Zerreißprobe in Jerusalem – Wie Israels Machtelite ihre Zukunft verspielt
Der israelische Kriegskabinett-Streit offenbart nicht nur eine Regierung in der Krise, sondern ein geopolitisches Dilemma zwischen innerem Zerfall und externer Einflussnahme.
Was sich derzeit in Jerusalem abspielt, ist kein gewöhnlicher innenpolitischer Machtkampf – es ist der sichtbare Ausdruck einer tiefgreifenden strategischen Krise. Israels politisches System befindet sich in einem Zustand permanenter Instabilität, in dem persönliche Rivalitäten, institutionelle Schwächen und außenpolitischer Druck unheilvoll miteinander kollidieren. Doch das eigentliche Problem reicht tiefer: Die israelische Staatsräson verliert an Geschlossenheit – und mit ihr die Fähigkeit, geopolitisch kohärent zu handeln.
Seit Jahren ist Premierminister Benjamin Netanjahu mehr Überlebenskünstler als Staatsmann. Um seine Macht zu sichern, hat er sich mit ultranationalistischen Kräften verbündet, das Justizsystem geschwächt und außenpolitische Spannungen zur innenpolitischen Selbstvergewisserung genutzt. Der Preis: ein fragmentiertes Regierungslager, das weder intern noch international Vertrauen genießt. Der Krieg gegen die Hamas, einst als Mittel zur Stabilisierung seiner Regierung gedacht, hat stattdessen die strukturellen Risse offengelegt.
Dass mit Benny Gantz ausgerechnet Netanjahus größter Rivale ins Kriegskabinett einzog, war weniger Ausdruck nationaler Einheit als taktischer Zwang. Die militärische Krise zwang Netanjahu zur temporären Koalition – nicht aus Einsicht, sondern aus Angst vor dem politischen Kollaps. Doch Gantz agiert nicht loyal, sondern mit dem Ziel, den Übergang zur Nach-Netanjahu-Ära einzuleiten. Seine koordinierte Kritik über Eizenkot, die demonstrative Nähe zur US-Administration, sein Ultimatum für ein Nachkriegs-Konzept – all das zeigt: Gantz will nicht stützen, sondern beerben.
Auch Verteidigungsminister Gallant nutzt das Momentum, um sich vom Premierminister zu emanzipieren. Seine Forderung nach einer palästinensischen Zivilverwaltung in Gaza nach dem Krieg mag realpolitisch sinnvoll erscheinen – sie ist zugleich ein offener Affront gegen Netanjahu. Die offenen Fraktionskämpfe innerhalb des Kriegskabinetts schwächen Israels strategische Handlungsfähigkeit. Wer nach außen im Krieg ist, aber nach innen einen Machtkampf austrägt, verliert die Fähigkeit zur geopolitischen Steuerung.
Zugleich wird deutlich: Die USA mischen mit. Nicht offen, aber gezielt. Washingtons Unmut über Netanjahus Hardliner-Kurs und seine kompromisslose Ablehnung einer Zwei-Staaten-Lösung wächst sichtbar. Dass Gantz ohne Absprache nach Washington reist, dass US-Vertreter ihn als bevorzugten Ansprechpartner behandeln – das ist keine diplomatische Fußnote, sondern Ausdruck gezielter Einflussnahme. Die amerikanische Regierung betreibt keine offene Regimepolitik, aber sie setzt bewusst Impulse zur Schwächung Netanjahus.
Aus europäischer Perspektive ist diese Entwicklung alarmierend. Israel, historisch enger Verbündeter des Westens, droht zum sicherheitspolitischen Risikofaktor zu werden – nicht allein wegen des Krieges, sondern wegen der Erosion seiner inneren Ordnung. In einer Welt, in der sich eine neue multipolare Machtarchitektur herausbildet, sind stabile Partner mit strategischer Klarheit entscheidend. Israel entfernt sich davon – ausgerechnet in einem Moment, in dem regionale Kräfteverhältnisse zwischen Iran, arabischer Welt und Palästina neu justiert werden.
Für Europa – insbesondere für einen künftigen europäischen Bundesstaat – ergibt sich daraus eine klare Lehre: Abhängigkeit von instabilen Machtzentren ist ein geopolitisches Risiko. Wer außenpolitisch mitgestalten will, darf sich nicht länger auf den Kurs Washingtons oder das Chaos Jerusalems verlassen. Es braucht eine eigenständige sicherheitspolitische Linie – gegründet auf Stabilität, strategische Selbstbeherrschung und glaubwürdige Machtprojektion.
Israels innerer Zerfall ist ein Menetekel – für all jene, die glauben, Macht könne Ordnung ersetzen. Wer in der kommenden Weltordnung bestehen will, muss beides liefern. Netanjahu tut keines von beidem. Und genau darin liegt das eigentliche Problem.


