Zwischen Kathedrale und Kaserne: Die Wiederkehr geopolitischer Vernunft
Ein Essay über Europas strategische Selbstbehauptung in einer Welt der Machtpolitik
Europa steht an einem geopolitischen Wendepunkt. Der Essay analysiert die sicherheitspolitische Ohnmacht des Kontinents im Zeitalter wachsender Machtkonflikte – von Russlands Kriegswirtschaft über die strategische Neuordnung im Nahen Osten bis zur Fragmentierung europäischer Rüstungsstrukturen. Er fordert eine radikale Neuausrichtung europäischer Sicherheitspolitik: weg von moralischer Selbsttäuschung, hin zu einer Ordnung auf Basis von Macht, industrieller Souveränität und strategischer Handlungsfähigkeit. Nur durch eine politisch verankerte Verteidigungsunion und eine „Koalition der Entschlossenen“ kann Europa seine Rolle als eigenständiger Machtpol in einer multipolaren Welt behaupten.
Einleitung: Die Rückkehr der Geschichte
Inmitten der scheinbaren Ordnung einer globalisierten Welt meldet sich ein altbekanntes Muster zurück: Die Geschichte kehrt wieder, nicht als exaktes Echo der Vergangenheit, sondern als zyklische Kraft, die Imperien formt und zerstört. Was einst der Aufstieg Roms, der Fall Byzanz oder das europäische Mächtekonzert war, spiegelt sich heute in den Machtkonflikten des 21. Jahrhunderts. Die Welt ist erneut eine Arena, in der souveräne Staaten nicht nach Werten, sondern nach Interessen handeln. Die Fassade der liberalen Weltordnung ist rissig geworden, die Architektur der Nachkriegszeit marode. Und Europa? Europa steht am Scheideweg zwischen Gestaltungskraft und geopolitischer Irrelevanz.
Analyse: Die strategische Leere Europas
Der russische Angriff auf die Ukraine war nicht nur ein Bruch des Völkerrechts, sondern das abrupte Ende einer geopolitischen Illusion: dass Frieden, Handel und Institutionen ausreichen würden, um die Ordnung Europas zu sichern. Moskaus Panzer, die am 24. Februar 2022 über die Grenze rollten, zerstörten nicht nur ukrainisches Territorium, sondern auch das ideologische Fundament europäischer Sicherheitspolitik.
Während Russland seine Rüstungsindustrie auf Kriegswirtschaft umstellte, seinen Verteidigungsetat real auf über 120 Milliarden US-Dollar anhob und über 1.000 Panzer pro Jahr fertigt, versinkt Europa in regulatorischem Morast. Der Rüstungsapparat des Kontinents gleicht einer spätrömischen Bürokratie: zersplittert, unterfinanziert, ineffizient. Projekte wie FCAS oder MGCS zeugen nicht von strategischer Führung, sondern von nationalem Misstrauen.
Noch gravierender ist die geistige Entkernung sicherheitspolitischen Denkens. Verteidigung wurde zur Budgetfrage degradiert, Armeen zu Interventionskräften für Stabilisierungseinsätze. Der Glaube an die "Post-Geschichte" machte das strategische Denken verdächtig, Machtprojektion zur moralischen Hypothek.
Deutschland ist das Paradebeispiel für diese Selbstberuhigung: Wehrpflicht abgeschafft, Parlamentsvorbehalt zementiert, strategische Planungsfähigkeit marginalisiert. Frankreich, das über die nukleare Force de Frappe verfügt, agiert allein. Polen rüstet massiv auf, aber national. Die EU verfasst Strategiepapiere – ohne operative Konsequenz.
Der Systembruch: Von Werten zur Ordnung durch Macht
Europa lebt in einer strategischen Fiktion: Es glaubt, dass Werte den Lauf der Geschichte bestimmen, während andere Mächte ihre Interessen mit Waffen definieren. Die USA richten ihren Fokus auf den Indo-Pazifik. China expandiert wirtschaftlich und technologisch. Russland hat sich als kriegsfähiger Akteur rehabilitiert. Indien balanciert zwischen den Polen. Europa jedoch bleibt Beobachter.
Der Kontinent muss erkennen: Geschichte ist kein linearer Fortschritt, sondern eine Abfolge von Ordnungsbrüchen, in denen nur jene bestehen, die Macht, Disziplin und strategisches Denken vereinen. Der Krieg in der Ukraine ist der Auftakt zu einer neuen Ordnung. Wenn Europa nicht souverän agiert, wird es zur Peripherie zwischen den Machtpolen degradiert.
Syrien als Spiegel: Die Realität geopolitischer Ordnung
Der Fall des Assad-Regimes und der Aufstieg von Hayat Tahrir al-Sham (HTS) in Syrien markiert eine tektonische Verschiebung. Nicht, weil ein Diktator gestürzt wurde, sondern weil sich eine neue, jihadistisch geprägte Ordnung etabliert – nicht aus Ideologie, sondern aus strategischer Machtkonstellation. Die Golfstaaten agieren pragmatisch: Qatar sichert sich frühzeitig Zugang zur neuen Macht, Saudi-Arabien sucht Einfluss über Investitionen, die Türkei etabliert ein informelles Protektorat. Und Europa? Moralisiert, beobachtet, zahlt – aber gestaltet nicht.
Syrien ist kein Sonderfall, sondern ein Brennglas: Wer Kontrolle über Territorien, Finanzströme und Loyalitäten hat, definiert die Ordnung. HTS wird durch Wahlen nicht entmachtet, sondern institutionalisiert. Die Lektion lautet: Stabilität entsteht nicht durch Verfassungen, sondern durch Machtbalance. Europa bleibt außen vor, weil es diese Logik nicht anerkennt.
Fünf Imperative strategischer Erneuerung
Souveränität durch Machtkonsolidierung: Eine europäische Verteidigungsunion mit Budgethoheit, Kommandozentrale und operativer Eingreiftruppe ist notwendig. Verteidigung ist keine Frage der Identität, sondern der Machtverfügung.
Rüstung als strategischer Sektor: Europas Verteidigungsindustrie muss von einer marktgetriebenen in eine strategisch gesteuerte Branche transformiert werden. Produktion, Standardisierung und Finanzierung brauchen zentrale Steuerung.
Nukleare Abschreckung europäisieren: Frankreichs Atomwaffen müssen in eine europäische Sicherheitsarchitektur eingebunden werden. Ohne nukleare Komponente bleibt Europa verwundbar.
Strategische Achse etablieren: Deutschland, Frankreich, Polen und Italien müssen eine Koalition der Entschlossenen bilden – als Nukleus für eine europäische Armee, gestützt auf politische Einheit und operative Fähigkeit.
Außenpolitik entmoralisieren: Europa muss lernen, zwischen Ziel und Mittel zu unterscheiden. Werte sind legitim, aber nicht handlungsleitend. Sicherheit entsteht aus strategischer Klarheit, nicht aus moralischer Konsistenz.
Schlussfolgerung: Die geopolitische Stunde Europas
Europa steht am Beginn eines neuen Zeitalters – nicht, weil es dies wählt, sondern weil die Welt es erzwingt. Der Kontinent hat noch die Ressourcen, die Legitimität und die geostrategische Lage, um ein eigenständiger Machtpol zu werden. Aber diese Rolle wird ihm nicht geschenkt. Sie muss erarbeitet, erstritten, organisiert werden.
In einer Welt multipolarer Ordnungen, asymmetrischer Kriege und technologischer Rüstung reicht es nicht, Zuschauer zu sein. Wer nicht handelt, wird behandelt. Wer nicht gestaltet, wird gestaltet. Die geopolitische Stunde Europas schlägt jetzt. Es ist Zeit für eine strategische Renaissance – mit Macht, Ordnung und Selbstbehauptung als ihrem Dreiklang.


