Zwischen Macht und Ohnmacht
Ein Essay über Trumps Konfrontationskurs, Pekings Griff nach der Weltmacht und Europas existentielle Entscheidung
Der Essay analysiert die Rückkehr Donald Trumps an die Macht als geopolitischen Wendepunkt: Die USA stellen sich auf eine systemische Konfrontation mit China ein – wirtschaftlich, technologisch und militärisch. Europa gerät dabei zunehmend zwischen die Fronten, ohne eigene strategische Handlungsfähigkeit. Zugleich offenbart die energiepolitische Abhängigkeit von den USA und innerer Dissens in der EU eine strukturelle Schwäche. Die zentrale These lautet: Nur ein souveräner europäischer Bundesstaat mit eigener Außen-, Sicherheits- und Energiepolitik kann Europa zur Ordnungsmacht in einer multipolaren Welt machen. Macht, Ordnung und strategische Selbstbeherrschung sind die Schlüssel zur europäischen Selbstbehauptung.
I. Prolog: Die Rückkehr der Geschichte
Am Beginn des 21. Jahrhunderts hegten viele westliche Eliten die Illusion, die Welt werde sich dauerhaft nach ihren Vorstellungen ordnen lassen: durch Handel, durch Werteexport, durch liberale Institutionen. Doch Geschichte verläuft nicht linear. Sie ist keine Fortschrittserzählung, sondern eine Abfolge zyklischer Machtverschiebungen. Was Francis Fukuyama einst als “Ende der Geschichte” deutete, war nichts weiter als ein geopolitischer Zwischenakt – eine Pause vor der Rückkehr des elementaren Strukturkonflikts: zwischen Ordnung und Chaos, zwischen Souveränität und Abhängigkeit, zwischen Macht und Ohnmacht.
Heute stehen wir am Vorabend eines neuen globalen Systemkonflikts. Die geopolitische Tektonik verschiebt sich. Die Vereinigten Staaten unter Donald Trump bereiten sich auf die offene Konfrontation mit China vor. Peking strebt nach globaler Vormacht, Washington antwortet mit Entkopplung und Eindämmung. Europa hingegen steht abseits – politisch zersplittert, strategisch unentschlossen, energiepolitisch erpressbar.
Die Frage, die sich nun stellt, ist nicht, wie Europa vermitteln kann – sondern ob es überhaupt noch als eigenständiger Machtfaktor existieren will.
II. Der neue Kalte Krieg: Washingtons strategische Neuausrichtung
Donald Trumps Rückkehr an die Macht ist keine Randnotiz, sondern ein geopolitischer Kulminationspunkt. Mit ihm kommt eine außenpolitische Elite an die Schalthebel, die weniger von Diplomatie als von strategischer Konfrontation geprägt ist: John Ratcliffe, Marco Rubio, Robert Lighthizer – sie alle stehen für eine kompromisslose Eindämmungspolitik gegenüber China. Ihre Agenda: wirtschaftliche Entkopplung, technologische Abkopplung, militärische Vorbereitung.
Doch was sich hier formiert, ist mehr als bloße Abschreckung. Es ist der Aufbau eines geopolitischen Gegengewichts auf allen Ebenen – ökonomisch, militärisch, ideologisch. Die Vereinigten Staaten verabschieden sich von jeder Ambivalenz und erklären China zur systemischen Bedrohung. Ein Kurswechsel, der nicht aus moralischer Entrüstung erfolgt, sondern aus strategischer Logik. Machtpolitik – in ihrer klassischen, unverhüllten Form – ist zurück.
Diese Entwicklung hat weitreichende Folgen für Europa. Denn sie zwingt den alten Kontinent zur Positionierung: Ist er Teil des amerikanischen Orbits? Oder formiert er sich endlich zu einem eigenständigen Pol in der neuen Weltordnung?
III. Musk, Macht und Märkte: Die Vermischung von Interessen
Ein bemerkenswerter Nebenschauplatz dieser Neuordnung ist die Rolle wirtschaftlicher Akteure. Elon Musk, der einzige prominente Trump-nahe Akteur mit signifikanten Interessen in China, wird zunehmend zur innenpolitischen Gegenkraft gegenüber dem Konfrontationskurs. Doch wer hierin ein Gegengewicht im klassischen Sinne sieht, verkennt die Logik der postmodernen Geopolitik: Nicht Staaten, sondern Konzerne verschieben die Linien. Nicht Interessenvertretung, sondern Einflussnahme. Musk verkörpert nicht Pluralismus, sondern die zunehmende Verschmelzung von Macht und Markt. Für Peking ist er das strategische Einfallstor in eine ansonsten geschlossene US-Administration.
Dieses Beispiel zeigt: Wer heute Macht analysiert, darf sich nicht länger auf staatliche Akteure beschränken. Die neue Weltordnung entsteht im Spannungsfeld zwischen politischen Strukturen und wirtschaftlicher Durchdringung. Ein Europa, das diese Dynamik ignoriert, bleibt Objekt – nie Subjekt geopolitischer Gestaltung.
IV. Europas energiepolitische Kapitulation
Parallel zur außenpolitischen Marginalisierung offenbart sich Europas geopolitische Schwäche in einer anderen Arena: der Energiepolitik. Der Versuch der EU-Kommission, Trump durch LNG-Deals milde zu stimmen, ist kein strategischer Coup – sondern ein Zeichen tiefer Orientierungslosigkeit. Wer amerikanisches Flüssiggas als Ersatz für russische Energie einführt, mag kurzfristig Diversifizierung betreiben, aber langfristig strukturiert er nur die Abhängigkeit um.
Washington nutzt LNG als geopolitisches Druckmittel – gegenüber China, gegenüber Russland und zunehmend auch gegenüber Europa. Ein Kontinent, der glaubt, politische Souveränität durch energiepolitische Zugeständnisse zu erkaufen, zeigt keine Partnerschaft, sondern Unterwerfung.
Hinzu kommt die innere Zerklüftung der EU: Während Brüssel strategische Autonomie beschwört, unterlaufen Mitgliedstaaten wie Ungarn oder Österreich jede Gesamtstrategie durch nationale Deals. Diese Fragmentierung ist keine technische Panne, sondern Ausdruck fehlender politischer Einheit. Ohne gemeinsame Energie- und Sicherheitspolitik bleibt Europa strukturell verwundbar – von Moskau, von Washington, ja selbst von eigenen Mitgliedern.
V. Zwischen zwei Imperien: Europas strategische Entscheidung
Die geopolitische Realität ist brutal: Europa steht zwischen zwei imperiale Ordnungsmodelle – das hegemoniale Amerika unter Trump und das expansionistische China unter Xi. Beide betrachten den Kontinent nicht als Partner, sondern als Spielfeld. Brüssel wird zum Objekt strategischer Erpressung: Folge dem US-Sanktionskurs – oder zahle mit Strafzöllen. Kooperiere mit China – oder verliere Zugang zu westlicher Technologie.
Der einzige Ausweg liegt in einer fundamentalen Neuorientierung: Europa muss Macht projizieren – nicht als Vermittler, sondern als Akteur. Das erfordert eine gemeinsame Außenpolitik, eine souveräne Industrie- und Digitalstrategie, eine europäische Armee mit nuklearer Abschreckung auf Basis französischer Kapazitäten. Deutschlands industrielle Basis, Frankreichs militärische Kraft, Polens geostrategische Lage und Italiens Zugang zum Mittelmeerraum bilden das strategische Fundament einer künftigen europäischen Ordnungsmacht.
VI. Epilog: Vom Objekt zum Subjekt – Europas letzte Chance
Die kommenden Jahre werden entscheiden, ob Europa in der Weltordnung von morgen eine Rolle spielt – oder ob es sich endgültig in die Peripherie zurückzieht. Die USA unter Trump setzen auf Konfrontation. China verfolgt eine stille, aber stetige Expansion. Europa hat die Wahl: Entweder es bleibt Zuschauer in einem Spiel der Großmächte – oder es wird selbst zur gestaltenden Kraft.
Doch diese Entscheidung duldet keinen Aufschub. Wer in der kommenden Epoche bestehen will, muss drei Elemente in sich vereinen: Macht, Ordnung und strategische Selbstbeherrschung.
Europa hat das Potenzial zur Großmacht – aber nicht mehr die Zeit zur Selbstfindung.
Die Welt wartet nicht. Sie formiert sich neu. Und nur wer handelt, bleibt bestehen.


