Warum Europa lernen muss, Macht zu denken
Ein Essay über strategische Handlungsfähigkeit in der neuen Weltunordnung
Im Jahre 1648 endete der Dreißigjährige Krieg mit den Verträgen von Münster und Osnabrück. Nicht nur ein europäischer Religionskrieg fand seinen Abschluss, sondern eine neue Ordnung wurde geboren: das System souveräner Nationalstaaten, gegründet auf dem Prinzip der Nichteinmischung, abgestützt durch Machtbalancen. Es war der Beginn einer Epoche, in der Frieden nicht durch moralische Appelle, sondern durch Abschreckung, Interessen und Gleichgewicht gesichert wurde. Heute – fast vier Jahrhunderte später – scheint sich ein neues Zeitalter zu formieren, in dem diese Grundlogik zurückkehrt, diesmal jedoch mit anderen Mitteln: Drohnen statt Musketen, Sanktionen statt Kanonenboote, Cyberattacken statt Kavallerie.
Der doppelte Paukenschlag dieses geopolitischen Augenblicks – die gezielte Tötung des Hamas-Führers Haniyeh in Teheran und das scheinbare „Wachstum“ der nordkoreanischen Kriegswirtschaft – offenbart die tektonischen Kräfte einer Welt, die sich rasant von den Prinzipien der liberalen Weltordnung entfernt. Moral wird durch Schlagkraft ersetzt, Normen durch operative Fähigkeiten. Und Europa? Europa steht abseits – als Beobachter, nicht als Gestalter.
Doch Geschichte kennt keine Schonzeit für Zauderer.
I. Teheran: Die Rückkehr des Exekutivschlags
Die gezielte Ausschaltung Ismail Haniyehs, eines der führenden Köpfe der Hamas, tief im Zentrum der iranischen Hauptstadt, markiert mehr als nur einen operativen Erfolg der israelischen Geheimdienste. Es ist ein strategischer Dammbruch – eine symbolische und reale Verletzung des iranischen Machtkerns, eine offene Infragestellung seiner Abschreckungsfähigkeit, ein Schachzug auf einem neuen Brett.
Dass Israel diesen Schlag nicht im Gazastreifen, nicht im Libanon, sondern im politisch-militärischen Herzland Teherans führt – am Tag der Amtseinführung eines neuen Präsidenten –, zeigt, wie weit sich die Spielregeln internationaler Politik verschoben haben. Es herrscht kein Frieden, sondern ein asymmetrischer Vor-Krieg, in dem Präzision, Mut zur Eskalation und operative Tiefe über politische Einflusszonen entscheiden.
Europa – traditionsgemäß Beschwörer normativer Ordnungsmodelle – steht dabei wie ein historisches Relikt auf der Galerie der Weltpolitik. Keine Reaktion, keine Strategie, keine Position. Der alte Kontinent, einst Zentrum globaler Machtprojektion, wirkt zunehmend wie ein machtloser Kommentator in einem Spiel, dessen Regeln er nicht mehr versteht, geschweige denn mitgestaltet.
Doch die Lehre aus Teheran ist klar: Souveränität entsteht nicht durch diplomatische Konferenzen, sondern durch die Fähigkeit zur Durchsetzung. Wer nicht selbst Handeln kann, wird Objekt fremder Handlung.
II. Pjöngjang: Das fossile Modell der strategischen Paranoia
Während Israel seine Gegner in deren Rückzugsräumen trifft, versucht Nordkorea, durch Waffenexporte nach Russland wieder auf der geopolitischen Bühne zu erscheinen. Mit einem gemeldeten BIP-Wachstum von 3,1 % in 2023 feiert sich das Regime – doch die Substanz dahinter ist so hohl wie das Dogma, das sie trägt.
Nordkorea ist keine ökonomische Entität im herkömmlichen Sinne, sondern ein militärisch-ideologisches System, das wirtschaftliche Potenziale konsequent seiner nuklearen Selbstbehauptung opfert. Es lebt nicht mit Isolation, sondern durchIsolation. Was einst als Revolution begann, ist längst fossilisiert: ein Bollwerk strategischer Paranoia, das Überleben mit Abschreckung verwechselt, Modernisierung mit Bedrohung, Autarkie mit Kontrolle.
Das Regime von Kim Jong Un verkauft heute Munition gegen Lebensmittel. Es tauscht Granaten gegen politischen Aufschub. Es ist kein Modell geopolitischer Widerstandskraft – sondern eine düstere Karikatur dessen, was geschieht, wenn Macht nicht mehr durch Ordnung, sondern nur durch Zwang definiert wird.
Für Europa liegt darin eine Warnung: Staaten, die auf nukleare Zwangsinstrumente statt wirtschaftliche Integration setzen, sind keine Partner, sondern Störfaktoren. Die Strategie gegenüber solchen Regimen darf nicht in wohlmeinender Öffnung bestehen, sondern in gezielter geopolitischer Eindämmung, technologischer Blockade und Aufbau robuster Gegenstrukturen.
III. Europas strategisches Vakuum
Beide Szenarien – Teheran und Pjöngjang – sind Symptome derselben geopolitischen Krankheit: der Rückkehr zu einer Welt, in der Macht nicht durch Normen kontrolliert, sondern durch operative Fähigkeiten entfesselt wird. In dieser Welt zählt nicht, wer Recht hat, sondern wer handeln kann. Und genau hier offenbart sich die fundamentale Schwäche Europas.
Europa ist heute eine geopolitische Zone ohne Zange, ein strategischer Raum ohne Kralle. Seine Institutionen – von der EU bis zur NATO – sind entweder normativ entkernt oder fremdbestimmt. Die NATO dient primär amerikanischen Interessen; die UN ist machtlos gegenüber Großmachtpolitik. Die europäische Verteidigungsfähigkeit bleibt fragmentiert, während andere längst operativ agieren.
Doch ohne politische Einheit bleibt Europa eine Rechenaufgabe, keine Macht. Fragmentierung ist strategische Schwäche. Deshalb ist die Schaffung eines europäischen Bundesstaates mit eigener Armee kein Idealismus, sondern eine Überlebensstrategie. Nur eine europäische Großmacht – vereint, nuklear abgesichert, operativ einsatzfähig – kann in einer multipolaren Welt als selbstständiger Akteur agieren.
IV. Der Weg zur Ordnungsmacht
Europa muss aus dem Status des diplomatischen Mahners ausbrechen – und eine Ordnungsmacht werden. Das bedeutet:
Militärische Integration: Aufbau einer europäischen Armee mit zentralem Kommando, gemeinsamer Rüstungsplanung, strategischer Mobilität – getragen von einer deutsch-französisch-polnischen Führungsachse.
Nukleare Abschreckung: Einbindung der französischen Atomwaffen in eine europäische Sicherheitsarchitektur – als Grundlage autonomer strategischer Handlungsfähigkeit.
Indische Partnerschaft: Ausbau der strategischen Allianz mit Indien als Gegengewicht zur sino-amerikanischen Bipolarität – für die Sicherung einer multipolaren Ordnung.
Übergangsstrategie: Deutschland muss außenpolitisch handeln, als gäbe es Europa bereits – mit klarer Priorität auf europäische Einigung, militärische Kooperation, technologische Souveränität.
Schluss: Die neue Weltordnung braucht europäische Macht
Wir leben nicht mehr in der Welt von 1990. Die liberale Illusion einer wertebasierten Weltordnung stirbt in Teheran, erfriert in Nordkorea, erodiert in den Leerstelen europäischer Außenpolitik. Die neue Ordnung ist nicht postnational, sondern prä-imperial: Sie wird von Zivilisationsräumen definiert, von strategischer Tiefe, von Entschlossenheit zur Macht.
Wer bestehen will, muss mehr sein als wohlmeinender Kommentator. Er muss Ordnung denken – und Macht ausüben. Europa steht vor einer historischen Weggabelung: Entweder es wird selbst zur gestaltenden Großmacht. Oder es wird zur Arena fremder Konflikte, zum Objekt globaler Eskalationen, zur Geisel seiner eigenen Ohnmacht.
Die Welt wartet nicht auf Europa. Sie testet es.


