Warum Europa eine neue Ordnung braucht
Ein Essay über strategische Selbstbeherrschung in der Ära der Gegensymmetrien
Im Jahr 1954 schrieb George F. Kennan, die Außenpolitik sei „die Kunst, mit einem Minimum an Enttäuschung das Notwendige zu erreichen“. Diese Definition hat heute wieder schneidende Aktualität. Denn wir leben in einer Welt, die sich von der Illusion westlicher Ordnung hin zur Realität multipolarer Unsicherheit bewegt. Der Rückzug Amerikas aus der Rolle des allumfassenden Ordnungsfaktors, die tektonische Verschiebung asiatischer Machtachsen und das strategische Vakuum Europas bilden die Folie einer neuen Epoche – einer Epoche, in der nur derjenige Bestand hat, der Macht, Ordnung und strategische Selbstbeherrschung miteinander zu verbinden weiß.
Diese Welt ist nicht moralisch, sie ist strukturell. Staaten agieren nicht aus Überzeugung, sondern aus Notwendigkeit. Wer heute außenpolitisch handelt, muss nicht die Werte, sondern die Kräfte kennen, die den Gang der Geschichte bestimmen. Und diese Kräfte – Angst, Ehrgeiz, Selbsterhaltung – sind so alt wie die Politik selbst.
I. Kuba und Gaza: Spiegel der neuen Weltordnung
Zwei Ereignisse, scheinbar disparat, aber in ihrer strategischen Tiefe miteinander verbunden, zeigen die Konturen dieser neuen Welt: der russische Flottenbesuch in Kuba und der nicht endende Krieg im Gazastreifen. Beide sind Symptome desselben geopolitischen Syndroms – dem Zerfall der klassischen Ordnung bei gleichzeitiger Rückkehr zur Logik der Macht.
Kuba: Rückkehr der Gegensymmetrie
Als russische Kriegsschiffe – darunter die mit Zirkon-Hyperschallraketen bewaffnete „Admiral Gorshkov“ und das nuklearfähige U-Boot „Kazan“ – vor der Küste Kubas einliefen, war das kein nostalgischer Rückgriff auf die Kubakrise von 1962. Es war ein Akt strategischer Gegensymmetrie. Moskau antwortete nicht irrational, sondern mit der Logik einer Großmacht, die sich an die Regeln des globalen Spiels erinnert: Abschreckung funktioniert nur, wenn sie bilateral ist.
Die Entsendung eines hochmodernen Flottenverbands in das geopolitische Vorfeld der USA ist eine Reaktion auf zwei wesentliche Provokationen Washingtons: die Stationierung eines US-Atom-U-Boots in Guantánamo sowie die explizite Genehmigung zum Einsatz amerikanischer Langstreckenwaffen durch die Ukraine gegen russisches Territorium. Russlands Botschaft ist klar: Wer Moskau bedroht, wird selbst verwundbar.
Die Botschaft an Europa lautet: Die globale Sicherheitsarchitektur steht an einem Kipppunkt. Die Illusion, das Abschreckungspotenzial ließe sich exklusiv im Westen verorten, ist dahin. Es ist eine neue Phase der strategischen Dezentralisierung angebrochen – mit regionalen Präsenzdemonstrationen als Instrument globaler Gleichgewichtsbildung.
Gaza: Das Ende klassischer Machtprojektion
Im Gazastreifen manifestiert sich das andere Gesicht dieser neuen Epoche: das Scheitern westlicher Ordnungsvorstellungen angesichts nichtstaatlicher Kriegsakteure. Gaza ist kein Territorium mehr, sondern ein strategischer Raum postkonventioneller Kriegsführung – asymmetrisch, tief verwurzelt, immun gegen klassische Strategien der Machtausübung.
Hamas operiert nicht als Armee, sondern als soziale Matrix. Ihre Resilienz entsteht nicht aus Waffenarsenalen, sondern aus gesellschaftlicher Einbettung. Israel mag Führer töten und Tunnel zerstören – doch es schafft kein politisches Vakuum, sondern einen Resonanzraum für radikalere, jüngere Kräfte. Jeder Angriff wird zur Saat für neue Gewalt.
Auch der Westen bleibt ohnmächtig. Die US-Initiative zum Waffenstillstand ist kein diplomatischer Durchbruch, sondern ein Versuch, verlorene Autorität zu inszenieren. Sie offenbart, wie wenig Kontrolle selbst die letzte Supermacht über die Eskalationsspiralen besitzt, die sie mitgestaltet hat. In Gaza wie in Kuba zeigt sich: Wer Ordnung verspricht, aber keine strategische Tiefe besitzt, verliert erst Einfluss – und dann Bedeutung.
II. Die Rückkehr der Geopolitik: Ein europäisches Dilemma
Beide Krisen – die russische in der Karibik und die israelisch-palästinensische im Nahen Osten – zeigen die strukturelle Leerstelle Europas. Während andere Akteure Macht demonstrieren, verharrt Europa in strategischer Lähmung. Die Ursachen sind bekannt: sicherheitspolitische Fragmentierung, technokratische Außenpolitik und das mentale Erbe eines postheroischen Zeitalters.
Die NATO als gescheiterte Schutzmacht
Die NATO, lange Zeit Garant europäischer Sicherheit, ist heute mehr eine Projektion amerikanischer Interessen als ein kollektives Verteidigungsbündnis. Die strategische Asymmetrie innerhalb des Bündnisses hat Europa in eine sicherheitspolitische Unmündigkeit geführt, die in der multipolaren Welt zur Hypothek wird.
Die UN als Symbol geopolitischer Ohnmacht
Gleichzeitig hat sich die UN als unfähig erwiesen, in einer Welt der Großmächte Frieden zu stiften. Die Blockadepolitik im Sicherheitsrat, die Instrumentalisierung humanitärer Rhetorik und die faktische Ohnmacht gegenüber realer Machtpolitik entlarven die Organisation als moralische Simulation.
III. Europas Notwendigkeit: Ein neuer Machtpol
Die Lehre ist eindeutig: Europa muss zu einem eigenständigen Machtpol werden – nicht aus idealistischen Träumen, sondern aus geostrategischer Notwendigkeit. Ein fragmentierter Kontinent ist in der kommenden Epoche nicht überlebensfähig.
Der europäische Bundesstaat als strategisches Ziel
Was Europa fehlt, ist nicht nur eine Armee, sondern eine strategische Identität. Nur ein europäischer Bundesstaat – mit klarer Entscheidungsstruktur, militärischer Handlungsfähigkeit und außenpolitischer Kohärenz – kann das Vakuum füllen, das Amerika hinterlässt und das China zu nutzen versteht.
Die Grundpfeiler:
Politische Union statt bloßer Koordination
Militärische Eigenständigkeit mit Einbindung französischer Nuklearkapazitäten
Führungsachse Berlin–Paris–Warschau–Rom als strategisches Rückgrat
Indien als Partner eines multipolaren Gleichgewichts
Aufbau einer europäischen Armee
Eine solche Armee müsste mehr sein als ein Symbol: Sie müsste abschrecken, verteidigen und projizieren können. Ihre Existenz allein würde Europas Stimme im Konzert der Mächte hörbar machen. Frankreichs Atomwaffen wären dabei nicht französisch, sondern europäisch – die Garantie einer gemeinsamen Abschreckung.
IV. Deutschlands Rolle: Vom Moderator zum Gestalter
Deutschland muss seine außenpolitische Rolle neu definieren. Es genügt nicht mehr, zu moderieren. Berlin muss gestalten – und zwar im Sinne eines strategischen Endziels: der europäischen Machtbildung.
Die Übergangsstrategie:
Vertiefung bilateraler und trilateraler Militärkooperationen
Europäisierung der nuklearen Abschreckung
Investitionen in Luftabwehr, Cybersicherheit und Mobilität
Aufbau europäischer Kommandozentralen
Integration Italiens in eine Südstrategie
Ausbau der strategischen Partnerschaft mit Indien
Deutschland darf nicht länger auf die USA als strategisches Rückgrat bauen. Die Kooperation mit Washington bleibt wichtig – aber sie muss auf Augenhöhe erfolgen. Nur ein souveränes Europa kann ein glaubwürdiger Partner sein.
Schlussfolgerung: Macht oder Marginalisierung
Die Welt des 21. Jahrhunderts ist nicht post-geopolitisch – sie ist post-westlich. Die Spielregeln werden nicht in Brüssel, sondern in Peking, Neu-Delhi, Ankara und Washington neu geschrieben. Wer sich auf Werte beruft, aber keine Macht besitzt, wird zur Randfigur.
Für Europa lautet die strategische Wahrheit: Wer nicht eigenständig handelt, wird mitentschieden. Wer keine Armee hat, wird verteidigt – oder aufgegeben. Wer keine Ordnung schafft, wird Teil der Unordnung.
Russlands Schiffe vor Kuba und die Bomben in Gaza sind Mahnungen einer neuen Zeit. Sie fordern Europa heraus – nicht nur politisch, sondern existenziell.
Der Weg nach vorn ist unbequem, aber klar: politische Einheit, militärische Selbstbehauptung, strategische Selbstbeherrschung.
Denn in der kommenden Epoche gilt: Nur wer Ordnung schafft, wird nicht von der Geschichte geordnet.


