Zwischen den Fronten: Wie Erdogan die geopolitische Lücke zwischen Russland und der Ukraine nutzt
Die Türkei verfolgt keine moralische Außenpolitik – sondern eine meisterhafte Machtdiplomatie im Zeichen ökonomischer Not, geopolitischer Chancen und strategischer Autonomie.
Was wir derzeit im Schwarzen Meer beobachten, ist ein klassisches Beispiel strategischer Selbstbeherrschung und pragmatischer Machtpolitik. Die Türkei agiert nicht als neutrale Vermittlerin im Ukraine-Krieg – sondern als eigennütziger Akteur, der aus einem regionalen Großkonflikt geopolitisches Kapital schlägt. Präsident Erdogan zeigt der Welt, was es heißt, ein souverän handelnder Staat im multipolaren Zeitalter zu sein: Er kooperiert mit beiden Seiten, widersetzt sich moralischem Dogmatismus und maximiert den Nutzen für die eigene Machtbasis.
Die Türkei verurteilt den russischen Überfall auf die Ukraine – aber sie beteiligt sich nicht an westlichen Sanktionen. Sie liefert Drohnen an Kiew – aber verkauft zugleich russischen Oligarchen Immobilien, Banken und sicheren Hafen. Sie bietet sich als Vermittler an – aber instrumentalisiert den Friedensprozess, um sich als geopolitisch unersetzbar zu positionieren. Diese scheinbaren Widersprüche sind keine Schwächen, sondern Ausdruck strategischer Raffinesse.
Was Erdogan tut, ist weder zynisch noch instabil – es ist Realpolitik im besten Sinne. Die Türkei sichert sich durch simultane Kooperation mit Russland und der Ukraine wirtschaftliche Vorteile, energiepolitische Schlüsselrollen und diplomatische Hebelwirkung gegenüber dem Westen. Ankara ist heute das, was die EU gerne wäre: ein eigenständiger Machtpol zwischen den Blöcken.
Der Westen mag murren, doch er braucht die Türkei. Russland mag sich getäuscht fühlen, doch es braucht sie ebenso. Die Ukraine weiß, dass sie ohne türkische Drohnen und Infrastrukturhilfe kaum bestehen könnte. Diese gegenseitige Abhängigkeit verschafft Erdogan etwas, das in einer von Stellvertreterkriegen geprägten Welt unbezahlbar ist: Handlungsspielraum.
Und darin liegt die eigentliche Lehre für Europa: Nicht moralisierende Entrüstung, sondern strategische Ambiguität, ökonomische Resilienz und militärische Handlungsfähigkeit verschaffen Einfluss. Erdogan betreibt nicht „diplomatische Vermittlung“, sondern Machtverwaltung. Die Türkei wird nicht wegen ihrer Werte gebraucht, sondern wegen ihrer Funktion.
Die geopolitische Rolle der Türkei erinnert uns Europäer an eine unbequeme Wahrheit: Wer nicht in der Lage ist, Interessen durchzusetzen, wird zum Spielball fremder Machtzentren. Solange Europa gespalten, militärisch schwach und ökonomisch abhängig bleibt, wird es solche Lücken der Handlungsfähigkeit nicht selbst schließen können – sondern anderen überlassen müssen. Erdogan füllt diese Lücke – mit einem klaren Ziel: Die Türkei als selbstständige Großmacht zwischen Ost und West.
Was die Türkei heute vormacht, muss Europa morgen leisten – allerdings nicht als Einzelstaat, sondern als einheitlicher Bundesstaat mit strategischem Willen. Nur dann werden wir nicht Zuschauer, sondern Mitgestalter einer neuen Weltordnung sein.


