Zwischen Beirut und Brüssel
Ein Essay über das strategische Vakuum Europas in einer Welt der asymmetrischen Machtpolitik
Als im Sommer 1982 israelische Truppen in den Süden Libanons vorrückten, um die PLO zu vertreiben, wurde Beirut für kurze Zeit zum Epizentrum der Weltpolitik. Inmitten brennender Stadtviertel und diplomatischer Verwirrung trafen sich die geopolitischen Ströme der Zeit: amerikanisches Sendungsbewusstsein, sowjetische Einflussoperationen, arabischer Nationalismus und israelische Sicherheitsdoktrin. Es war ein Krieg mit klaren Fronten, mit regulären Armeen und erkennbaren Zielen – so dachten zumindest jene Strategen, die noch an die Ordnung der Nachkriegszeit glaubten.
Vier Jahrzehnte später hat sich das Schlachtfeld verändert – nicht nur geografisch, sondern strukturell. Der Nahe Osten ist nicht mehr Schauplatz klar definierter Kriege, sondern ein Labor für postmoderne Gewalt: hybride Akteure, asymmetrische Strategien, aufgelöste Staatlichkeit. Und Europa? Europa steht an der Seitenlinie, diplomatisch beredt, strategisch impotent.
Während an der Südflanke die Hisbollah und Israel ein gefährliches Patt inszenieren, entbrennt in Brüssel ein weniger sichtbarer, aber nicht minder folgenreicher Machtkampf: Der Sturz Thierry Bretons durch Ursula von der Leyen entblößt die tiefen Bruchlinien der europäischen Machtarchitektur. Zwei Krisen, zwei Schauplätze – und doch ein gemeinsames Narrativ: das Versagen Europas, seine Interessen machtpolitisch zu definieren und durchzusetzen.
I. Die Balance des Schreckens: Hisbollah und Israel in strategischer Umarmung
Die jüngste Eskalation zwischen Israel und der Hisbollah ist kein eruptives Ereignis, kein Unfall der Geschichte. Sie ist Ausdruck eines präzise kalibrierten Gleichgewichts, eines gegenseitigen Erkennens der eigenen Grenzen. Hasan Nasrallah, lange Zeit als religiöser Eiferer karikiert, agiert heute als rationaler Akteur in einem poststaatlichen Machtgefüge. Seine Raketen sind keine Mittel des Sieges, sondern Symbole politischer Präsenz. Zu viel Zurückhaltung würde Autorität kosten, zu viel Aggression wäre Selbstmord.
Auch Israel hat sich von der Illusion totaler Sicherheit verabschiedet. Der jüdische Staat – hochgerüstet, technologisch überlegen – hält seine strategische Handbremse angezogen. Nicht aus Schwäche, sondern aus Kalkül: Eine vollständige Vernichtung der Hisbollah würde den Libanon ins Chaos stürzen, Iran zur offenen Intervention zwingen und die Region in Brand setzen. Abschreckung ersetzt Entscheidung. Kontrolle ersetzt Sieg.
Diese Konstellation ist mehr als ein regionaler Sonderfall. Sie ist ein Prototyp für die geopolitische Ordnung der Zukunft: kein klarer Frieden, kein offener Krieg – sondern ein Zustand permanenter Instabilität. Die alten Kategorien der Kriegsführung lösen sich auf. Milizen agieren wie Staaten, Staaten wie Milizen. Und in dieser Grauzone entsteht ein neues Paradigma der Macht.
II. Brüssel: Die Macht als Theater – und das Theater ohne Macht
Während an Israels Nordgrenze die Raketen fliegen, spielt sich in den Bürotrakten der EU-Kommission ein anderes Drama ab – leiser, aber nicht minder enthüllend. Der Abgang Thierry Bretons war kein personalpolitischer Unfall, sondern ein systemischer Reflex. Frankreich wollte mit Breton den Versuch wagen, europäische Autonomie unter französischer Führung zu etablieren. Industriepolitik, Digitalstrategie, transatlantische Abgrenzung – all das unter einem national eingefärbten Begriff europäischer Souveränität.
Doch Brüssel ist kein Ort der Konfrontation, sondern der Kooptation. Macht wird nicht über Inhalte errungen, sondern über Verfahren, Netzwerke und loyale Mittelmaßträger. Ursula von der Leyen hat dieses System internalisiert und perfektioniert. Ihre Demontage Bretons – orchestriert durch institutionelle Hebel und politische Neutralisation – war ein Meisterstück technokratischer Machtausübung ohne strategische Vision.
Der wahre Konflikt liegt tiefer: Frankreich denkt Europa als strategisches Projekt, als neuen Akteur im globalen Spiel der Imperien. Deutschland hingegen denkt Europa als regulatorischen Rahmen, als Instrument zur Sicherung von Ordnung, nicht zur Ausübung von Macht. Diese Divergenz ist nicht durch Kompromisse aufzulösen, sondern nur durch eine neue politische Ordnung zu überwinden: den Aufbau eines europäischen Bundesstaates.
III. Strategische Lehren: Europas Weg in der Welt der asymmetrischen Ordnungen
Beirut und Brüssel stehen für zwei Facetten eines strategischen Defizits: die Unfähigkeit Europas, mit der neuen Geografie der Macht umzugehen. Ob gegenüber hybriden Akteuren wie der Hisbollah oder machtpolitischen Partnern wie den USA – Europa bleibt reaktiv, nicht gestaltend. Es appelliert, wo andere projizieren. Es reguliert, wo andere dominieren.
Die Lehre aus dem Nahen Osten ist bitter: Wer keine militärische Glaubwürdigkeit besitzt, wird in asymmetrischen Konflikten zum Zuschauer. Die Lehre aus Brüssel ist ernüchternd: Wer keinen politischen Willen zur Macht hat, wird in institutionellen Intrigen zerrieben.
Europa muss beides lernen – militärisch zu denken und politisch zu handeln. Es braucht:
Eine eigenständige strategische Kultur, die nicht auf Werte, sondern auf Interessen basiert.
Eine europäische Armee, die nicht nur symbolisch existiert, sondern zur Abschreckung und Projektion fähig ist.
Eine politische Ordnung, in der Entscheidungsfähigkeit und Verantwortlichkeit gebündelt werden – nicht verteilt und entzogen.
Denn der Nahe Osten zeigt: Ordnung entsteht nicht durch Verträge, sondern durch Machtgleichgewichte. Und Brüssel zeigt: Souveränität ist nicht das Produkt guter Bürokratie, sondern strategischer Zielsetzung.
Schlussfolgerung: Vom Zuschauer zur Ordnungsmacht
Die Weltordnung der kommenden Jahrzehnte wird nicht durch universelle Regeln bestimmt, sondern durch regionale Machtzentren. Die USA werden ihre Führungsrolle im Westen behaupten – mit abnehmender Geduld gegenüber europäischen Zauderern. China wird expandieren – wirtschaftlich wie militärisch. Indien wird seine Rolle als globale Ausgleichsmacht finden. Und Russland – angeschlagen, aber gefährlich – bleibt strategischer Unruhestifter.
Europa muss sich entscheiden: Will es in dieser Ordnung eine Rolle spielen, muss es aufhören, an die Vergangenheit zu glauben. Die Epoche der multilateralen Idealismen ist vorbei. Wer nicht über Macht verfügt, wird von denen regiert, die sie haben. Es braucht eine Renaissance der geopolitischen Nüchternheit – und den politischen Mut, die Machtfrage nicht länger zu verdrängen.
Der Fall Hisbollah lehrt uns: Strategische Rationalität entsteht aus der Notwendigkeit zur Selbsterhaltung. Der Fall Breton lehrt uns: Ohne echte politische Einheit bleibt Macht nur ein Schauspiel.
Die Bühne ist bereitet. Doch wird Europa Akteur sein – oder Requisite?


