Die Ränder der Ordnung
Ein Essay über geopolitische Rivalität, strategische Peripherien und die Zukunft einer neuen Weltordnung
Wenn sich die Achsen der Macht verschieben, sind es selten die Zentren, in denen Geschichte geschrieben wird. Es sind die Ränder, die Peripherien, die Engpässe und Schwellenräume der Weltpolitik, in denen sich das Kommende abzeichnet. Dort, wo sich die Einflusssphären schneiden und große Mächte ihre Schatten werfen, beginnt das neue Zeitalter der Geopolitik. Im Staub syrischer Dörfer und an den Kais südasiatischer Häfen tritt zu Tage, was das 21. Jahrhundert bestimmen wird: das Ende liberaler Illusionen, die Wiederkehr harter Macht und die strategische Notwendigkeit der Selbstbeherrschung. Die Welt von morgen entsteht nicht in den Sitzungssälen von Genf, sondern im Windschatten der Kriege um Einflusssphären.
Seit dem Sturz des syrischen Regimes Ende 2024 ist das einstige Kernland des arabischen Nationalismus zum geopolitischen Splitterfeld geworden. Zwei Mächte stehen sich heute in Syrien gegenüber: Israel und die Türkei. Beide verfolgen keine humanitären, sondern machtstrategische Ziele. Israel will verhindern, dass sich ein neuer antiisraelischer Block bildet, sei es unter iranischer oder sunnitisch-islamistischer Führung. Die Türkei dagegen nutzt ihre Verbindung zu den Islamisten von Hay'at Tahrir al-Sham, um Einflusszonen zu schaffen, ihre Südgrenze zu pufferisieren und wirtschaftliche Interessen durchzusetzen. Beide Mächte handeln nicht irrational, sondern folgen der klassischen Logik von Einfluss, Kontrolle und strategischer Tiefe.
Israel hat nach dem Fall Assads rasch gehandelt. Mit massiven Luftschlägen wurden potenzielle Waffenarsenale zerstört, die in die Hände von HTS fallen könnten. Zeitgleich wurde das Gebiet um die Golanhöhen militärisch ausgedehnt, Checkpoints errichtet, Infrastruktur geschaffen – ein klarer Versuch, eine tief gestaffelte Pufferzone gegen die neue Bedrohung zu etablieren. Dabei wurde auch die Druzenminderheit, historisch Ziel islamistischer Gewalt, als geopolitischer Hebel genutzt: Schutz gegen Loyalität. Das Motiv ist nicht Altruismus, sondern strategische Sozialstrukturierung der Peripherie.
Die Türkei agiert ebenso machtbewusst. Die Verbindung zu HTS ermöglichte Ankara, die syrische Nordgrenze wirtschaftlich und politisch zu kontrollieren. Gleichzeitig dient diese Achse dazu, die kurdischen Milizen zu bekämpfen, die Ankara als existenzielle Bedrohung sieht. Das Problem: Der politische Deal zwischen HTS und den Kurden untergräbt die türkische Strategie. Die Konsequenz: Ankara wird seine militärische Präsenz in Syrien weiter ausbauen müssen.
Diese sich überlappenden Einflusszonen führen zu direkten Spannungen. Israel greift nicht mehr nur potenzielle islamistische Ziele an, sondern bombardiert erstmals auch syrische Militärbasen, auf denen Ankara Truppen stationieren wollte. Dies ist keine Nebensächlichkeit, sondern ein tektonisches Zeichen: Zwei regionale Mächte beanspruchen denselben Raum. Noch ist ein offener Krieg unwahrscheinlich – die Struktur der NATO und die US-Israel-Allianz wirken stabilisierend. Doch die Konfrontation wird weiter im Schatten ausgetragen werden, in Form von Stellvertreteraktionen, wirtschaftlichem Wettbewerb und Informationsoperationen.
Während im Nahen Osten zwei Regionalmächte um Einfluss ringen, spielt sich im Indischen Ozean ein strukturell verwandtes Schauspiel ab. Sri Lanka, nur ein Punkt auf der Karte, ist in Wahrheit ein strategischer Hebel. Seine Lage an den globalen Seeverbindungen macht es zu einem Schlüsselterritorium im indo-pazifischen Raum. Und wie in Syrien stehen sich auch hier zwei Mächte gegenüber, die einander nicht bekämpfen wollen, es aber müssen: China und Indien.
Beijing hat mit seinem Seidenstraßenprojekt Fakten geschaffen: der Hafen von Hambantota, unter chinesischer Kontrolle, ist nicht nur wirtschaftlich, sondern auch potenziell militärisch bedeutsam. New Delhi sieht darin den Versuch, Indien zu umschließen – eine moderne Version der historischen Umfassung. Die Reaktion ist eindeutig: Indien investiert, bildet aus, baut Infrastruktur und nutzt sogar Drittstaaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate, um Gegengewicht zu schaffen. Diese Strategie ist nicht altruistisch, sondern aus der nackten Notwendigkeit geboren: Wer den Indischen Ozean verliert, verliert das strategische Rückgrat Asiens.
Der sri-lankische Pragmatismus ist dabei kein Ausdruck moralischer Neutralität, sondern strategischer Selbsterhaltung. Colombo spielt Beijing und New Delhi gegeneinander aus, um eigene Vorteile zu ziehen – ein klassisches Verhalten kleiner Staaten in einer multipolaren Ordnung. Was für die Großmächte Friktion bedeutet, ist für Sri Lanka Lebensversicherung.
Ob in Syrien oder Sri Lanka – der Trend ist eindeutig: Die multipolare Welt ist keine romantische Vision kooperativer Vielfalt, sondern ein Feld permanenter Konkurrenz. Staaten folgen nicht Werten, sondern Interessen. Internationale Institutionen, Allianzen und Erklärungen können diese Dynamik nicht neutralisieren. Sie sind Kulisse, nicht Substanz. Die Stabilität, die heute entsteht, ist die Folge temporärer Gleichgewichte – nicht normativer Einigungen.
Die neue Weltordnung ist nicht bipolare Klarheit, sondern vielpolige Komplexität. In dieser Struktur werden nicht nur Mittel, sondern auch Absichten fragmentiert. Es gibt keine universellen Ordnungshüter mehr, sondern regionale Machtpole mit eigenen Logiken. Doch gerade in dieser Unübersichtlichkeit zeigt sich, wer über strategische Tiefenschärfe verfügt: Wer periphere Räume kontrolliert, kann Zentrumspolitik betreiben. Wer Pufferzonen gestaltet, bestimmt die Grenzen der Ordnung.
Die Lektion für Europa liegt auf der Hand. Wer in dieser Welt bestehen will, darf sich nicht auf Wertegemeinschaften verlassen. Er muss eigene Ordnungsmacht aufbauen: politisch, militärisch, wirtschaftlich. Nur wer souverän über seine Peripherien entscheidet, kann im Zentrum der Weltpolitik bestehen. Wer strategisch handelt, begreift: Stabilität ist kein Naturzustand, sondern ein Machtprodukt. Und Macht, das lehrt uns die Geschichte, ist nur so stabil wie die Ordnung, die sie zu schaffen vermag.
Die Welt ordnet sich neu. Nicht durch Verträge, sondern durch Konfrontation. Nicht durch moralische Aufrüstung, sondern durch strategische Selbstbeherrschung. Es ist eine Welt, in der nur überlebt, wer Ordnung und Macht zu verbinden weiß. Europa muss lernen, was andere bereits praktizieren: Geopolitik ist kein Relikt, sondern das Schlüsselhandwerk des 21. Jahrhunderts.


