Zwischen Öl, Ordnung und Ohnmacht: Chinas strategisches Dilemma im Nahen Osten
Ein Essay über Machtprojektion, geopolitische Leere und die Warnung an Europa
Im Ringen der Großmächte ist der Nahe Osten stets mehr gewesen als eine Ansammlung von Krisenstaaten: Er ist ein geopolitischer Prüfstein für den Ernst politischer Macht. Vom britischen Imperialismus bis zur amerikanischen Ordnungsmacht wurde hier immer wieder sichtbar, was es heißt, Verantwortung für ein System zu übernehmen – oder sie zu verlieren. Heute, da die alte Pax Americana unter innerem Druck steht und neue Mächte um Einfluss ringen, steht China vor der Entscheidung, ob es bloßer Nutznießer oder Architekt internationaler Ordnung sein will. Es ist eine Frage, die weit über die Wüsten des Nahen Ostens hinausreicht – und die auch Europa nicht unbeantwortet lassen kann.
I. Der Nahe Osten als geopolitisches Labor der Weltordnung
Seit jeher ist der Nahe Osten ein Ort der Spannungen zwischen Ölreichtum, religiöser Fragmentierung und geopolitischer Intervention. Wer hier Einfluss gewinnen will, muss bereit sein, nicht nur Interessen zu formulieren, sondern sie mit Macht zu untermauern. Die Region verzeiht keine Schwäche – sie erzwingt Entscheidungen. Hier wurde das britische Empire zermürbt, hier verlor die Sowjetunion ihre Illusionen, und hier begann der lange Rückzug der Vereinigten Staaten aus der Rolle des Weltpolizisten.
China betritt dieses Terrain als neue Macht – mit der Ambition, eine globale Führungsrolle zu beanspruchen, aber ohne das strategische Instrumentarium, das eine solche Rolle verlangt. Während die USA in ihren Bündnissystemen gefangen und politisch gespalten wirken, will Peking durch wirtschaftliche Verflechtung, diplomatische Neutralität und technologische Zusammenarbeit punkten. Doch es zeigt sich: Einfluss ohne Machtprojektion bleibt asymmetrisch – und damit begrenzt.
II. Chinas doppelte Falle: Ambiguität und Ohnmacht
Pekings Strategie im Nahen Osten basiert auf einer paradoxen Mischung: Auf der einen Seite pflegt China intensive Wirtschaftsbeziehungen zu Israel, um technologische Rückstände in KI und Cybersicherheit auszugleichen. Auf der anderen Seite umwirbt es den Iran, hofiert die arabische Straße und positioniert sich als Vertreter des Globalen Südens. Diese strategische Ambiguität soll ermöglichen, überall präsent zu sein, ohne sich festzulegen. Doch genau hier liegt das Problem.
In einer Region, in der politische Macht seit jeher über militärische Präsenz, Sicherheitsgarantien und klare Frontstellungen definiert wird, wirkt Chinas Neutralität nicht wie Stärke, sondern wie Zaudern. Die Spannungen zwischen Israel und dem Iran zwingen Peking zur Positionierung – und offenbaren seine strukturelle Schwäche. Die vielzitierte Nichteinmischungspolitik ist weniger Ausdruck konfuzianischer Weisheit als ein Hinweis auf fehlende Machtmittel.
Der Anspruch, eine neue Weltordnung mitzugestalten, verlangt mehr als wirtschaftliche Abhängigkeiten. Wer Ordnung garantieren will, muss bereit sein, Risiken zu tragen, Konflikte zu managen und Interessen notfalls mit Härte zu vertreten. China besitzt keine Militärbasen in der Region, keine verlässlichen Allianzen, keine nukleare Abschreckung vor Ort – kurz: keine sicherheitspolitische Infrastruktur, um als Ordnungsmacht zu wirken.
III. Geopolitische Leere und das kommende Vakuum
Diese Ohnmacht Chinas ist kein isoliertes Phänomen, sondern Symptom einer neuen Phase internationaler Politik. In der multipolaren Welt des 21. Jahrhunderts entsteht Macht nicht aus Werten, sondern aus der Fähigkeit, strategische Ordnung durchzusetzen. Der Westen, erschöpft und moralisch verunsichert, verliert an Gestaltungswillen. China, wirtschaftlich potent, sicherheitspolitisch schwach, bleibt ambivalent. Russland, aggressiv aber strategisch limitiert, kann nur zerstören, nicht stabilisieren.
Das Ergebnis ist ein Vakuum – nicht nur im Nahen Osten, sondern in vielen Regionen des globalen Südens. In dieser geopolitischen Leere entscheidet sich, wer in der kommenden Epoche als Gestaltungsmacht wahrgenommen wird. Und genau hier liegt Europas Herausforderung.
IV. Europas Moment – oder seine Selbstaufgabe
Europa darf sich keine Illusionen machen: Wer sich aus geopolitischer Verantwortung heraushält, wird nicht neutral, sondern irrelevant. Die Annahme, wirtschaftliche Stärke reiche aus, um Einfluss zu sichern, ist ein gefährliches Erbe der Ära Merkel. Chinas Scheitern im Nahen Osten zeigt: Ohne strategische Autonomie, militärische Handlungsfähigkeit und politische Kohärenz bleibt man Beobachter – aber kein Akteur.
Europa muss sich entscheiden, ob es im Schutze amerikanischer Garantien veraltet und zerfällt – oder ob es als eigenständiger Machtpol die Ordnung der Zukunft mitgestaltet. Das bedeutet konkret: Aufbau einer europäischen Sicherheitsarchitektur, europäisierte Abschreckung unter Einbindung französischer Nuklearfähigkeiten, strategische Präsenz in geopolitischen Kernzonen – vom östlichen Mittelmeer bis zum Indischen Ozean.
Dabei darf Europa nicht versuchen, China zu kopieren oder Amerika zu übertreffen. Es muss seinen eigenen Weg gehen – als zivilisatorische Macht, die Ordnung nicht nur verwaltet, sondern verteidigt. Das verlangt Mut zur geopolitischen Entscheidung. Nicht jeder Konflikt ist vermeidbar, nicht jede Partnerschaft harmonisch. Aber wer sich der Verantwortung entzieht, wird nicht verschont – er wird zum Getriebenen.
V. Schlussfolgerung: Die Ordnungsmacht der Zukunft ist militärisch verankert
Das chinesische Dilemma im Nahen Osten ist eine strategische Spiegelung dessen, was Europa droht. Wer Einfluss will, muss Verantwortung übernehmen. Wer Ordnung fordert, muss Macht projizieren können. Die Welt der Zukunft wird nicht von Moralität oder ökonomischer Verflechtung allein geordnet – sondern durch Präsenz, Risiko und Souveränität.
Wenn Europa nicht zwischen den Blöcken zerrieben werden will, muss es sich als dritte Macht behaupten – zwischen dem erschöpften Westen und dem unentschlossenen Osten. Das Vakuum im Nahen Osten ist ein geopolitisches Memento: Macht definiert sich über die Fähigkeit, Leere mit Ordnung zu füllen. China zögert – Europa darf nicht.


