Zwischen Kalifatsträumen und geopolitischem Kalkül – Hamas, Katar und die Rolle der Türkei
Warum sich die Verlagerung der Hamas-Diplomatie von Doha nach Ankara als strategisches Risiko für den Westen entpuppt – und was Europa daraus lernen muss.
Die aktuellen Verschiebungen im Beziehungsgeflecht zwischen der Hamas, Katar und der Türkei markieren mehr als nur eine diplomatische Episode am Rande des Nahostkonflikts – sie zeigen, wie Nicht-Großmächte durch ideologische Nähe und kluge Machtprojektion geopolitisch aufsteigen wollen. Für Europa bietet dieses Szenario eine Lektion in strategischer Selbstbehauptung.
Katar hat seine Rolle als Mediator zwischen Israel und der Hamas nicht aus humanitärem Idealismus übernommen, sondern aus kühl kalkuliertem geopolitischem Opportunismus. Seit Jahren bietet es der Hamas eine sichere Bühne in Doha – nicht aus Sympathie, sondern weil dies Doha als unersetzlichen diplomatischen Akteur zwischen den Fronten positioniert. Die Drohung Katars, sich aus den Gesprächen zurückzuziehen, ist nichts weiter als ein taktisches Manöver, um mehr Anerkennung und Einfluss gegenüber den USA zu erzwingen.
Doch diese Inszenierung hat Grenzen: Wenn die Hamas nicht einmal mehr über die vereinbarten Geiseln verfügt, um einen Waffenstillstand zu ermöglichen, dann ist jede diplomatische Initiative faktisch tot. Katars Rolle als angeblich “unersetzlicher” Vermittler wird dadurch nicht glaubwürdiger – sondern entlarvt den Preis, den der Westen für den Zugang zu einem Akteur wie der Hamas zu zahlen bereit war.
Mit dem Besuch von Hamas-Chef Hanija in Ankara zeigt sich Erdogans kalkulierte Rückkehr zur außenpolitischen Bühne. Die Türkei wittert die Gelegenheit, Katar in der Rolle des primären Ansprechpartners der Hamas abzulösen – nicht aus Friedensliebe, sondern aus innenpolitischem Druck und außenpolitischem Ehrgeiz. Die Strategie ist durchschaubar: Erdogan will sich als Patron des politischen Islam profilieren, Einfluss auf eine mögliche palästinensische Nachkriegsordnung nehmen und gleichzeitig seine Bedeutung im Verhältnis zum Westen steigern.
Das Problem: Wer ideologisch mit der Hamas sympathisiert, wird nie als ehrlicher Makler wahrgenommen. Erdogans kalkulierte Nähe zur Hamas ist für Israel inakzeptabel und für den Westen ein sicherheitspolitisches Problem – denn ein NATO-Staat, der sich offen mit einer Organisation gemeinmacht, die von eben diesem Bündnis als Terrororganisation eingestuft wird, torpediert jeden gemeinsamen außenpolitischen Kurs. Die Türkei spielt ein gefährliches Doppelspiel – mit Ankara als Vermittler droht die Erosion gemeinsamer Werte und Sicherheitsinteressen in der westlichen Allianz.
Was folgt daraus für Europa? Wer sich weiterhin auf externe Akteure wie Katar oder die Türkei verlässt, um entscheidende Konflikte an Europas Peripherie zu entschärfen, begibt sich in strategische Abhängigkeit. Weder Doha noch Ankara handeln im europäischen Interesse – beide verfolgen egoistische Machtstrategien unter dem Deckmantel der Diplomatie.
Europa muss endlich aufhören, moralische Hoffnung in politische Schimären zu setzen. Eine eigenständige europäische Sicherheitspolitik beginnt dort, wo eigene Interessen mit eigenem Einfluss verteidigt werden können. Solange Europa nicht über die notwendigen militärischen, geheimdienstlichen und diplomatischen Instrumente verfügt, um in seiner Nachbarschaft selbst Ordnung zu schaffen, werden andere – mit fremden Zielen – diese Lücken füllen.
Der geopolitische Wettlauf um die Hamas ist kein Friedensprozess – sondern ein Kampf um Einfluss in einer Welt, die sich zunehmend entwestlicht. Wer diesen Machtkampf nicht erkennt, wird in ihm untergehen. Europa darf weder Doha noch Ankara die Gestaltung der Ordnung im Nahen Osten überlassen. Es ist Zeit, dass wir unsere eigene Strategie entwickeln – und die beginnt mit strategischer Selbstbeherrschung und souveräner Machtprojektion.


