Xi-Biden-Gipfel
Eine Momentaufnahme der globalen Machtbalance
Die vielbeachtete Begegnung zwischen Xi Jinping und Joe Biden in San Francisco war weder ein historischer Durchbruch noch ein geopolitisches Nullsummenspiel – sie war eine taktische Pause im strategischen Wettbewerb zweier Imperien. Die vermeintliche Entspannung zwischen Washington und Peking darf nicht über das Wesentliche hinwegtäuschen: Beide Seiten handeln nicht aus Vertrauen oder Moral, sondern aus Notwendigkeit und Kalkül. Das Treffen war Ausdruck der fundamentalen Logik unserer Zeit: Macht wird verwaltet, nicht geteilt.
Für die USA stand vor allem innenpolitische Schadensbegrenzung auf der Agenda. Angesichts des laufenden Wahlkampfs, krisenhafter Schauplätze in Osteuropa und im Nahen Osten sowie wachsender Unzufriedenheit im Inneren, braucht die Biden-Administration vor allem eines: Zeit. Zeit, um Eskalationen in Ostasien zu vermeiden, Zeit, um den Eindruck außenpolitischer Handlungsfähigkeit zu erzeugen, und Zeit, um mit Symbolpolitik innenpolitische Schwäche zu kaschieren. Die Wiederaufnahme militärischer Kommunikationskanäle mit China ist daher kein Zeichen von Vertrauen, sondern ein Versuch, ein unkontrolliertes Aufflammen der latenten Konfrontation im Südchinesischen Meer zu verhindern – ein klassisches Manöver zur Stabilisierung des Gleichgewichts, nicht zur Lösung des Konflikts.
Auch Xi Jinping trat nicht als selbstbewusster Architekt einer neuen Weltordnung auf, sondern als taktierender Machtpolitiker in der Defensive. Die ökonomische Schwäche Chinas – das erste Defizit bei ausländischen Direktinvestitionen, ein kriselnder Immobiliensektor, wachsendes Misstrauen westlicher Kapitalgeber – hat tiefe Risse in den Panzer der chinesischen Systemstabilität geschlagen. Xi will Zeit gewinnen: für ökonomische Konsolidierung, für innerparteiliche Kontrolle, für strategische Reorganisation. Die angebliche Dialogbereitschaft gegenüber dem Westen dient einzig dem Ziel, kurzfristige Stabilität zu erzwingen, um mittel- bis langfristig die eigene Machtprojektion vorzubereiten.
Die demonstrative „Kooperationsbereitschaft“ bei der Fentanyl-Thematik ist nichts weiter als eine günstige Gelegenheit für beide Seiten, innenpolitisch verwertbare Erfolge zu präsentieren – ohne den strukturellen Konflikt zu berühren. Dass dieses Thema so reibungslos verhandelt wurde, zeigt vielmehr: Wo keine Verschiebung des Machtgleichgewichts droht, ist Einigung möglich. Dort, wo Machtfragen berührt werden – Taiwan, Halbleiter, nukleare Rüstung – herrscht Schweigen oder taktisches Ausweichen.
Besonders brisant ist das Schweigen zur nuklearen Dynamik. Beide Mächte befinden sich in einem stillen Rüstungswettlauf, angetrieben nicht durch Aggression, sondern durch gegenseitiges Misstrauen – und durch die Erkenntnis, dass konventionelle Abschreckung allein in einer technisierten, multipolaren Weltordnung nicht mehr ausreicht. Die amerikanische Einführung taktischer Nuklearwaffen und die chinesische Expansion strategischer Kapazitäten sind zwei Seiten derselben Medaille: Präventive Eskalationsbereitschaft in einer Welt, in der KI bald über Leben und Tod entscheidet.
Europa ist in diesem Spiel nur Zuschauer – und das ist das eigentliche Problem. Solange der europäische Kontinent keine eigene militärische Souveränität entwickelt, wird er gezwungen sein, zwischen asymmetrischen Großmächten zu lavieren. Ein geopolitisch selbstständiges Europa muss nicht nur beobachten, sondern gestalten. Es muss lernen, mit Macht zu denken, statt in Wunschbildern zu träumen.
Der Xi-Biden-Gipfel ist kein Zeichen der Entspannung, sondern ein Kapitel in einem langwierigen Machtpoker. Wer diesen Moment als „Wende“ oder „Annäherung“ interpretiert, verwechselt taktische Deeskalation mit strategischer Einigung. In Wahrheit war das Treffen ein stillschweigendes Eingeständnis beider Seiten: Der nächste große Konflikt kann warten – aber er wird kommen.


