Zwischen Drachen, Milizen und Machtvakuum
Ein Essay über Großbritanniens strategischen Spagat und den libanesischen Wendepunkt im Schatten geopolitischer Umbrüche
Der Essay analysiert zwei strategische Brennpunkte der gegenwärtigen Weltordnung: Großbritanniens wirtschaftliche Annäherung an China und den politischen Umbruch im Libanon unter Präsident Joseph Aoun. Beide Fälle stehen exemplarisch für den Zerfall der westlich geprägten Nachkriegsordnung und die Rückkehr harter Geopolitik.
Großbritannien sucht unter wirtschaftlichem Druck Anschluss an Peking – und riskiert dabei seine sicherheitspolitische Kohärenz innerhalb des Westens. Die Wiederaufnahme des Wirtschaftsdialogs mit China offenbart strategische Ambivalenz und macht London anfällig für digitale und politische Einflussnahme aus dem Osten.
Im Libanon hingegen markiert Aouns Wahl den Versuch, die staatliche Souveränität gegen die schwindende Macht der Hezbollah wiederherzustellen. Unterstützt von internationalen Akteuren könnte die libanesische Armee erstmals die Vorherrschaft der schiitischen Miliz in Frage stellen – ein Wendepunkt mit regionaler Tragweite.
Die Schlussfolgerung ist eindeutig: Staaten, die sich in ökonomischem Opportunismus verlieren, verlieren ihre geopolitische Urteilskraft. Nur strategische Kohärenz, Machtprojektion und politische Selbstbeherrschung sichern in der kommenden multipolaren Ordnung staatliches Überleben.
I. Der Rückzug der Ordnung
Am Beginn des 21. Jahrhunderts glaubte der Westen, die Geschichte sei zu seinen Gunsten entschieden. Die liberale Weltordnung – gebaut auf den Trümmern zweier Weltkriege und zementiert durch den Sieg im Kalten Krieg – schien unerschütterlich. Doch Geschichte ist kein linearer Fortschritt, sondern eine Abfolge von Zyklen, Brüchen und tektonischen Verschiebungen. Zwei Schauplätze symbolisieren aktuell das Zerbröckeln dieser Ordnung exemplarisch: das Vereinigte Königreich, einst Seemacht und Imperium, das nun zwischen geopolitischer Illusion und wirtschaftlichem Pragmatismus taumelt – und der Libanon, dessen innerer Zerfall nun durch eine äußere Neuordnung konterkariert wird.
Beide Fälle offenbaren auf ihre Weise die Rückkehr klassischer Geopolitik – und die fundamentale Krise westlicher Souveränität im Zeitalter multipolarer Macht. Zwischen dem Drachen Chinas und der Milizmacht Hezbollah entfalten sich Geschichten über Orientierungslosigkeit, Machtverlagerung und das Ringen um staatliche Selbstbehauptung. Wer sie verstehen will, muss das Ende der alten Ordnung anerkennen – und den Aufstieg neuer Spieler mit strategischem Kalkül analysieren.
II. Das Vereinigte Königreich: Zwischen Peking und der Bedeutungslosigkeit
Der britisch-chinesische Wirtschaftsdialog, der nach sechsjähriger Eiszeit wieder aufgenommen wurde, ist kein diplomatischer Nebensatz. Er ist ein Menetekel. Denn was sich als pragmatische Öffnung zur wirtschaftlichen Erholung tarnt, ist in Wahrheit der Ausdruck einer tieferliegenden Desorientierung einer ehemaligen Großmacht.
London, das sich einst als Leuchtturm westlicher Macht verstand, sucht unter dem Druck stagnierenden Wachstums, geopolitischer Isolation nach dem Brexit und sozialer Erosion Anschluss – und findet ihn ausgerechnet in Peking. Dass eine Labour-Regierung diesen Weg beschreitet, zeugt nicht von ideologischer Wende, sondern von systemischem Zwang: Europa ist politisch entfremdet, Washington unberechenbar, die eigene Industrie schwach. Also wendet man sich dem Drachen zu, in der Hoffnung, Wärme statt Feuer zu empfangen.
Doch Chinas Umarmung ist nie harmlos. Jede wirtschaftliche Verflechtung mit Peking ist Teil einer übergeordneten Strategie: Der Export von Technologie, Infrastruktur und Kapital ist Ausdruck einer neuen Form der Machtausübung – nicht durch Panzer, sondern durch Daten, Algorithmen und Netzwerke. Wer chinesischen Unternehmen Zugang gewährt, erlaubt zugleich den Eintritt in den eigenen sicherheitspolitischen Kern. Die Trennung von Markt und Macht – einst ein Pfeiler westlicher Liberalität – ist obsolet geworden.
Großbritannien glaubt, Balance halten zu können. AUKUS im Pazifik, Deals mit China zu Hause. Doch dieses Kalkül ist gefährlich. Es untergräbt nicht nur die Kohärenz der westlichen Bündnisse, sondern auch Londons strategische Glaubwürdigkeit. In Brüssel wächst das Misstrauen, in Washington die Ungeduld. Eine mögliche zweite Trump-Präsidentschaft würde Großbritanniens Spagat zur Zerreißprobe machen. Denn Peking verfolgt ein Ziel: die Fragmentierung der westlichen Welt – nicht frontal, sondern durch wirtschaftliche Infiltration, asymmetrischen Wettbewerb und das Ausloten politischer Inkonsistenz.
Die CPTPP-Dynamik zeigt, wie ökonomische Entscheidungen zur geopolitischen Waffe werden: Peking fordert Zustimmung zur eigenen Aufnahme – bei gleichzeitiger Ablehnung Taiwans. Wer Ja zu China sagt, muss Nein zu Demokratie sagen. Der Preis der Kooperation ist strategischer Selbstverrat.
Dabei ist der ökonomische Nutzen fraglich: Chinas Investitionen stagnieren, regulatorische Hürden bleiben hoch, das Handelsvolumen ist vergleichsweise gering. Was bleibt, ist ein symbolischer Pakt – zwischen einer einstigen Seemacht und einem autoritären Imperium des 21. Jahrhunderts. London verkauft diese Öffnung als Realismus. Doch in Wahrheit ist es ein Rückzug – aus Klarheit, aus Prinzipien, aus Souveränität.
III. Der Libanon: Zwischen General und Geistern
Tausend Meilen südöstlich, im zerrütteten Libanon, vollzieht sich ein anderer, aber nicht weniger symbolträchtiger Machtwandel. Mit der Wahl von General Joseph Aoun zum Präsidenten endet nicht nur eine Phase institutioneller Lähmung – sie markiert den Beginn einer geopolitischen Neuausrichtung, deren Wirkung weit über Beirut hinausreicht.
Hezbollah, lange Zeit die stärkste nichtstaatliche Macht im Land, ist geschwächt. Der 14-monatige Krieg mit Israel hat ihre militärischen Strukturen erschüttert, ihre symbolische Unbesiegbarkeit gebrochen. Gleichzeitig implodiert die strategische Achse Teheran–Damaskus–Beirut: Der syrische Bürgerkrieg, die wirtschaftliche Not des Iran und die internationale Isolation schwächen die schiitische Korridorstrategie. In das entstehende Vakuum stoßen neue Akteure – die Golfstaaten, Frankreich, die USA – mit einer klaren Agenda: die Rückgewinnung staatlicher Souveränität durch die libanesische Armee.
Aoun, der über die einzige intakte Institution des Landes gebietet, wird zur Projektionsfläche dieses Vorhabens. Seine Präsidentschaft ist nicht nur ein innenpolitisches Signal, sondern Ausdruck einer neuen geopolitischen Architektur. Dass er in seiner Antrittsrede betonte, nur der Staat dürfe Waffen tragen, ist ein Tabubruch – und ein Angriff auf die Grundlagen der Hezbollah-Herrschaft.
Doch dieser Machtwechsel ist riskant. Denn Libanon ist nicht nur konfessionalistisch fragmentiert, sondern auch strukturell durchzogen von Schattenökonomien, Milizenloyalitäten und externer Einflussnahme. Noch hat keine Regierung den Versuch unternommen, Hezbollah zu entwaffnen – aus Angst vor Bürgerkrieg. Aber das Kräfteverhältnis hat sich verschoben. Die Armee ist gestärkt, Hezbollah isoliert. Der Moment einer Entscheidung rückt näher – und mit ihm die Möglichkeit, ein informelles Regime zu beenden, das den Libanon jahrzehntelang zur Geisel seiner Geopolitik gemacht hat.
Für Europa – insbesondere für Frankreich – ist dies eine historische Chance. Ein souveräner, stabiler Libanon wäre nicht nur Bollwerk gegen iranische Expansion, sondern auch Brücke zu den Golfstaaten und Puffer im hochsensiblen östlichen Mittelmeer. Aouns Erfolg ist daher nicht nur libanesische Hoffnung – sondern europäisches Interesse.
IV. Schlussfolgerung: Rückkehr der Geopolitik – und die Leere des Westens
Ob in London oder Beirut – beide Fälle zeigen: Die Nachkriegsordnung ist Vergangenheit. Die liberale Welt, wie sie sich einst definierte, löst sich unter dem Druck strategischer Realität auf. In einer Welt der asymmetrischen Rivalitäten, hybriden Machtprojektionen und wirtschaftlichen Waffen zählt nur eines: strategische Selbstbeherrschung, gepaart mit klarer Ordnung und geopolitischer Urteilskraft.
Großbritannien steht exemplarisch für den Verlust dieser Klarheit. Es taumelt zwischen Loyalität und Versuchung, zwischen Allianzen und Autonomie – und droht, in der multipolaren Welt bedeutungslos zu werden. Der Libanon hingegen zeigt, dass Souveränität auch dort möglich ist, wo das Chaos regiert hat – wenn man bereit ist, Risiken einzugehen, Strukturen zu reformieren und externe Allianzen strategisch zu nutzen.
Beide Fälle verdeutlichen eine zentrale machtpolitische These: Staaten, die ihre Außenpolitik rein ökonomisch begründen, verlieren ihre geopolitische Handlungsfähigkeit. Es ist die strategische Kohärenz – nicht der kurzfristige Gewinn –, die über Relevanz in der neuen Weltordnung entscheidet. Wer nur noch reagiert, wird zum Objekt fremder Interessen. Wer jedoch Ordnung schafft, Grenzen zieht und Macht balanciert, kann bestehen.
Zwischen dem Schatten des Drachen und dem Rückzug der Milizen entscheidet sich die Zukunft der Souveränität. Nicht durch Worte – sondern durch Strategien. Nicht durch Werte – sondern durch Macht. Nicht durch Hoffnung – sondern durch Klarheit.


