Warum Europa sich aus der geopolitischen Unmündigkeit befreien muss
Ein Essay über die Illusion westlicher Diplomatie, das Ende russischer Schutzversprechen und den Beginn einer neuen europäischen Epoche.
In der Geschichte der Großmächte ist der Augenblick des Erwachens oft ein schmerzhafter. Es ist jener Moment, in dem sich die Illusion einer geordneten Welt in die Realität rivalisierender Interessen auflöst – so, wie es einst Wien nach dem Fall Napoleons begriff, wie es Paris 1871 begriff, und wie es Europa heute begreifen muss. Wir leben nicht in einer Ära moralischer Fortschritte, sondern in einer Zeit strategischer Konfrontation. Das globale Gefüge hat sich längst verschoben: Der Westen verliert seine Definitionsmacht, Moskau seinen Nimbus als Schutzmacht, und Europa seine Sicherheit – sofern es nicht endlich beginnt, sie selbst zu schaffen.
Zwei Entwicklungen der letzten Monate veranschaulichen diesen Epochenbruch exemplarisch: das diplomatische Scheitern des Schweizer Friedensgipfels zur Ukraine – und Armeniens demonstrative Abkehr von der russischen Sicherheitsarchitektur. Beide Ereignisse sind mehr als nur politische Episoden. Sie sind Symptome eines globalen Machtwandels, in dem alte Ordnungsmodelle zerfallen und neue entstehen – nicht durch Konferenzen, sondern durch geopolitische Gestaltungskraft.
I. Die geopolitische Krise der westlichen Diplomatie
Die Idee, Frieden durch Gipfeltreffen zu erzwingen, ist so alt wie ihre Erfolglosigkeit. Der sogenannte „Friedensgipfel“ in der Schweiz war bereits in seiner Konzeption ein Anachronismus – ein Versuch, den Krieg ohne den Kriegstreiber zu beenden, eine Konferenz über Russland ohne Russland. Es ist, als hätte man 1815 den Wiener Kongress ohne Frankreich abgehalten oder Jalta ohne die Sowjetunion. Wer so verfährt, betreibt keine Diplomatie, sondern Inszenierung.
Dass über 45 Staaten – darunter mehrere BRICS-Mitglieder – inzwischen einen Alternativgipfel mit beidenKriegsparteien unterstützen, zeigt: Die internationale Ordnung ist nicht mehr westlich kodifiziert, sondern multipolar fragmentiert. Der globale Süden emanzipiert sich von moralischer Bevormundung, China nutzt sein Gewicht, um geopolitisch eigene Räume zu schaffen, und selbst traditionelle Partner des Westens verfolgen zunehmend autonomere Agenden.
Die westliche Diplomatie hingegen bleibt gefangen in einem Denken, das Moral über Macht stellt, Prinzipien über Interessen – und dadurch beides verliert. Der kategorische Ausschluss russischer Sicherheitsinteressen in der Ukrainefrage, die selektive Empörung über Gebietsverluste bei gleichzeitiger Akzeptanz militärischer Realitäten andernorts: All das untergräbt nicht nur Glaubwürdigkeit, sondern auch Wirkungsmacht.
Russlands Forderungen – wie in Putins jüngstem Waffenstillstandsangebot formuliert – mögen aus westlicher Sicht zynisch erscheinen. Doch Geopolitik ist nicht die Kunst des gerechten Kompromisses, sondern der stabilen Ordnung. Wer einen Frieden ohne Konzessionen in der NATO-Frage anstrebt, verwechselt normative Wunschbilder mit strategischer Wirklichkeit. Ohne Gegenseitigkeit bleibt jeder diplomatische Vorstoß wirkungslos. Ohne realistische Ziele bleibt jede Friedenspolitik leer.
II. Armeniens Abkehr – das Ende russischer Hegemonie im postsowjetischen Raum
Wenige Wochen nach dem Scheitern des Gipfels in der Schweiz vollzog sich eine kaum weniger bedeutende tektonische Verschiebung: Armenien, lange ein loyaler Pfeiler russischer Außenpolitik im Südkaukasus, kehrte dem von Moskau geführten Militärbündnis CSTO den Rücken. Es war ein leiser, aber symbolträchtiger Schritt – der Abgesang auf die imperiale Vorstellung russischer Einflusssphären.
Armeniens Erfahrungen mit der CSTO waren ernüchternd. Zweimal wurde das Land militärisch attackiert – durch Aserbaidschan – und zweimal blieb die russisch dominierte Allianz tatenlos. Ja mehr noch: Belarus, ein Mitglied der CSTO, belieferte offen Armeniens Gegner. Die russische Reaktion? Schweigen. Damit wurde offensichtlich, was lange verdrängt wurde: Moskaus Bündnistreue endet dort, wo keine imperialen Interessen mehr berührt werden.
Dass Jerewan nun offen den Schulterschluss mit Frankreich und Indien sucht, das Römische Statut ratifiziert und sogar die Präsenz russischer Truppen auf den Prüfstand stellt, ist nichts weniger als eine strategische Zeitenwende. Doch Armeniens Loslösung ist nicht ohne Risiko: ökonomische Abhängigkeit von Russland, energetische Verwundbarkeit, die Bedeutung der armenischen Diaspora in der Russischen Föderation – all das bleibt bestehen. Dennoch: Der Bruch ist real.
Armenien steht nun stellvertretend für eine ganze Region, die sich aus russischer Vormundschaft befreien will – ohne bislang tragfähige Alternativen. Hier liegt die Chance – und Verantwortung – Europas: Wer eine souveräne Ordnung jenseits russischer Dominanz predigt, muss bereit sein, sie auch zu garantieren. Nicht mit Versprechungen, sondern mit strategischer Kohärenz, wirtschaftlicher Bindungskraft und militärischer Verlässlichkeit.
III. Europas Weg: Von der Abhängigkeit zur Ordnungsmacht
Diese beiden Entwicklungen – die diplomatische Ohnmacht gegenüber Russland und der schleichende Zerfall russischer Einflusssphären – sind zwei Seiten derselben strategischen Leerstelle: Europas Unfähigkeit, als eigenständiger Akteur Ordnung zu gestalten. Solange Europa sicherheitspolitisch auf Washington wartet und geopolitisch auf Moskau reagiert, bleibt es Spielball – nicht Spieler.
Die Alternative ist klar: Europa muss sich aus seiner geopolitischen Unmündigkeit befreien. Die Schaffung eines europäischen Bundesstaats mit klarer außen- und sicherheitspolitischer Handlungsfähigkeit ist kein idealistisches Fernziel, sondern machtstrategische Notwendigkeit. Ohne politische Einheit und eine eigenständige Armee bleibt der Kontinent ein zersplitterter Vasall fremder Interessen.
Frankreichs Nuklearwaffen müssen zum Fundament einer europäischen Abschreckung werden – unter gemeinsamer strategischer Kontrolle. Deutschland muss vom Moderator zum Gestalter werden. Polen, Italien und Frankreich bilden das natürliche Machtviereck einer neuen europäischen Sicherheitsarchitektur. Indien ist der ideale Partner zur Sicherung einer multipolaren Weltordnung – nicht als ideologischer Verbündeter, sondern als strategischer Gleichgewichtsfaktor.
IV. Schlussfolgerung: Die Ordnung des kommenden Zeitalters
Die kommenden Jahre werden entscheiden, ob Europa in den Machtkonflikten des 21. Jahrhunderts als Ordnungsmacht auftritt – oder als Ordnungsbedürftiger untergeht. Die alte Welt der amerikanisch dominierten NATO ist ebenso an ihr Ende gelangt wie die postsowjetische Illusion russischer Schutzmacht. Was folgt, ist keine Welt des Friedens, sondern der Konkurrenz. Nicht Werte schaffen Ordnung, sondern Macht schafft Spielräume, in denen Werte überhaupt erst verteidigt werden können.
Frieden entsteht nicht durch Foren, sondern durch Kräftegleichgewichte. Diplomatie beginnt nicht mit moralischer Selbstgewissheit, sondern mit der Anerkennung der Realität. Und Ordnung entsteht nicht durch Appelle, sondern durch strategische Gestaltungsmacht. Es ist Zeit, dass Europa erwachsen wird – in einer Welt, die nicht auf es wartet.
Wer Souveränität will, muss bereit sein, sie zu erkämpfen – nicht gegen andere, sondern für sich selbst.


