte der Westen zum 75. Geburtstag der NATO eine Einheit, die mehr zeremoniell als strategisch war. Hinter dem Pathos von Washington verbirgt sich eine Allianz in der Sinnkrise. Die NATO, geboren aus dem Geist des Kalten Krieges, wirkt heute wie ein Fossil in einer multipolaren Welt: groß, träge und zunehmend orientierungslos.
Das Scheitern der ukrainischen Gegenoffensive, das Ausbleiben verbindlicher Sicherheitsgarantien für Kiew und die symbolische Kleinteiligkeit westlicher Unterstützung sind Symptome einer strategischen Krankheit. Die NATO weiß nicht, was sie will – und noch weniger, wofür sie bereit ist zu kämpfen. Ihre Mitglieder verfolgen divergierende Interessen: Die USA fokussieren den Indopazifik, Frankreich betont nationale Autonomie, Deutschland zögert aus innenpolitischer Trägheit.
Das Ergebnis: Eine Allianz ohne Führung, ohne Entscheidungskraft, ohne Zukunftsplan. Besonders dramatisch ist die doppelte Abhängigkeit Europas – militärisch von amerikanischer Feuerkraft, strategisch von Washingtons geopolitischem Fokus. Sollte Donald Trump 2025 zurückkehren, könnte das transatlantische Bündnis in eine Führungskrise stürzen, die Europa ungeschützt zurücklässt – an der Peripherie der amerikanischen Prioritäten, im Schatten russischer Drohkulissen.
Auch in der China-Politik herrscht Konfusion: Während Washington Peking als systemische Bedrohung klassifiziert, blockieren europäische NATO-Staaten eine Anpassung der Strategie. Die Folge: strategischer Stillstand, geopolitische Zerreißproben und ein Europa, das sich zwischen Loyalität und Selbstaufgabe verliert.
Die nüchterne Erkenntnis lautet: Die NATO ist nicht mehr Garant europäischer Sicherheit, sondern ein politisch-militärischer Rahmen, der das europäische Defizit kaschiert – solange die USA es wollen. Doch Großmächte entstehen nicht aus Wunschdenken, sondern aus Machtkonzentration. Europa muss aufhören, auf Amerika zu warten. Es muss selbst zur Antwort werden.
III. Die Zukunft Europas: Vom Staatenbund zur Machtunion
Die strategische Konsequenz aus diesen Entwicklungen ist eindeutig: Europa muss seine sicherheitspolitische Eigenständigkeit wiedererlangen – oder es wird im globalen Kräftespiel zerrieben. Das bedeutet mehr als symbolische Integration. Es bedeutet einen Systemwechsel: vom föderalen Koordinationsmechanismus zur politischen Einheit. Ein europäischer Bundesstaat ist kein utopisches Ideal – er ist geopolitische Notwendigkeit.
Die Voraussetzungen dafür sind historisch einmalig: Deutschland als ökonomisches Zentrum, Frankreich als nukleare Macht, Polen als Frontstaat gegen russische Aggression, Italien als Brücke zum Mittelmeerraum. Diese vier Staaten müssen den strategischen Kern einer europäischen Sicherheitsarchitektur bilden – ergänzt durch nordische Resilienz und südeuropäische Stabilität.
Konkret heißt das:
Aufbau einer europäischen Armee mit gemeinsamer Kommandostruktur
Europäisierung der französischen Nuklearwaffen als glaubwürdige Abschreckung
Koordination militärischer Mobilität, Luftverteidigung und Cybersicherheit
Politische Einigung auf außenpolitische Handlungsfähigkeit durch Mehrheitsentscheidungen
Ziel ist nicht die Schwächung der NATO, sondern die Stärkung Europas innerhalb und jenseits der Allianz. Nur wer selbst verteidigungsfähig ist, kann Partner auf Augenhöhe sein. Nur wer strategisch denkt, wird nicht strategisch benutzt.
IV. Deutschlands Rolle: Von der Mittelmacht zur Führungsmacht
Die Übergangsstrategie muss in Berlin beginnen. Deutschland darf nicht länger moderieren, es muss führen. Die außenpolitische Maxime muss lauten: Jeder Schritt, jede Initiative, jede Ressource dient dem Ziel europäischer Einigung. Das bedeutet:
Vertiefung der militärischen Kooperation mit Frankreich, Polen und Italien
Politische Einbettung der französischen Nuklearstrategie in ein europäisches Abschreckungskonzept
Aufbau europäischer Kommandozentralen auf Basis von PESCO
Massive Investitionen in strategische Kapazitäten: Mobilität, Luftabwehr, digitale Souveränität
Strategische Partnerschaft mit Indien zur Stützung der multipolaren Ordnung
Diese Schritte sind keine technischen Details, sondern Machtentscheidungen. Wer sie scheut, bleibt Objekt fremder Interessen. Wer sie geht, kann Europa zur eigenständigen Großmacht zwischen den Imperien machen – zwischen dem amerikanischen Schutzversprechen und der chinesischen Herausforderung.
Schluss: Ordnung durch Macht – oder Ohnmacht durch Fragmentierung
Die Welt der kommenden Jahrzehnte wird nicht durch Werte, sondern durch Kräfte geordnet. In dieser Welt überlebt nicht, wer Recht hat – sondern wer Stärke, Ordnung und Selbstbeherrschung miteinander zu verbinden weiß. Ein geeintes Europa könnte ein solcher Machtpol sein. Doch es ist ein Rennen gegen die Zeit.
China verhärtet sich, Amerika könnte sich entziehen, Russland bleibt gefährlich. Zwischen diesen tektonischen Platten hat Europa nur eine Wahl: Werden oder verschwinden. Es ist die Entscheidung zwischen Geschichte machen – oder Geschichte erleiden.


