Jenseits von Krieg und Frieden
Ein Essay über die neue Balance im Mittleren Osten
Wer das Machtspiel des 21. Jahrhunderts verstehen will, darf sich nicht von den Schlagzeilen leiten lassen. Der Blick muss tiefer gehen. Nicht das, was laut ist, sondern das, was still verhandelt wird, bestimmt die tektonischen Verschiebungen unserer Zeit. So wie einst das Römische Reich nicht an den Germanen scheiterte, sondern an der inneren Überdehnung und dem falschen Vertrauen in ewige Vormacht, steht auch die amerikanische Ordnung heute am Wendepunkt. Der Nahe Osten war immer der Ort, an dem Imperien auf die Probe gestellt wurden. Hier entscheidet sich, wer die Regeln schreibt – und wer sie befolgen muss.
Seit der Rückkehr Donald Trumps ins Weiße Haus Anfang 2025 vollzieht sich eine geopolitische Neuausrichtung im Mittleren Osten, deren Tragweite bisher unterschätzt wird. Zwischen Washington und Teheran bahnt sich eine diplomatische Annäherung an, die nicht aus Vertrauen, sondern aus gegenseitiger Schwäche geboren wurde. Beide Mächte, so unterschiedlich sie auch sein mögen, sind von den Realitäten des Krieges ebenso erschöpft wie von den Illusionen des Friedens. Während Iran nach dem Kollaps seines regionalen Einflusses – vom Fall Assads bis zur Zerschlagung seiner Proxys – die eigene Position neu kalibrieren muss, erkennt Washington, dass militärische Dominanz nicht mehr reicht, um Ordnung zu erzwingen. Trump, der Architekt einer post-ideologischen US-Außenpolitik, will einen Deal, keinen Sieg. Und Teheran braucht eine Atempause, keinen totalen Zusammenbruch.
Seit April 2025 verhandeln die USA und Iran über eine Neuauflage des Atomabkommens. Anders als 2015 stehen diesmal keine liberalen Weltverbesserer am Verhandlungstisch, sondern harte Realisten. Trump droht mit Luftangriffen, bietet aber zugleich wirtschaftliche Anreize. Iran seinerseits setzt auf nukleare Erpressung, signalisiert aber erstmals echte Konzessionsbereitschaft. Das ist kein moralischer Fortschritt – sondern ein Balanceakt zweier Mächte, die erkennen, dass Eskalation zur Selbstzerstörung führen könnte. Entscheidend ist: Der historische Sonderweg Irans, der seit 1979 zwischen Revolutionsexport und Abschreckung pendelte, hat seine strategische Wirkungskraft eingebüßt. Die Achse des Widerstands ist gebrochen, die Isolation bedroht die Stabilität des Regimes.
Doch ein Deal zwischen Washington und Teheran ist nicht nur bilaterale Zweckrationalität. Er ist eingebettet in ein größeres Schachspiel: den Kampf um die Ordnung des Nahen Ostens zwischen den drei neuen Weltzentren USA, China und Indien. China hatte in den vergangenen Jahren klug vorgebaut. Es band die Golfstaaten über Infrastruktur, Technologie und Energie in sein BRI-Netzwerk ein, vermittelte gar zwischen Iran und Saudi-Arabien. Peking wollte als Brückenbauer erscheinen, während Washington als Unruhestifter galt. Doch Trumps jüngste Golf-Tour hat das Blatt gewendet. Mit Milliarden-Deals für KI-Technologien, militärischer Rückversicherung und offener Unterstützung der saudischen Vormachtpläne meldet sich die Supermacht zurück. Der Preis für dieses Comeback: bedingungslose Präferenz für Interessen statt Werte.
Der Wandel in der Golfregion ist dabei mehr als ein regionaler Trend. Saudi-Arabien und die VAE, einst Speerspitzen des anti-iranischen Lagers, verfolgen nun einen Kurs strategischer Diversifikation. Sie wollen keinen Krieg, sondern Kapital. Der Feind von gestern wird zum möglichen Geschäftspartner von morgen. Diese Verschiebung, geboren aus wirtschaftlichem Kalkül und geopolitischer Übermüdung, schafft neue Spielräume. Wenn Iran auf sein Atomprogramm verzichtet, winken Investitionen und Stabilität. Wenn nicht, droht ein israelischer Erstschlag, dessen Konsequenzen unkalkulierbar sind. Der Schatten Mossads liegt über jeder Verhandlungsrunde in Rom. Auch deshalb drängt Washington zur Eile.
Die strategische Tiefe des neuen amerikanischen Kurses liegt in seiner Doppeldeutigkeit: Trump bietet Partnerschaft – aber nur gegen Kontrolle. Wer Schutz will, muss zahlen. Wer investieren will, darf keine Illusionen über moralische Standards hegen. Das mag zynisch erscheinen, ist aber ehrlich. In einer Welt multipolarer Anarchie ersetzen Deals die Doktrinen. Diese Welt kennt keine Freunde, nur Interessen. Der Nahe Osten wird so zum Testlabor einer neuen Großstrategie: Rückkehr zur Ordnung durch Macht, nicht durch Mission.
Zugleich ist diese Neuordnung eine direkte Antwort auf Chinas Ambitionen. Während Peking in Sudan, Syrien und Iran durch Proxies Einfluss zu sichern versucht, setzt Washington auf das bewährte Mittel der Kooptation. Wer mitspielt, profitiert. Wer nicht, wird isoliert. Die Entsanktionierung Syriens, die Annäherung an das neue Regime in Damaskus, gar die mögliche diplomatische Öffnung Israels gegenüber Al-Sharaa: all das sind keine moralischen Kehrtwenden, sondern pragmatische Manöver, um den Raum für China zu verengen. Die Geopolitik kennt keine Ideologien – nur Wirkungsgrade.
Bleibt die Frage, was daraus folgt. Sollte es tatsächlich zu einer Einigung mit Iran kommen, hätte das Auswirkungen weit über den Nahen Osten hinaus. Es wäre ein Beweis, dass strategische Selbstbeherrschung – nicht Eskalation – die tauglichste Form imperialer Machtentfaltung ist. Zugleich wäre es ein Weckruf für Europa: Wer nicht mitspielt, wird zur Zuschauerregion degradiert. Die strategische Passivität der Europäer – das Abwarten, das Mahnen, das Moralisieren – hat keinen Platz in einer Welt, in der Deals schneller gemacht als verstanden werden.
Machtpolitik hat keine Geduld mit Illusionen. Die kommenden Jahre werden zeigen, wer in der Lage ist, Interessen in Einfluss zu übersetzen. Der neue amerikanisch-iranische Dialog, so prekär er auch ist, markiert einen Wendepunkt: Nicht Sieg, sondern Ordnung ist das Ziel. Wer Ordnung will, muss bereit sein, sie notfalls mit Macht zu sichern. Doch nur, wer dabei strategische Selbstbeherrschung wahrt, wird auf Dauer bestehen. In diesem Dreiklang – Macht, Ordnung, Selbstbeherrschung – entscheidet sich die Zukunft des Nahen Ostens. Und vielleicht die der ganzen Welt.


