Zwischen Stellvertreterkriegen und Machtvakuum: Der Nahe Osten als Prüfstein europäischer Souveränität
Ein Essay über strategische Entschlossenheit, schwindende Ordnung und die Notwendigkeit europäischer Machtprojektion
In der Geschichte internationaler Beziehungen war der Nahe Osten stets mehr als nur ein Schauplatz geopolitischer Spannungen. Er war Gradmesser imperialer Ordnungsansprüche – vom römischen Orient über das osmanische Kalifat bis zur britischen Mandatsmacht. Heute, in der tektonischen Verschiebung hin zu einer multipolaren Welt, tritt die Region erneut als geostrategisches Epizentrum hervor. Doch diesmal fehlt es an imperialer Ordnungsmacht.
Die gegenwärtige Konfrontation zwischen Israel und dem Iran markiert mehr als einen bloßen Schlagabtausch. Sie entlarvt die Erosion westlicher Steuerungskraft, offenbart das strategische Dilemma regionaler Akteure und zwingt Europa zur Beantwortung einer lange verdrängten Frage: Will es noch Subjekt der Geschichte sein – oder bleibt es Beobachter geopolitischer Zerfallsprozesse?
I. Der inszenierte Gegenschlag: Irans Raketen und das Spiel mit dem Scheitern
Am 13. April 2024 durchquerten über 180 ballistische und hyperschallschnelle Flugkörper den arabischen Himmel – abgeschossen vom Iran, zielgerichtet gegen Israel. Militärisch blieb der Angriff weitgehend folgenlos. Politisch jedoch war er ein feinjustiertes Manöver strategischer Ambivalenz: sichtbar, aber ineffektiv; martialisch, aber kalkuliert harmlos. Die Botschaft war nicht Zerstörung, sondern Positionierung.
Der Iran, durch gezielte israelische Tötungen seiner Stellvertreter-Führung (u.a. in Damaskus) unter Zugzwang geraten, wählte den Mittelweg zwischen Rache und Realpolitik. Die Raketen waren keine Kriegserklärung, sondern ein Signal – an Teheran selbst, an die Straße von Beirut bis Bagdad, aber auch an Jerusalem: “Wir sind bereit zu antworten – aber noch nicht bereit zu eskalieren.”
Diese Form des „kalkulierten Scheiterns“ ist Ausdruck eines tieferliegenden Machtproblems: Der Iran ist angeschlagen. Wirtschaftlich isoliert, innenpolitisch instabil und außenpolitisch überdehnt, bleibt ihm nur die symbolische Machtdemonstration. Die Raketen waren daher nicht Waffe, sondern Sprache. Eine Sprache, die in einer Welt ohne verbindliche Ordnung zunehmend zur ultima ratio wird.
II. Die Eliminierung Nasrallahs: Der Rückschlag für asymmetrische Macht
Wenige Wochen später folgte ein weit gravierenderes Ereignis: die gezielte Tötung Hassan Nasrallahs – des charismatischen, langjährigen Anführers der Hisbollah. Für Israel war dieser Schlag mehr als ein taktisches Signal. Er war eine strategische Setzung: Der Nationalstaat beansprucht erneut das Primat über die asymmetrische Kriegsführung.
Nasrallah war kein einfacher Kommandeur. Er war Knotenpunkt der iranischen Stellvertreterarchitektur – ideologisch, operativ, psychologisch. Seine Ausschaltung ist nicht nur ein Gesichtsverlust für Teheran, sondern eine Infragestellung des gesamten Modells schiitischer Machtprojektion zwischen Persischem Golf und Mittelmeer.
Hier offenbart sich eine fundamentale Lehre: Der souveräne Staat, wenn er strategisch geführt wird, ist nicht obsolet – er ist überlegen. Nicht Flexibilität allein entscheidet geopolitische Konflikte, sondern die Fähigkeit zur kalkulierten Entschlossenheit. Israels Schlag belegt, was Clausewitz einst formulierte: Überraschung und Wille sind die Architekturen militärischer Überlegenheit.
III. Washingtons Schwäche: Die Entmachtung des westlichen Dirigismus
Die Vereinigten Staaten – traditionell Ordnungsfaktor in der Region – erscheinen zunehmend als Schatten ihrer selbst. Die Tötung Nasrallahs geschah nicht in Abstimmung mit Washington, sondern im Alleingang. Auch der iranische Raketenangriff wurde weitgehend ohne Rücksprache mit amerikanischen Stellen beantwortet – weil es keinen handlungsfähigen Ansprechpartner mehr gibt.
Die Biden-Administration mahnte zur Deeskalation, während die Ereignisse längst ein Eigenleben entwickelt hatten. In einer Welt, in der Machtwahrnehmung entscheidender ist als Diplomatie, ist dies der Super-GAU jeder Hegemonialmacht: der Verlust der Kontrolle über Eskalationsdynamiken.
Noch gravierender ist der psychologische Effekt. Partner verlieren das Vertrauen in amerikanische Schutzversprechen. Gegner erkennen das Machtvakuum – und handeln. Die USA sind nicht mehr Orchestrator der Weltpolitik, sondern Getriebene eigener Inkonsequenz. Ihre Ära hegemonialer Steuerungskraft neigt sich dem Ende entgegen – auch im Nahen Osten.
IV. Europas Abwesenheit: Die Selbstverzwergung eines Kontinents
Inmitten dieser strategischen Umwälzung herrscht in Europa vor allem eines: Schweigen. Kein sicherheitspolitischer Impuls, kein strategischer Vorschlag, keine Machtprojektion. Während sich Israel und Iran auf einem neuen Eskalationsniveau bewegen, während der amerikanische Einfluss verdunstet, bleibt Europa Beobachter – und verliert damit seine Relevanz.
Das ist sicherheitspolitisch nicht nur fahrlässig, sondern existenziell gefährlich. Der Nahe Osten bleibt Europas unmittelbare Nachbarschaft – energetisch, migrationspolitisch, sicherheitstechnisch. Doch ohne eigene militärische Handlungsfähigkeit, ohne nukleare Abschreckung, ohne geopolitische Strategie ist Europa kein Akteur, sondern eine Zuschauertribüne auf dem Schachbrett der Macht.
Die strukturelle Ohnmacht Europas ist das Resultat jahrzehntelanger Selbsttäuschung: Die Illusion, durch Handel Frieden zu schaffen; die Abhängigkeit von amerikanischer Schutzmacht; die Fragmentierung politischer Entscheidungsstrukturen. Das Ergebnis ist eine außenpolitische Naivität, die in einer Welt zurückkehrender Machtpolitik zur tödlichen Schwäche wird.
V. Schlussfolgerung: Der Nahe Osten als Prüfstein europäischer Wiedergeburt
Der geopolitische Flächenbrand zwischen Iran und Israel ist kein isolierter Konflikt, sondern Symptom einer neuen Weltordnung. Eine Ordnung, die nicht durch Werte, sondern durch Kräfteverhältnisse bestimmt wird. Eine Ordnung, in der Abschreckung, Präsenz und strategische Geduld die neuen Devisen internationaler Handlungsfähigkeit sind.
Europa steht an einer Weggabelung. Entweder es akzeptiert seine Rolle als sicherheitspolitischer Vasall – oder es entscheidet sich für den Weg zur strategischen Autonomie. Letzteres bedeutet: Aufbau eigener militärischer Strukturen, europäische Nuklearstrategie, souveräne Außenpolitik – und ein neuer politischer Wille zur Macht.
Die Formel für diese Renaissance lautet: Macht plus Ordnung plus Selbstbeherrschung.
Denn wer in dieser neuen Welt nicht selbst handelt, wird zum Objekt fremder Strategien. Der Nahe Osten ist nicht nur das Schlachtfeld fremder Imperien – er ist der Prüfstein europäischer Zukunft.
Europa muss lernen, wieder Geschichte zu schreiben. Sonst wird es von ihr geschrieben.


