Zwischen Drohnenmacht und Stellvertreterkriegen: Die wahre Gefahr des Iran
Warum Irans militärische Strategie eine systemische Herausforderung für Europa und die internationale Ordnung darstellt
Die jüngsten Eskalationen zwischen Israel und Iran rücken eine alte Wahrheit in den Fokus, die der Westen lange verdrängt hat: Der Iran ist keine konventionelle Regionalmacht mit begrenztem Einfluss – sondern ein strategischer Akteur mit globaler Wirkungskraft, der seine Schwächen durch asymmetrische Kriegsführung in Stärken verwandelt hat. Wer heute über die Gefahr eines Flächenbrandes im Nahen Osten spricht, sollte weniger auf einzelne Raketenangriffe blicken – sondern auf die tiefere Logik iranischer Machtprojektion.
Das iranische Militär ist nicht nach westlichem Vorbild aufgebaut. Seine Stärke liegt nicht in modernem Gerät oder interoperablen Truppenverbänden. Vielmehr beruht die Verteidigungskonzeption Teherans auf drei Säulen: asymmetrischer Seekrieg, massiver Einsatz ballistischer Raketen und Drohnen, und – vor allem – ein ausgeklügeltes Netz aus Stellvertreterkräften, das von der Quds-Einheit gesteuert wird. Der sogenannte „Widerstandsachsen“ erstreckt sich von Beirut bis Aden, von Damaskus bis Gaza – und kann jederzeit strategische Nadelstiche setzen, ohne dass Teheran direkt verantwortlich gemacht werden muss.
Diese Struktur verleiht Iran eine strategische Tiefe, wie sie kein anderer Staat mit vergleichbarer Wirtschaftskraft aufweist. Gleichzeitig ermöglicht sie ein Maß an Plausibler Abstreitbarkeit, das die Reaktionsfähigkeit westlicher Demokratien systematisch untergräbt. In Wahrheit führen wir längst einen schleichenden Abnutzungskrieg gegen einen Gegner, der seine Schwäche als Waffe nutzt.
Doch der eigentliche Wendepunkt liegt tiefer: Iran wandelt sich. Während sein klassisches Militär technisch veraltet ist, entwickelt das Regime unaufhaltsam eine der weltweit fortschrittlichsten Drohnenindustrien – eine Fähigkeit, die nicht nur Israel und die Golfstaaten betrifft, sondern zunehmend auch europäische Interessen bedroht. Der Export dieser Technologie an Russland hat den Krieg in der Ukraine verändert. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese Systeme auch gegen europäische Infrastrukturen eingesetzt werden – sei es durch direkte Lieferung oder über Stellvertreter.
Die Antwort darauf kann nicht in moralischen Appellen oder diplomatischen Verurteilungen bestehen. Der Iran handelt, wie alle Großmächte, aus Machtkalkül – und genau so muss er behandelt werden. Solange Europa außenpolitisch fragmentiert bleibt und seine Sicherheitsarchitektur auf amerikanischem Wohlwollen basiert, wird es in diesem Spiel bestenfalls Zuschauer sein.
Wir brauchen eine eigenständige europäische Machtprojektion, die sowohl unsere Interessen im Nahen Osten schützt als auch unsere Verwundbarkeit gegenüber asymmetrischen Bedrohungen reduziert. Dazu gehört der Aufbau eines europäischen Luft- und Raketenabwehrschirms ebenso wie die Fähigkeit zur robusten Reaktion auf hybride Angriffe. Nur eine geeinte europäische Ordnung mit klarer strategischer Zielsetzung kann verhindern, dass wir zwischen den Frontlinien fremder Konflikte zerrieben werden.
Iran ist nicht der einzige Akteur, der asymmetrische Machtmittel einzusetzen versteht. Aber es ist einer der wenigen, der dies mit systemischer Konsequenz und strategischem Weitblick tut. Wer diese Realität verkennt, wird bald nicht nur in Tel Aviv oder Sanaa, sondern auch in Athen, Marseille oder Berlin die Konsequenzen spüren.
Europa darf nicht länger Beobachter sein. Es muss Akteur werden.


